Stormarn
Flüchtlingsunterbringung

Glinde: Flüchtlinge sollen in die Sporthallen

Foto: René Soukup

Notunterkünfte am Schulzentrum und in Wiesenfeld möglich. Umbau der Ex-Kneipe Jever Deel zum Jugendzentrum könnte sich verzögern.

Glinde.  Bürgermeister Rainhard Zug spricht von einem „dramatischen Eingriff in die Schullandschaft“. Noch im Konjunktiv. Doch schon bald könnte die Unterbringung von Flüchtlingen in Sporthallen der Stadt Glinde Realität werden. Hunderte Jungen und Mädchen müssten in diesem Fall beim Sportunterricht improvisieren.

„Stand jetzt werden alle anderen Aufnahmekapazitäten Mitte Dezember erschöpft sein. Dann müsste ich diesen Schritt anordnen“, sagt der Verwaltungschef. Konkret geht es um die beiden Hallen des Schulzentrums am Oher Weg sowie die Gymnastikhalle der Schule Wiesenfeld als Notquartier.

Containerhäuser, geförderte Wohnungen und Mobilwohnheime sind geplant

Welchen Standort Zug zuerst belegen würde, hat er noch nicht entschieden. Er sagt: „Bei dem Thema gibt es aber keine Tabus mehr.“ Die Unterbringung von Flüchtlingen habe Priorität. Derzeit leben in Glinde 165 Menschen aus Krisen- und Kriegsregionen, die Verwaltung rechnet mit rund 300 bis Ende des Jahres.

Anfang November wird eine weitere Unterkunft mit Platz für 26 Menschen am Willinghusener Weg fertiggestellt. Kosten: rund 500.000 Euro. Zwei Containerhäuser identischer Größe sollen im März gleich nebenan realisiert werden. Dafür wird demnächst ein kleines Waldstück gerodet.

Außerdem sind 26 öffentlich geförderte Wohnungen am Holstenkamp Ecke Rotdornweg geplant, Einzugstermin ist frühestens Ende 2016. Hinzu kommen vier Mobilwohnheime mit 104 Plätzen am Schlehenweg, die nicht vor Oktober kommenden Jahres zur Verfügung stehen. Also zu spät, um den Bedarf schnell zu decken.

SPD-Vorsitzender Frank Lauterbach warnt vor kippender Stimmung

Laut Zug sind die Sporthallen nur zur vorübergehenden Unterbringung gedacht. „Die Schule Wiesenfeld verfügt über eine Mensa. Dort können die Flüchtlinge verpflegt werden“, sagt er. Am Oher Weg, wo das Gymnasium und die Sönke-Nissen-Gemeinschaftsschule beheimatet sind, soll in der ehemaligen Kneipe Jever Deel gespeist werden. Sie trennt die beiden Schulsporthallen und soll im Frühjahr 2016 zu einem Jugendzentrum umgebaut werden . Ob das Projekt zu diesem Zeitpunkt umgesetzt wird, ist nun fraglich.

Das bringt vor allem die Grünen auf die Palme. Deren Ortsvorsitzender Jan Schwartz sagt: „Der Bürgermeister nutzt die angespannte Situation um die Flüchtlinge aus, um das ohnehin von ihm nicht geliebte Projekt eines Jugendtreffs zu torpedieren. Dabei bräuchten wir gerade wegen der vielen jungen Flüchtlinge ein solches Zentrum noch viel früher als geplant.“

Der Treff ist eine Idee der Grünen. Sie haben jahrelang dafür gekämpft und schafften es, die SPD mit ins Boot zu holen. „Wir müssen was für Flüchtlinge machen, können aber nicht alles andere fallen lassen“, sagt Schwartz. Er hält es für einen großen Fehler, vom Zeitplan abzuweichen.

Ähnlich bewertet der SPD-Vorsitzende Frank Lauterbach die Situation: „Wenn wir alles wegen der Flüchtlinge stoppen, bekommen wir ein Problem mit der Bevölkerung.“ Man müsse aufpassen, dass die Stimmung in Glinde nicht kippe. Der Sozialdemokrat will an der Realisierung des Jugendzentrums festhalten. Er sagt: „Der Treff kann auch einen Beitrag zur Integration leisten.“ Geht es nach Lauterbach, würden die Flüchtlinge im Notfall eher in der Gymnastikhalle in Wiesenfeld als am Oher Weg untergebracht. „Die Belegung von Sporthallen ist aber die letzte Option.“

Schulleiter Sascha Plaumann hat Verständnis für den Notplan

Der Leiter der Sönke-Nissen-Gemeinschaftsschule, Sascha Plaumann, kann die Ankündigung des Bürgermeisters nachvollziehen: „Schulsport ist zwar wichtig, aber wir verschließen uns der Hilfe nicht.“ Nichts sei höherwertig als ein Menschenleben.

Edith Ulferts, Fachbereichsleiterin Soziales und Gesundheit in der Kreisverwaltung und zuständig für die Verteilung der Flüchtlinge, hält es für möglich, „dass mehrere Stormarner Kommunen künftig auch Sporthallen nutzen“. Sie hatte jüngst die Unterbringungsmöglichkeiten in den Städten und Gemeinden abgefragt. „Alle haben extreme Schwierigkeiten.“ Derzeit leben in Stormarn rund 1800 Flüchtlinge. Im Schnitt kommen laut Ulferts pro Woche 80 dazu – Tendenz steigend.