Riesenschnauzer

So spürt Rettungshund Charly vermisste Menschen auf

| Lesedauer: 7 Minuten
Julia Sextl
Susanne und Knut Harder von der DLRG-Rettungshundestaffel. Suchhund Charly ist noch ein bisschen müde, er musste in der Nacht zuvor arbeiten

Susanne und Knut Harder von der DLRG-Rettungshundestaffel. Suchhund Charly ist noch ein bisschen müde, er musste in der Nacht zuvor arbeiten

Foto: Julia Sextl / HA

Susanne und Knut Harder aus Hamfelde gehören mit ihrem Riesenschnauzer-Mix zur Rettungshundestaffel der DLRG in Stormarn.

Hamfelde.  Wenn nachts das Telefon Susanne Harder und ihren Hund Charly aus dem Schlaf reißt, geht es um Leben und Tod. Dann streifen sie wenig später im Dunkeln durch Wiesen und Wälder, schlagen sich durch stachelige Büsche und stapfen durch Morast. Die 60-Jährige und ihr Riesenschnauzer-Mix gehören zur Rettungshundestaffel der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Sie suchen Menschen. die von anderen vermisst werden. Sie kommen immer dann zum Einsatz, wenn Polizei und Feuerwehr an ihre Grenzen stoßen.

Zur Suche reicht schon eine Sonnenbrille des Vermissten

„Hunde können die Spur eines Menschen kilometerweit verfolgen. Was sie riechen, sind unsere Bakterien beziehungsweise deren Zersetzungsprodukte“, sagt Susanne Harder, die neben ihrem Engagement für die DLRG auch Wehrführerin der Freiwilligen Feuerwehr ihres Heimatortes Hamfelde ist. Der Geruchssinn von Hunden ist um ein Vielfaches besser als der des Menschen: Um eine Fährte aufnehmen zu können, muss der Hund nicht etwa an einem verschwitzten T-Shirt des Vermissten riechen. Es genügt schon eine Sonnenbrille oder ein Handy. Für die Suche fertigt Harder meist eine sogenannte Geruchskopie an: „Ich nehme eine sterile Mullbinde, gebe zwei Tropfen einer Kochsalzlösung darauf und berühre damit beispielsweise die Sonnenbrille für zwei Minuten.“ Charly schnüffelt einmal an der Mullbinde – und los geht’s.

„Die Rettungshunde sind normale Familienhunde, vom Jack Russel Terrier bis zum Dalmatiner“, sagt Harders Ehemann Knut. Er ist der Vorsitzende der DLRG Stormarn und koordiniert als Staffelleiter die Einsätze der Rettungssuchhunde. Im Moment besteht die Gruppe aus zwölf Teams, also jeweils einem Hund und dessen Hundeführer. Sie kommen im Kreis Stormarn und im Herzogtum Lauenburg zum Einsatz und sind für unterschiedliche Bereiche ausgebildet.

Die Flächensuchhunde beispielsweise sind darauf trainiert, ein großes Gebiet abzusuchen. Die Personenspürhunde, auch Mantrailer genannt, sind hingegen nur auf einen bestimmten Geruch konzentriert, dem sie konsequent folgen. Auch für die Wasserrettung sind einige der Hunde ausgebildet: Sie können Menschen im Wasser riechen – auch Personen in einer Tiefe von bis zu 50 Meter.

Es begann mit Charlys Vorliebe für Brombeeren

Dass Charly zum Personenspürhund wurde, ist seinem großen Appetit auf Brombeeren zu verdanken. Als er vor zwölf Jahren als Welpe zu Susanne Harder kam, kletterte er auf einen mit Folie bedeckten Stapel Holz. „Und dann fing er tatsächlich an, sich aus dem dahinter liegenden Knick die Brombeeren zu stibitzen. Da dachte ich, der Hund muss unbedingt sinnvoll beschäftigt werden. Zur Rettungshundearbeit sind mein Mann und ich also durch Charly gekommen.“

Seitdem heißt es zwei Mal pro Woche: Training – gemeinsam mit den anderen Suchhunden und deren Herrchen und Frauchen. Die Ausbildung dauert in der Regel zwei Jahre während des gemeinsamen Trainings. „Die Ausbilder richten die Übungen danach aus, wie weit der Hund schon ist“, sagt Susanne Harder. Beispielsweise, wenn ein Hund bei einem Einsatz in eine stachelige Brombeerranke getreten war und er diese Büsche fortan meidet. „Dann verknüpft der Hund damit: ,Das tut weh’. Dann muss das Tier neu motiviert werden. Man kann ihm eine Wurst vor die Nase halten oder ein Spielzeug“, sagt Harder. Es gehe immer darum, dass der Hund merke: „Wenn er da jetzt hingeht, dann passiert etwas ganz Tolles.“ Auf diese Weise laufen auch die Sucheinsätze ab: Der Hund folgt an einer langen Leine der Geruchsspur. Hat er die vermisste Person gefunden, bekommt er seine Belohnung. „Man muss herausfinden, was das ,ganz Tolle’ für den Hund ist“, sagt Susanne Harder. Manche Tiere wollten nur geknuddelt werden. Andere liebten Fleischwurst oder ein Spielzeug. Das herauszufinden, könne sehr viel Geduld vom Halter erfordern. Und auf was fährt Charly ab? „Ganz doll auf sein Quietschi“, sagt Susanne Harder und lächelt. Quietschie, ein aus menschlicher Sicht potthässlicher Gummiball, gibt aus Charlys Hundemaul hohe Quietschgeräusche von sich. Für das Interview durfte der Riesenschnauzer-Mix es auch ohne vorherigen Sucheinsatz vorführen. „Das ist dann eben das Geschick“, sagt Harder, „herauszufinden, was für den Hund das Besondere ist. Bei meinem hat das sehr lange gedauert.“

Oft sind des Vermisste aus Pflegeheimen, die Charly sucht

Während Susanne und Knut Harder erzählen, liegt Charly dösend im Garten. Er ist müde. Bis fünf Uhr morgens hat der Einsatz in der vergangenen Nacht gedauert. „Wir werden leider meistens sehr spät alarmiert. Vergangene Nacht zum Beispiel erst um 1.45 Uhr“, sagt Knut Harder. Dabei gingen die Vermisstenanzeigen oft viel früher ein. Der 63-Jährige wirkt etwas unzufrieden. „Es ist die Entscheidung der Polizei, wann sie uns informiert.“

Oft sind es verwirrte Menschen aus Pflegeheimen, die stundenlang durch die Gegend irrten. Dass sie vermisst werden, fällt meist beim Abendessen auf. Harder: „Dann sucht erst einmal das Pflegepersonal nach ihnen, dann wird die Polizei informiert, oft wird noch die Feuerwehr ins Boot geholt“, sagt der Stormarner DLRG-Vorsitzende. Wertvolle Stunden verstreichen so. „Wenn der Vermisste im Schnitt drei Kilometer pro Stunde zurücklegt, wir aber erst viele Stunden später informiert werden – dann können Sie sich vorstellen, welche Entfernung er in dieser Zeit zurückgelegt hat“, sagt Susanne Harder. Das mache die Suche zum einen für den Hund anstrengender, der dem Gesuchten Meter für Meter hinterherlaufen müsse.

Aber auch die verwirrte Person sei stärker gefährdet: „Wenn sie zum Beispiel hinfällt und nicht mehr weiter kann. Der Körper kühlt schnell aus“, sagt Harder. Verwirrte Menschen gehen oft merkwürdige Wege. Laut Harder verlassen sie teils die Straßen, klettern über Mauern auf verwilderte Grundstücke – oder laufen im Kreis.“ Trotz ihres Alters entwickelten manche fast übermenschliche Kräfte, sagt die Hundeführerin. „Manchmal ist es schwer vorstellbar, dass ein 90-Jähriger solche Hindernisse überwindet.“

Rund 40 Einsätze hat die Hundestaffel im Jahr

Nicht nur demente Menschen profitieren von der Arbeit der Suchhunde. „Manchmal ist es auch ein junges Mädchen, das Liebeskummer hat“, sagt Harder. Im Schnitt 40 Einsätze hat seine Hundestaffel im Jahr. Meist verlaufen sie erfolgreich. Manchmal aber auch nicht. „Jährlich sind es etwa zwei bis drei Menschen, die wir nicht mehr retten konnten“, sagt Knut Harder. Und: Etwa die gleiche Zahl an Menschen tauche nie mehr auf. „Die sind dann einfach weg. Als hätten sie sich in Luft aufgelöst“, sagt Susanne Harder. Das Gefühl jedoch, einem hilflosen Menschen das Leben retten zu können, das sei einfach unbeschreiblich.

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