Stormarn
Episodenfilm

Ein Dorf ist filmreif: Großenseefilm "Klangbilder"

Im Großensee-Film „Klangbilder“ posieren die Chormitglieder von „S(w)inging Großensee“ am Ufer – zu Klängen von „Er hat ein knallrotes Gummiboot“

Foto: Walter Domscheit

Im Großensee-Film „Klangbilder“ posieren die Chormitglieder von „S(w)inging Großensee“ am Ufer – zu Klängen von „Er hat ein knallrotes Gummiboot“

Walter Domscheit war mit der Kamera unterwegs und fing mehr als 100 Episoden ein. Nun zeigt der Produzent das Ergebnis.

Grossensee.  Am Anfang ist die "Morgenstimmung". Rehe suchen auf der mit kaltem Reif überzogenen Graswiese nahe des Großenseer Ortsteils Schierholzkaten nach Futter. Noch tragen die Bäume keine Blätter. Dann ein Szenenwechsel: Dichte Nebelschwaden liegen über dem Großensee, während im Hintergrund allmählich die Sonne aufgeht. Immer noch ist die Klaviermusik des norwegischen Komponisten Edvard Grieg zu hören. Großensee zeigt sich von einer sehr schönen Seite.

Es sind Szenen aus dem Großensee-Film "Klangbilder", den Walter Domscheit in anderthalb Jahren produziert hat. Es ist eine Homage an alles, das ihm schon seit seiner Jugend vertraut ist: die Geschichte des Dorfes. Die Menschen im Dorf. Und all die Lieblingsplätze. An diesem Sonnabend stellt der 66-Jährige den Film um 18.30 Uhr im Großenseer Dörphus an der Hamburger Straße vor. Rund 160 Personen finden in dem Saal Platz. Alle Eintrittskarten sind verkauft. Das Abendblatt hat den Film schon vorab gesehen.

"Guten Morgen, Großensee", kommentiert eine männliche Stimme die folgende Filmszene, die eine weiß und schwarz gescheckte Katze zeigt. Es ist die Stimme des Schauspielers Hans Heller. "Die Tonaufnahmen haben wir im Studio der Hamburger Hochschule für Bildende Künste gemacht", sagt Domscheit. Die Klaviermusik, die in der Filmvorschau noch von Band abläuft, spielt Karolina Trojok bei der Premiere im Dörphus live.

Die Sängerin Katharina Maria Kagel hat die Großenseer interviewt

Vor etwa zwei Jahren fingen Domscheit und die Opern- und Konzertsängerin Katharina Maria Kagel an, über einen Film über ihren Wohnort nachzudenken. Im Frühjahr vergangenen Jahres starteten die Dreharbeiten. "Katharina lud viele Großenseer dazu ein, am Projekt teilzunehmen und führte Interviews", sagt Domscheit. Seher Komut assistierte dem Produzenten bei den Film- und Tonaufnahmen. Der Arbeitskreis des Naherholungs- und Kulturvereins unterstützte das Low-Budget-Projekt finanziell. Bei der Filmpremiere sorgt Ingo Heitmann für die Lichttechnik und führt den Soundcheck durch.

Für seinen Film besuchte Domscheit die Großenseer Sportclubs, filmte im Kameradschaftsraum der Freiwilligen Feuerwehr, im Atelier der Möbeldesignerin und Restaurateurin Anna Anderson und in der Werkstatt des Kfz-Meisters Ruthard Berlett. Der 66-Jährige nahm an Spaziergängen der Senioren-Union teil und ließ sich die antike Flaschensammlung im Keller von Hobbysammler Siegfried Ulrich zeigen.

Auch Aufnahmen, die vor dem Projektstart entstanden, verwendet der 66-Jährige. So schaffte es auch eine Aufnahme von 2007 in den Film, die den Dorfbesuch von Gunter Gabriel dokumentiert. Die Qigong- und Rückenschule des Großenseer Sportvereins hatte zur Rosenmontags-Feier in das Restaurant "Zur Corbek" an der Trittauer Straße eingeladen: Im Film heißt die damalige Pächterin Brigitte Thumann den Schlagersänger in Großensee willkommen. Die darauffolgende Szene zeigt Gabriel Gitarre spielend. Zusammen mit Dorfbewohnern, die zum Fasching bunt verzierte Hüte tragen, singt er "Komm unter meine Decke". Mehr als 100 kleine Dorfgeschichten erzählt Domscheit auf diese Weise. "Die Szenen sind so angeordnet, dass sie einen Tag in Großensee zeigen, von Sonnenaufgang bis zum Abend", sagt er. Zusätzlich hat der Journalist im Ruhestand die Sequenzen nach Jahreszeiten sortiert. Januar-Morgen und Dezember-Abend klammern den Film.

Aber erst mal ist Sommer. Am Ufer des Großensees stehen 15 Frauen in Badeklamotten. Es sind die Chormitglieder von "S(w)inging Großensee". Zum Song der norwegischen Schlagersängerin Wencke Myhre stimmen die Frauen "Er hat ein knallrotes Gummiboot" an. Immer, wenn im Liedtext das Wort "Knall" vorkommt, werfen sie beide Arme in die Höhe. Vor sich haben sie einen aufblasbaren, blauen Gummihund, eine gelbe Quietschente und einen roten Rettungsring drapiert. Als die zweite Strophe einsetzt, laufen sie kreischend ins Wasser und stürmen das graue Schlauchboot der Freiwilligen Feuerwehr, mit dem der Ehemann eines Chormitgliedes auf dem Großensee umher paddelt.

Eigentlich wollte Domscheit nur Landschaftsaufnahmen verwenden

"Wir haben die Aufnahmen bei strahlendem Sonnenschein gemacht und hatten alle sehr viel Spaß", sagt Katharina Maria Kagel, die den Chor vor etwa zwei Jahren gegründet hat. Bei der Filmpremiere führt die Sängerin durch den Abend. "Der Film wird nicht in einem Stück gezeigt, sondern in mehreren einzelnen Passagen", sagt Kagel. Dazwischen sind Talkrunden mit den im Film vorkommenden Dorfbewohnern eingeplant sowie Bühneneinlagen der beiden Großenseer Chöre und weiterer ortsansässiger Vereinen.

Filmmaterial für etwa zwei Stunden hat Domscheit für Sonnabend vorbereitet. "Am Anfang waren nur Landschaftsaufnahmen mit musikalischer Untermalung geplant", sagt Domscheit und lacht. Noch in der vergangenen Woche filmte der 66-Jährige in der Reitschule von Anika Schmidt an der Sieker Straße. Nur wenige Tage vor der Filmpremiere passte er den Ton und die Farbe der einzelnen Filmsequenzen mithilfe einer Computersoftware an. Ein Prozedere, das ihm bereits aus dem Berufsleben bekannt ist: Als Fernsehjournalist arbeitete Domscheit jahrelang bei einer Hamburger Agentur.

1957 war er mit seiner Familie nach Großensee gezogen. Als 16-Jähriger begann er eine Ausbildung zum Fotografen. "An den Wochenenden hat mein Chef mir manchmal eine Kamera ausgeliehen, damit ich üben konnte", sagt Domscheit.

Manche der Aufnahmen, die er als Jugendlicher am alten Großenseer Sportplatz machte, verwendet Domscheit ebenfalls in seinem Film. "Damals haben wir mehrmals im Jahr an der Bude gefeiert", erinnert sich Domscheit. Die Bude war eine spartanisch eingerichtete Holzhütte, die der Großenseer Fritz Maß 1963 zimmerte und zusammen mit seiner Frau Inge Maaß bewirtete. Zu sehen sind auch Schwarz-Weiß-Fotografien aus den vergangenen Jahrzehnten, die die Großenseer beim Vogelschießen, beim Ringreiten oder bei der Heuernte zeigen. In den kommenden Wochen will Domscheit den Großensee-Film als DVD und Blu-Ray-Disc herausbringen.

Bestellung unter www.großensee-film.de

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