Stormarn
Ahrensburg

Die Kandidaten zeigten wenig Kante

Großer technischer Aufwand für eine wenig ergiebige Diskussion: die Kandidaten Michael Sarach (v.l.), Jörg Hansen und Christian Conring, daneben Moderator Jochen von Allwörden sowie Bürgervorsteher Roland Wilde

Großer technischer Aufwand für eine wenig ergiebige Diskussion: die Kandidaten Michael Sarach (v.l.), Jörg Hansen und Christian Conring, daneben Moderator Jochen von Allwörden sowie Bürgervorsteher Roland Wilde

Foto: Lutz Wendler

Von einem echten Wahlkampf kann auch bei der offiziellen Podiumsdiskussion der Stadt im Alfred-Rust-Saal keine Rede sein

Ahrensburg.  Jörg Hansen bemerkte zu Beginn süffisant, die Bürgermeisterkandidaten hätten so oft zusammen auf dem Podium gesessen, dass er aus dem Stegreif die Biografien seiner Mitbewerber vorstellen könne. Leider wurde die Anregung im Alfred-Rust-Saal der Selma-Lagerlöf-Gemeinschaftsschule nicht aufgegriffen – sie hätte belebend wirken können.

Rein äußerlich wurde die siebte und letzte Podiumsdiskussion dem Anspruch gerecht, der an die offizielle Wahlinformationsveranstaltung der Stadt gestellt werden kann: der größte Saal, die professionellste Technik, inklusive zweier die Bühne flankierende Großbildleinwände. Und mit Jochen von Allwörden, dem Geschäftsführer und Vorstandsmitglied des Städteverbands Schleswig-Holstein, ein überregional bekannter Moderator.

Auf Ermüdungserscheinungen im Wahlkampf zu schließen, ist nicht unbegründet

Etwa 250 Gäste waren der Einladung gefolgt. Wer bei der Abschlussrunde im Wahlkampf vor sechs Jahren dabei war, erinnerte sich allerdings, dass der Andrang damals doppelt so groß war: Im Herbst 2009 waren alle 464 Sitzplätze im Alfred-Rust-Saal besetzt, viele Besucher mussten stehen. Aus der halbierten Resonanz auf Ermüdungserscheinungen im diesjährigen Wahlkampf zu schließen, ist nicht unbegründet. In sechs Podiumsdiskussionen zuvor war es viel um Partikularinteressen von Geschäftsleuten, Senioren und Jugendlichen sowie von Bürgern im Süden der Stadt gegangen, auch um soziale Fragen und Zivilcourage – doch vor allem hatten Amtsinhaber Michael Sarach, SPD, und seine Herausforderer Christian Conring, CDU, und Jörg Hansen, Grüne, über ihre Programme und wichtigsten Ziele gesprochen.

Auch wer vorher bei keiner Veranstaltung dabei war, dürfte alles durch umfangreiche mediale Begleitung kennen. Und da sich das Format Podiumsdiskussion nicht neu erfinden lässt, führte das zwangsläufig zu Wiederholungen im Ablauf und in den Inhalten. Überdies überboten sich die Moderatoren im ehrenwerten Bemühen um Objektivität, indem sie die Redner-Reihenfolge auslosten, starre Regeln für das Gespräch aufstellten und Redezeiten begrenzten. Mit dem Ergebnis, dass viele Statements zu hören waren, aber hitzige Debatten vermieden wurden.

Auch Jochen von Allwörden hatte ein klares Konzept: Selbstvorstellung der Kandidaten plus ihrer Programme in zu üppigen Zwölf-Minuten-Blöcken, danach systematische Befragung nach Themengruppen durch den Moderator und schließlich das Herzstück des Abends, die direkte Ansprache der Bürger an die drei Kandidaten. Das Resultat ließe sich mit einem Bonmot des Theaterkritikers Alfred Kerr beschreiben: „Als ich um zehn Uhr auf die Uhr schaute, war es erst halb neun.“ Mit anderen Worten: Der insgesamt dreistündige Abend verlief zäh.

Baustellen aufräumen, Spielräume nutzen, das Miteinander stärken

In Kurzform lassen sich die grundsätzlichen Positionen wie folgt beschreiben: Bürgermeister Michael Sarach hat viel Zeit dafür gebraucht, das aufzuräumen, was ihm seine Vorgänger als Baustellen hinterlassen hätten. Etwa den 40 Jahre alten Flächennutzungsplan, der die Stadtentwicklung hemme. Er habe deshalb verschiedene Pläne auf den Weg gebracht, mit deren Hilfe die Stadt zukunftsfähig werden solle. Sarach wirbt dafür, zum Wohle Ahrensburgs in den kommenden sechs Jahren die Ernte seiner Vorarbeit einfahren zu dürfen.

Christian Conring dagegen konzentriert sich darauf, die Stadt handlungsfähiger zu machen, er wolle Spielräume besser nutzen, vor allem durch ein aktives Management der Gewerbesteuer, die das Gros der Einnahmen bringt, aber auch mit der Nutzung von Flächen zur konsequenten Innenstadtverdichtung, um schnell den Bedarf an bezahlbarem Wohnraum abzudecken. In engem Zusammenhang damit steht, dass Conring einen Stillstand der Verwaltung beklagt, beispielsweise bei Genehmigungsverfahren und Bebauungsplänen – als Bürgermeister möchte er das Tempo deutlich anziehen.

Jörg Hansen dagegen hält nichts davon, dass die Kandidaten viel von politischen Zielen sprechen, weil der Bürgermeister eigentlich für die Umsetzung von Beschlüssen der Politik zuständig sei. Er möchte das Rathaus zur funktionierenden Service-Einheit umbauen und in der Stadt eine Kultur des Miteinanders von Bürgern, Politik und Verwaltung schaffen, aus der sich das Wohl des Ganzen zwangsläufig ergebe.

Es gab spannende Momente, in denen der Moderator hätte nachhaken müssen

Spannend wurde es, wenn offener Dissens aufblitzte. Auf die mögliche Bebauung des brachliegenden VW-Grundstücks an der Hamburger Straße angesprochen, sagte Bürgermeister Sarach, die Stadt habe keine Einwirkungsmöglichkeit, wenn ein Eigentümer sein Grundstück ungenutzt lasse. Christian Conring konterte mit der Information, dass VW sehr wohl verkaufen wolle, es auch Investoren gebe, aber das Ganze wegen eines fehlenden B-Plans nicht vorankomme. Dieser Hinweis irritierte Hansen sichtlich.

Das war ein Moment, in dem der Moderator hätte nachhaken müssen. Aufschlussreich auch der provokante Auftritt des Aktionsbündnisses Beltretter, das den Kandidaten ein spontanes Bekenntnis gegen die feste Fehmarnbeltquerung abverlangte. Das Spektrum von deren Reaktionen reichte von abwägend bis opportunistisch.

Am Ende war das Publikum nicht schlauer als vorher. Klar, Ahrensburg hat drei kompetente Kandidaten, was nicht bei jeder Kommunalwahl der Fall ist. Für die Entscheidung am 27. September hilft das wenig. Denn ein Mix aus allen Dreien steht nicht zur Wahl.

Ahrensburger Publikum hatte wenig Geduld bei Kandidatenrunde

Von Mira Frenzel

Die Stirn in Falten, den Kopf schief gelegt und den Blick interessiert auf die Bühne gerichtet: So verfolgten die meisten der rund 250 Ahrensburger im Alfred-Rust-Saal die offizielle und letzte Podiumsdiskussion der Bürgermeisterkandidaten vor der Wahl.

So sachlich die Körpersprache, so sachlich war scheinbar auch die Grundeinstellung vieler Wahlberechtigter, um deren Gunst die drei Bürgermeisterkandidaten auf der Bühne buhlten. Ein Applausometer hätte nach der ersten Vorstellungsrunde (Thema: Privates) von Amtsinhaber Michael Sarach und seinen Herausforderen Christian Conring und Jörg Hansen wohl keinen Dezibel mehr oder weniger Sympathiebekundung messen können.

Viele der Zuschauer verließen vorzeitig den Alfred-Rust-Saal

So auch der Applaus, der auf die Kandidaten-Antworten der Fragen von Moderator Jochen von Allwörden vom Städteverband Schleswig-Holstein folgte. Es waren Stellungnahmen unter anderem zu den Themen Wohnungsbau, Stadtentwicklung, Kinderbetreuung und S 4-Bau. Der Applaus war höflich, nicht überschwenglich und zumeist gerecht verteilt.

Sachlich wollten die Zuhörer auch die Podiumsdiskussion halten – und vor allem knapp. Als von Allwörden den Ablauf erklärte, erntete er viel Zustimmung zu diesem Vorschlag: „Die Kandidaten sollten kurz und knapp auf die Fragen antworten.“ Emotional wurde es, wenn doch ein Redner bummelte, nicht auf den Punkt kam. Ein Ahrensburger etwa, der den Kandidaten eine Frage stellen wollte, leitete die – so war wohl das Empfinden der Gäste – zu langsam ein: „Frage! Frage! Wo bleibt die Frage?“, hallte es aus den mittleren Reihen, der Ton wurde zunehmend aggressiv. Es war einer der wenigen emotionalen Momente der fast dreistündigen Veranstaltung. Es ging eher ernst zu an diesem Abend. Getuschel oder lachen mit dem Sitznachbar? Fehlanzeige. Nur Jörg Hansen brachte einen größere Zahl von Zuhörer zum Lachen mit einer Beschreibung einer Behördengeschichte (Ein Brief mit dem Inhalt: „Wir haben Ihre E-Mail erhalten.“). Zustimmendes Nicken erntete Michael Sarach, als er sagte, „ein Kino ist in Ahrensburg eine emotionales Thema.“ Und Conring erntete ein Raunen, als er die Verwaltung angriff. Seine Aussage: „Die Verwaltung ist daran schuld, dass das VW-Autohaus an der Hamburger Straße immer noch leer steht.“

Die Zuhörer bis zur letzten Minute fesseln, das konnte aber keiner der drei Herren. Schon während der ersten Hälfte der Podiumsdiskussion verließen viele Ahrensburger den Saal. Zum Ende der Veranstaltung war nur noch etwa jeder zweite Stuhl besetzt. Kim Reisser fand die Veranstaltung auch zu lang, sagt: „Es wurde zum Schluss zu detailliert und etwas anstrengend“ Gut seien laut der 19-Jährigen die Vorstellungsrunde und die ersten Fragen des Moderators gewesen. Sie sagt: „Mir hat Conring bei der Vorstellungsrunde am besten gefallen. Inhaltlich stimme ich eher mit dem Amtsinhaber überein.“

Wann wollen wir aufhören? Für diese Frage gab es Applaus

Tamara Rogge fand schon die Einführungsrunde zu lang. Sie sagte: „Die Herren sind nun alles andere als unbekannt. Da hätte man Zeit für andere Inhalte sparen können.“ Auch Achim Eschke musste nicht bis zum Ende bleiben , um sein Fazit zu ziehen.

So war es nachvollziehbar, dass Moderator von Allwörden seinen größten Applaus auf diese Frage bekam: „Wollen wir aufhören?“ Das war am Donnerstag, 21.45 Uhr. Eine Woche, zwei Tage, zehn Stunden und 15 Minuten, bevor am 27. September die Wahllokale in der Schlossstadt öffnen.