Stormarn
Ausbildungsmesse

Unternehmen kämpfen in Reinbek um guten Nachwuchs

Foto: René Soukup / HA

48 Unternehmen präsentieren sich auf Messe im Reinbeker Sachsenwaldforum. Praktikum kann der Türöffner für den Berufseinstieg werden.

Reinbek.  Die aktuelle Entwicklung macht Manfred Kalfier Sorgen. „Für Unternehmen wird es immer schwerer, geeignete Azubis zu finden. Die Zahl der Bewerbungen ist zurückgegangen“, sagt der 55-Jährige. Er ist Ausbildungsberater bei der Industrie- und Handelskammer zu Lübeck (IHK). Seine Organisation hat 75.000 Mitgliedsbetriebe von Fehmarn bis in den Süden Stormarns. Kalfier macht den Job seit 2004. Jetzt steht er auf der Bühne des Sachsenwaldforums in Reinbek. Vor seinen Augen tummeln sich Hunderte Jugendliche, die meisten von ihnen sind minderjährig. Sie wollen sich auf der Ausbildungsmesse über den Berufseinstieg informieren. Die Auswahl ist groß. An Ständen präsentieren sich 48 Unternehmen aus diversen Branchen und offerieren Ausbildungsplätze. Sie kommen aus Stormarn , der Region Hamburg-Bergedorf und dem Kreis Herzogtum Lauenburg. Die Nachfrage war sogar größer, doch dafür fehlt der Platz.

Der Verband und Serviceorganisation der Wirtschaftsregionen Holstein und Hamburg (VSW), der die Veranstaltung zusammen mit der Stadt Reinbek organisiert, hat weitere Angebote von 14 seiner Mitgliedsunternehmen an einer Stellwand aufgehängt – 45 Ausbildungsstellen sowie duale Studiengänge in 32 Bereichen sind allein hier zu vergeben. Auch so kämpfen die Firmen um qualifizierten Nachwuchs. „Früher mussten wir die Unternehmen bitten, sich auf solchen Messen zu präsentieren. Jetzt fragen sie bei uns schon lange vor dem Termin an“, sagt Kalfier, dessen IHK die Reinbeker Veranstaltung unterstützt.

Im August 2015 waren in Stormarn273 Ausbildungsstellen unbesetzt

Laut der Agentur für Arbeit Bad Oldesloe ist die Zahl der Ausbildungsstellen in Stormarn regelmäßig größer als die der Bewerber aus dem Kreis. Hinzu komme die große Konkurrenz durch Hamburger Unternehmen. „Und ein Teil der gemeldeten Ausbildungsstellenbewerber entscheidet sich letztlich gegen eine Ausbildung und besucht eine weiterführende Schule“, sagt Agentur-Chefin Heike Grote-Seifert. 2011 waren in Stormarn im August 220 Ausbildungsstellen unbesetzt, exakt vier Jahre später immerhin 273. Ein deutlicher Anstieg.

Das Reinbeker Unternehmen Wollenhaupt ist seit Jahren auf der Messe vertreten. Es ist im Tee- und Vanillegeschäft aktiv, beschäftigt 220 Mitarbeiter. „Bisher konnten wir die Azubistellen immer besetzen, aber die Zahl der Bewerbungen ist geringer geworden“, sagt Personalleiterin Anja Bennühr. Früher seien pro Jahr 150 eingegangen, jetzt zwischen 80 und 100. „Und die Qualität hat nachgelassen. Das beginnt schon beim Foto.“ Einige Bewerber hätten schlechte Selfies gemacht – und waren sofort aus dem Rennen.

Derzeit hat Wollenhaupt neun Auszubildende, drei werden pro Jahr gesucht – mit dem Abschluss Groß- und Einzelhandelskaufmann oder Betriebswirt nach dem Hamburger Modell. „Wir nehmen auch viele Praktikanten. Wenn sie sich gut machen, ist die Chance, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, groß“, sagt Bennühr und blickt auf Paul Thiessen. Der 20-Jährige hat es so geschafft. „2011 habe ich ein zweiwöchiges Schülerpraktikum gemacht, alle Abteilungen durchlaufen und die Firma in Reinbek auf der Messe vertreten“, sagt der angehende Betriebswirt. Noch bevor er nach dem Abitur für acht Monate nach Mittelamerika ging, hatte er die Zusage.

„Auslandserfahrung ist immer ein Vorteil. Auch wer neben der Schule jobbt, fällt positiv auf“, sagt Bennühr. So zeige der Bewerber, dass er Verantwortung übernehme. Thiessen macht das gern, auch als sich Viviane Kor­czynski dem Stand nähert. Souverän beantwortet er ihre Fragen. Die 16-Jährige besucht die zehnte Klasse der Gemeinschaftsschule Reinbek. „Ob ich dann weiter die Schulbank drücke, weiß ich noch nicht.“ Sie hat Praktika im Kindergarten, bei einer Agentur für Grafikdesign und der Fast-Food-Kette McDonald’s gemacht, so erste Einblicke in die Arbeitswelt gewonnen.

Entschlossener ist Eduard Roth, der sich gerade am Stand des Maschinenbauunternehmens Amandus Kahl informiert. Der 20-Jährige hat sein Maschinenbaustudium geschmissen. „Zu viel Theorie“, sagt er. Nun will er eine Ausbildung zum Industriemechaniker machen. Amandus Kahl bietet sechs Ausbildungsberufe an, seiner ist dabei. Roth: „Die Bewerbung mache ich noch heute fertig.“

Golfino, europäischer Marktführer für Golfbekleidung mit Hauptsitz in Glinde, ist ebenfalls vertreten. Die Firma bildet ab dem 1. August kommenden Jahres drei Azubis mit Abitur zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel aus. „Und zwar für den Eigenbedarf“, sagt Personalerin Regine Toppel. Das hört ihre Kollegin Rebecca Albrecht, 20, gern. Sie ist im zweiten Lehrjahr und würde gern bleiben.