Stormarn
Bad Oldesloe

Notärztin soll Mann zwischen die Beine getreten haben

Der Prozess im Ahrensburger Amtsgericht wird am 10. Juni fortgesetzt

Der Prozess im Ahrensburger Amtsgericht wird am 10. Juni fortgesetzt

Foto: Nadine Beck

Prozess um Einsatz im Februar 2013 im Oldesloer Bahnhof: Trat die Frau einem Betrunkenen zwischen die Beine? Oder war es andersherum?

Bad Oldesloe.  Notärztin Dr. Silke S. (Name geändert) wurde in den Oldesloer Bahnhof gerufen, um einem nicht mehr ansprechbaren Mann das Leben zu retten – und steht jetzt wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Ahrensburger Amtsgericht. Dort versucht Richter Holtkamp zu klären, was sich am 28. Februar 2013 nach 15 Uhr auf dem Bahnsteig an Gleis 6 ereignet hat. Das gestaltet sich mehr als zwei Jahre nach dem Vorfall als nahezu unmöglich. Zeugen widersprechen sich, und das mutmaßliche Opfer erscheint gar nicht erst zur Verhandlung – wie auch drei weitere Zeugen. „Es ist noch vieles offen“, sagt der Richter nach gut drei Stunden und setzt eine Fortsetzung für Mittwoch, 10. Juni, an.

Das mutmaßliche Opfer ist an keiner Strafverfolgung interessiert

Laut Anklage soll die 39 Jahre alte Medizinerin aus Ratzeburg bei dem Einsatz dem jungen Mann mit dem Fuß zwischen die Beine getreten und ihm mit der Hand ins Gesicht geschlagen haben. Die schlanke Frau, die ihre dunklen Haare zu einem kurzen Zopf zurückgebunden hat, schildert den Nachmittag aus dem Februar 2013 im Gerichtssaal genau entgegengesetzt.

Der Mann sei aufgesprungen und habe ihr gegen den Oberschenkel getreten. „Der Abdruck war auf meiner Hose genau zu sehen. Um meinen Unterleib zu schützen, habe ich das andere Bein hochgezogen.“ Zuvor habe sie den Patienten mit der Hand im Gesicht getätschelt, um ihn wach zu halten. Der Mann habe sie als „Schlampe“ bezeichnet. „Daraufhin habe ich ihn laut beschimpft, aber definitiv nicht getreten.“

Der junge Mann, der damals reichlich betrunken war, hatte bei der Polizei zu Protokoll gegeben: „Für mich ist die Sache erledigt, und ich bin an keiner Strafverfolgung interessiert.“ Er sei damals selbst aggressiv gewesen und außerdem unverletzt geblieben.

Die Angeklagte habe ihn gepackt und auf die Bank zurückgedrückt

Das Verfahren brachte auch nicht er in Gang, sondern eine selbstständige Rechtsanwältin aus Bad Segeberg, die an jenem Februartag in Bad Oldesloe auf dem Nachbarbahnsteig auf den Zug in ihre Heimatstadt wartete. „Die Ärztin ist richtig ausgerastet“, sagt die 42-Jährige mit der Kurzhaarfrisur mehrfach. Sie habe das Geschehen auf dem Bahnsteig gegenüber – dazwischen liegen zwei Gleise – genau verfolgen können. „Der junge Mann saß ganz entspannt auf der Bank. Man hat gemerkt, dass er im Rausch war.“

Als er aufgestanden und um einen Windfang herumgegangen sei, habe die Angeklagte ihn gepackt und auf die Bank zurückgedrückt. „Dann hörte ich ein Klatschen wie bei einer Ohrfeige.“ Anschließend habe die Ärztin „ein, zwei Schritte Anlauf“ genommen und sei dem Mann mit dem Stiefel zwischen die Beine gesprungen. „Keiner der umstehenden Männer hat eingegriffen.“ Ein Polizist, dem sie den Fall schilderte, sei einfach weitergegangen. „Ich möchte nicht, dass mir so etwas passiert, wenn man mal hilflos sein sollte“, sagt die Rechtsanwältin. Auf der Heimfahrt diskutiert sie mit zwei anderen empörten Mitreisenden über den Fall, tauscht Telefonnummern aus. Ein Mitstreiter, ein 58 Jahre alter Diplom-Sozialpädagoge, bestätigt als Zeuge im Amtsgericht die Beobachtungen der Frau zum großen Teil – und nahezu wortgleich. Beide wählen dieselben Formulierungen, benutzen Vokabeln wie „unflätig“ und „ausgerastet“.

Widersprüchliche Aussagen von Zeugen und Sicherheitspersonal

Die Rechtsanwältin geht an jenem 28. Februar 2013 noch mal zur Polizeistation in ihrer Heimatstadt Bad Segeberg. Doch auch dort habe man ihr nicht geholfen. „Daraufhin habe ich das schriftlich angezeigt.“ Auf Nachfrage der Staatsanwältin sagt die Zeugin, dass sie nicht genau sagen könne, ob die Ärztin den Patienten tatsächlich mit dem Fuß getroffen habe: „Aber ich schätze mal!“ Vorwürfe erhebt sie auch gegen das Sicherheitspersonal der Bahn. „Die Security hat den Mann nicht geschützt.“

Dem widerspricht später ein 23 Jahre alter Sicherheitsmann aus Reinbek, der mit einem 54 Jahre alten Kollegen aus der Nähe von Cottbus zufällig in Bad Oldesloe war. „Es gab Kabbeleien zwischen der Notärztin und dem Betrunkenen, da sind wir kurz zu zweit dazwischengetreten.“ Sofort sei wieder Ruhe gewesen.

Sein Kollege, der inzwischen nicht mehr für die Bahn tätig ist, erinnert das anders: „Es gab was mit den Füßen, mehr habe ich nicht gesehen.“ Die Beteiligten hätten sich „ein bisschen getreten“, außerdem habe der Patient die Notärztin immer als „Sanitäterin“ bezeichnet. Warum er nicht eingegriffen habe, will die Staatsanwältin wissen. „Da habe ich keine Erklärung“, sagt der 54-Jährige. Einen Tritt mit Anlauf könne er jedenfalls nicht bestätigen.

Auch der damalige Serviceleiter des Oldesloer Bahnhofs, ein mittlerweile pensionierter 67-Jähriger aus Bargteheide, hat nach mehr als zwei Jahren nur noch wenig Erinnerungen. „Der Betrunkene hat die Ärztin immer Schätzchen genannt“, sagt er. Von körperlicher Gewalt habe er „nichts mitgekriegt“, da der Regionalexpress wegen des Notfalls so lange halten musste und die Reisenden viele Fragen hatten.