Stormarn
Armut bekämpfen

Der Stormarner Hilfseinsatz in Rumänien

Hinten, v.l.: Stephanie Wagner, Schulleiterin Doima Comsa und Christoph Wicht mit einigen Kindern der Schule für Lernschwache in Fogarasch

Hinten, v.l.: Stephanie Wagner, Schulleiterin Doima Comsa und Christoph Wicht mit einigen Kindern der Schule für Lernschwache in Fogarasch

Foto: Mira Frenzel

Der Ahrensburger Verein Copilul und die Siebenbürgenhilfe aus Großhansdorf finanzieren soziale Projekte in Rumänien. Ein Ortstermin.

FogarascH. Brot, Bildung und Erziehungshilfe: So könnten die Ziele des Ahrensburger Vereins Copilul in der rumänischen Stadt Fogarasch auf den Punkt gebracht werden. Seit 1994 unterstützen die Mitglieder vor allem Kinder. Derzeit mit drei Projekten, die in der 30.700-Einwohner-Stadt angeboten werden. Die Zielgruppe: die Ärmsten der Armen. Das sind zumeist die Roma, deren Zugang zu dem Leben, das ihre Landsgenossen führen, kaum existent ist. Das Abendblatt hat den Verein sowie seinen Partner, die Siebenbürgenhilfe aus Großhansdorf, begleitet und sich vor Ort die Projekte angeschaut – und die bewirken viel mehr als Brot, Bildung und Erziehungshilfe.

Der Schülerarbeitskreis

Frau Mihu pocht mit der Spitze ihrer Kreide gegen die Tafel. „Este o zi frumoasă de primărară“ steht dort geschrieben: Es ist ein schöner Tag im Frühling. Stimmt. Die Sonne scheint, das Thermometer zeigt 20 Grad. Im Hof tollen die Hunde der Schule zwischen Wippe und Klettergerüst. Ein Mädchen, das allein an einem Zweiertisch in der letzten Reihe sitzt, schaut gedankenverloren aus dem Fenster, kritzelt etwas in ihr Schreibheft. Wie ihre 15 Klassenkameraden sitzt die Zweitklässlerin vollkommen freiwillig im Klassenzimmer – zum Lernen, nachdem sie bereits einen regulären Schultag hinter sich gebracht hat.

Rosali Mihu unterrichtet den sogenannten Schülerarbeitskreis. Finanziert wird er mit Spenden von Copilul. Jeden Nachmittag kommen die Zweit- und Drittklässler nach Schulschluss für 2,5 Stunden zum Schülerarbeitskreis. Dort bekommen sie vor allem Unterstützung bei den Hausaufgaben, die die Kinder allein nicht bewältigen können. Auch weil sie auf Hilfe ihrer Eltern nicht bauen können.

An diesem sonnigen Frühlingstag steht Rumänisch auf dem Stundenplan. Die Lehrerin hat ein Mädchen an die Tafel geholt. Während es die Geschichte fortschreibt (Die Kinder pflanzen im Garten Blumen und einen Apfelbaum), geht die Lehrerin durch die Stuhlreihen. Ihre grauen Locken trägt sie kurz, die Lesebrille auf der Nasenspitze. Mit den knallrot lackierten Zeigefinger weist sie auf eine handvoll Fehler im Heft einer Schülerin hin, korrigiert dann mit einem Rotstift Grammatik und Rechtschreibung des Satzes.

Christoph Wicht, der vor rund einem Jahr den Vorsitz von Copilul-Gründer Achim Keßler-Binder übernommen hat, sagt: „Der Schülerarbeitskreis soll diesen Kindern helfen, die Schule zu meistern.“ Nur so hätten sie Chancen auf eine bessere Zukunft. Wicht ist sich sicher: „Der Elterngeneration können wir nicht mehr helfen, den Kindern schon.“

Rosali Mihu will den Arbeitskreis noch bis zu den Sommerferien unterrichten, dann wird es eine Nachfolgerin geben. Bis dahin wird die kleine Frau mit der erstaunlich kräftigen Stimme, das Getuschel der Kinder übertönen – etwa bei einem längeren Vortrag über Präpositionen. Auch in den letzten Minuten der Nachhilfe, wenn die Konzentration nachlässt. Kein Wunder, ist schließlich ein langer Tag gewesen.

Brot mit Seele

Wer in der Backstube der Diakonia Fogarasch die Augen schließt, der könnte sich an einen schwülwarmen Sommertag denken. Einen Tag, an dem es köstlich nach Brot und zimtig-süßen Backwaren duftet. Bis zu 34 Tonnen Gebäck werden im Monat in den großen Backöfen der Bäckerei produziert, die dabei eine beachtliche Wärme abgeben. Im Laden, der etwa fünf Gehminuten von der Backstube entfernt im Zentrum der Stadt liegt, wird die Backware angeboten.

Gabriela Brătănescu hält ein 1-Kilo-Brot im Arm. Sie leitet die Diakonia und ist damit auch Partnerin der Copilul-Mitglieder. Denn ein Teil der Backwaren, wie das große Mischbrot in Brătănescus Arm, wird nicht verkauft, es wird verschenkt. 7000 Euro spendet Copilul dafür jährlich der Diakonia. Der nordrhein-westfälische Verein Agape gibt 13.000 Euro jährlich für das Projekt namens Brot mit Seele.

Bis zu 60 Brote – eines würde im Verkauf 3,90 Lei (umgerechnet etwa einen Euro) kosten – gehen an Bedürftige. Aufgenommen werden in das Programm Familien, die mehr als drei Kinder haben und besonders arm sind. Die Auswahl trifft das Sozialamt der Stadt. Gabriela Brătănescu sagt: „Der Bedarf ist groß, denn viele Menschen fallen hier immer noch durch das soziale Netz.“ Im Sommer sei die Not allerdings geringer. „Wir produzieren von Mai bis Oktober weniger Brote, weil sich die Bedürftigen in den Sommermonaten dank ihrer Gärten besser selbst versorgen können als in den Wintermonaten.“

Die Mutter-Kind-Gruppe

Der Suche nach Gegenständen, die gelb sind, der wird fieberhaft nachgegangen. „Banană“, platzt es aus einem Mädchen hervor, dann schlägt es sich mit dem Händchen vor den Mund und schaut aus großen Augen Cipriana Grăydan an. Die Sozialarbeiterin lächelt und nickt. Dann geht die Suche weiter, nach Gegenständen, die weiß sind. Das Mädchen, Cipriana Grăydan sowie acht weitere Kinder und vier Mütter hocken während der Suche in dem großen Raum der Mutter-Kind-Gruppe auf Sitzkissen.

Jeden Nachmittag von Montag bis Freitag betreut Cipriana Grăydan eine Gruppe. Insgesamt sind es 41 Kinder und 14 Mütter, die je zwei Mal die Woche für zwei Stunden kommen – nicht nur zum Spielen. Cipriana Grăydan: „Es geht darum, den Müttern zu zeigen, was richtig und was falsch ist beim Umgang mit ihren Kindern.“ Hört sich banal an, aber nicht alle der Mütter haben gelernt, wie sie mit ihren Kindern spielen können, wie sie sie erziehen müssen und, dass die Kinder nicht nur Essen und Trinken, sondern auch Liebe und Zuneigung brauchen.

Das solle aber nicht heißen, dass Nahrung unwichtig ist bei der Mutter-Kind-Gruppe. Eine der Mütter steht in der Küche vor einem riesengroßen Kochtopf und rührt einmal die Nudeln durch, bevor sie sich wieder einer Schüssel mit einem noch größeren Teigbatzen widmet – dem Batzen, aus dem der Nachtisch wird. Es gibt Brot, Nudeln in Sahnesoße und zum Nachtisch Gogoaşi (rumänisches Schmalzgebäck).

Seit 2010 kümmert sich Grăydan um die Frauen und ihre Kinder. Sie wählt sie zudem aus. „Ich arbeite vormittags im Sozialamt und kenne daher die Familien, die eine Betreuung am nötigsten brauchen“, sagt sie. Mittlerweile kämen die Mütter auf sie zu. „Für sie ist es ein Privileg, dabei zu sein“, sagt die Sozialarbeiterin. Die Effekte seien groß. Und während sie spricht, stehen drei Kinder daneben und versuchen, möglichst gerecht den letzten Gogoaşă in drei Teile zu brechen.

Die Siebenbürgenhilfe

Die Organisation der Kirche Großhansdorf unterstützt seit 1984 Bedürftige in Fogarasch. 1994 gründete Unterstützer Achim Keßler-Binder den Verein Copilul. Seitdem arbeiten die Helfer weiter eng zusammen, doch in Fogarasch betreut und finanziert die Siebenbürgenhilfe mithilfe der evangelischen Kirche in Person von Pfarrer Johannes Klein vor Ort vor allem eigene Projekte.

Ehrhardt Wagner leitet mit seiner Frau Gertrud die Siebenbürgenhilfe. Er sagt: „Wir haben eine Altenpflegerin eingestellt, die sich um sechs Männer und Frauen kümmert.“ Zudem finanziert die Organisation eine Sozialkantine und ein Essen-auf-Rädern-Projekt sowie – zusammen mit Copilul – unterschiedliche Einrichtungen. Darunter: Eine Schule für Kinder mit Lernschwäche und eine Wohnanlage für Behinderte.

Wer die Projekte des Vereins Copilul und der Siebenbürgenhilfehilfe unterstützen will, kann Spenden.Copilul e.V, Sparkasse Holstein, IBAN DE 34 2135 2240 0090 0332 93Siebenbürgenhilfe, Raiffeisenbank Südstormarn, IBAN DE06 2006 9177 0000 2053 20