Stormarn
Müllentsorgung

Stapelfeld entsorgt künftig Müll aus Großbritannien

Müllverbrennungsanlage Stapelfeld: Kranführer Udo Teschendorf durchmischt den Müll mit der Kralle

Müllverbrennungsanlage Stapelfeld: Kranführer Udo Teschendorf durchmischt den Müll mit der Kralle

Foto: Julia Sextl

In Stapelfeld wird ab September 2015 Abfall aus Großbritannien verbrannt. Die künftige Auslastung der MVA ist noch nicht gesichert.

Stapelfeld. In der Müllverbrennungsanlage in Stapelfeld wird bald Abfall aus Großbritannien entsorgt: Schon von Ende September an könnten Lastwagen voll mit alten Windeln, Staubsaugerbeuteln, Küchenabfällen oder Textilien aus England nach Stormarn rollen. Rund 10.000 Tonnen britischer Restmüll kommen dann pro Jahr nach Stormarn. Für die Müllverbrennungsanlage ist das nur ein kleiner Anteil: 350.000 Tonnen Abfall können dort pro Jahr verbrannt werden. Zurzeit ist die Anlage ziemlich ausgelastet.

In gut anderthalb Jahren sieht die Lage allerdings anders aus: Ende 2016 läuft der Vertrag mit der Stadtreinigung Hamburg aus; die Müllmenge sinkt, die Hamburger haben bereits jetzt Überkapazitäten in ihren eigenen Anlagen. Knapp zwei Drittel der täglich zu verarbeitenden Abfallmenge fallen dann weg: genau 200.000 Tonnen Restmüll pro Jahr.

Stormarner Entsorgungsträger AWSH hat Vertrag bis 2024

Sicher ist ab 2017 offenbar nur die Lieferung von 100.000 Tonnen Müll pro Jahr aus den Kreisen Stormarn und Herzogtum Lauenburg. Auch der zuständige Entsorgungsträger Abfallwirtschaft Südholstein (AWSH) hatte zwar den langjährigen Liefervertrag zum Ende des Jahres 2016 gekündigt, die MVA Stapelfeld gewann aber erneut die Ausschreibung, wenn auch zu deutlich schlechteren Konditionen als bisher (wir berichteten). Dafür wurde mit dem öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger ein Vertrag bis 2024 mit Option auf Verlängerung geschlossen. Zudem soll es Verträge mit einigen Gewerbekunden, also zum Beispiel Containerdiensten, geben.

Diese Teilauslastung wird allerdings nicht reichen: „Es gibt eine Grenze, die eine Anlage braucht, um technisch gut zu laufen“, sagt Holger Heinig, der technische Leiter der Müllverbrennungsanlage in Stapelfeld. Um an ausreichend Verbrennungsmaterial zu kommen, seien daher weitere Müllimporte und Verträge mit Containerdiensten denkbar. Stapelfelds Bürgermeister Jürgen Westphal (WGS) ist skeptisch: „Die 350.000 Tonnen werden die niemals wieder zusammenkriegen.“ Die Gemeinde Stapelfeld befürworte daher den Müllimport. Er finde es positiv, wenn die Anlage weiter betrieben werde, so Westphal. Zudem seien die 10.000 Tonnen aus England ohnehin begrenzt bis maximal 2020.

Dann nämlich dürfte Großbritannien selbst über ausreichend Müllentsorgungsanlagen verfügen. Derzeit lagern die Briten ihren Abfall teils auf Deponien, sagt Peter Werz, Sprecher der Energy from Waste GmbH, kurz EEW, zu der auch die Müllverbrennungsanlage in Stapelfeld gehört.

Müll-Im- und Export – eine Win-win-Situation? Möglicherweise. Landrat Klaus Plöger sagt: „Innerhalb der EU ist es gut, wenn man sich untereinander hilft. Und die Engländer haben bisher nun mal nicht die Möglichkeit, Müll zu entsorgen.“ Wenn dazu die Gemeinde Stapelfeld weiterhin Vorteile aus den Steuereinnahmen habe und die Beschäftigten ihre Arbeit behielten, sei das doch ein sehr positiver Aspekt, so Plöger

Der Transportwege von Großbritannien nach Stapelfeld ist allerdings ziemlich lang. EEW-Sprecher Werz: „Großbritannien importiert sehr viele Waren, exportiert aber kaum etwas.“ Demnach führen viele Lastwagen zwar beladen von Deutschland nach Großbritannien, jedoch unbeladen zurück. Diese Kapazitäten wolle EEW jetzt für den Mülltransport nutzen, so Werz.

Schwedischer Investor hat Betreiber EEW gerade komplett übernommen

Heinz Hartmann, umweltpolitischer Sprecher der SPD-Kreistagsfraktion, sagt: „Wenn das wirklich stimmt, dann kann man damit gut leben. Denn es ist ja nur positiv, wenn die Anlage ausgelastet wird und damit Orte per Fernwärme beheizt werden können.“ Zudem verursache die Stapelfelder Anlage kaum Schadstoffe. Trotzdem zweifelt Hartmann an der Umsetzung der Transportmöglichkeiten. Mülltourismus sei grundsätzlich schlecht, sagt er.

Ähnlich sieht es der Grünen-Politiker und Vorsitzende des Kreisumweltausschusses, Gerold Rahmann. „Wir gönnen es der Firma, dass sie damit Geld verdient. Aber es kann nicht Sinn und Zweck einer Müllverbrennungspolitik sein, dass bei uns Abfall anderer Länder verbrannt wird.“ Der Kreis könne darauf zwar keinen generellen Einfluss nehmen – im Kontrollwesen jedoch schon. „Und das werden wir nutzen“, kündigt Rahmann an.

Der Import von Müll ist keine Neuheit in Deutschland: Auch die Stadtreinigung Hamburg verbrennt Hausmüll aus England. Und die EEW-Gruppe, die bundesweit 17 Müllverbrennungsanlagen sowie jeweils eine in Luxemburg und in den Niederlanden betreibt, hat im vergangenen Jahr insgesamt 500.000 Tonnen Abfälle allein aus Großbritannien verarbeitet – bei einem Gesamtvolumen von fünf Millionen Tonnen Müll.

Sieben Prozent davon hat die Stapelfelder Anlage verfeuert – und damit im vergangenen Jahr Strom für rund 25.000 Haushalte produziert (80.000 Megawattstunden). Außerdem versorgt das Unternehmen viele Kommunen in der Umgebung mit Fernwärme (230.000 Megawattstunden). „Abfall ist ein großer Energieträger“, sagt EEW-Sprecher Werz. Daher müsse man die Müllverbrennungsanlage, die ursprünglich aus dem Jahr 1979 stammt, eigentlich als ein Müllheizkraftwerk zu bezeichnen.

Mittlerweile ist EEW-Gruppe mit Firmensitz in niedersächsischen Helmstedt komplett in Besitz des schwedischen Investors EQT: Nachdem er schon im Frühjahr vor zwei Jahren 51 Prozent der Anteile erworben hatte, seien vor wenigen Tagen auch die restlichen 49 Prozent an den schwedischen Infrastrukturfonds gegangen, so Werz. (Julia Sextl)