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Asylbewerber steht nach Messerattacke vor Gericht

Seit dem 5. Mai muss sich ein Asylbewerber aus dem Senegal wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht in Lübeck verantworten

Seit dem 5. Mai muss sich ein Asylbewerber aus dem Senegal wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht in Lübeck verantworten

Foto: Olaf Malzahn / dpa

Dem Senegalesen wird versuchter Mord in einer Asylbewerberunterkunft in Reinbek vorgeworfen. Ein banaler Streit war der Auslöser.

Lübeck/Reinbek. Seine Arme sind verschränkt, sein Kopf leicht gesenkt. Mit versteinerte Mine und festem Blick starrt Papa K. minutenlang den Mann an, der ihn mit vier Messerstichen in den Rücken fast getötet hätte. Ein Blick der nicht erwidert wird.

Genau ein halbes Jahr ist die Tat in der Asylbewerberunterkunft der Nathan-Söderblom-Kirche in Reinbek her. Gestern sahen sich Opfer und Täter erstmals wieder – vor der I. Großen Strafkammer des Landgerichts Lübeck. Die Staatsanwaltschaft wirft Malick M. versuchten Mord in Tateinheit mit gefährlicher Verletzung vor.

Grund für die fast tödliche Auseinandersetzung zwischen den beiden Afrikanern war eigentlich ein banaler Streit. Während des Deutschunterrichts am 6. November regt sich Papa K. über einen Mitbewohner auf. Dieser sei im Unterhemd und mit kurzer Hose in den Unterricht gekommen und habe vor der Deutschlehrerin sich gestreckt und gegähnt. Für Papa K. ein völlig respektloses Verhalten. Es kommt zum verbalen Streit, in den sich auch der heute Angeklagte mischt. „Er solle sich nicht als Sittenwächter aufspielen“, erklärt Malick M. sein Eingreifen. Opfer und Täter werden handgreiflich. Die anderen Schüler können die Männer trennen.

Doch nur wenig später kommt es erneut zu einer Auseinandersetzung zwischen den Männer. Diesmal vor der Unterkunft. „Ich habe ein Messer aus der Küche geholt“, sagt der Angeklagte, dessen schwarze, schulterlange Dreadlocks zu einem Zopf zusammengebunden sind.

Wie oft haben Sie zugestochen“, will Richter Christian Singelmann wissen. „Das weiß ich nicht mehr“, so der Angeklagte. Andere Bewohner der Asylbewerberunterkunft trennen die Männer erneut. „Ich füllte mich gedemütigt“, erinnert sich Malick M. der aussagt, dass er von den anderen Bewohnern ausgegrenzt wurde. „Die haben mir sogar meine Nudeln und meine Eier gestohlen“, sagt der Mann im grünen Jogginganzug, der sich immer wieder mit der Hand über seine schwarze Stirn wischt.

Opfer will vor Gericht seinen echten Namen nicht sagen

Als Malick M. vor etwa zwei Jahren ohne Papiere nach Deutschland kam, gab er gegenüber den Behörden an, aus Mali zu kommen. „Das stimmt nicht“, gestand der Mann gestern vor Gericht. „Ich komme aus dem Senegal. Man hat uns gesagt, wir sollen sagen, dass wir aus Mali kommen, dann dürften wir bleiben“, sagt Malick M., der selbst sein Alter nicht genau sagen kann. „Ich bin 28“, sagt er. „Wann sind Sie denn geboren?“, möchte der Richter wissen. Eine Dolmetscherin übersetzt die Worte. „Am 20. Juni 1985“, so M. Auch das Opfer gibt widersprüchliche Angaben zu seiner Person an, die den Richter stutzig machen. „Ist Papa ihr Vornahme?“, will der Vorsitzende der I. Großen Strafkammer wissen. Das Opfer und zugleich Nebenkläger schweigt und antwortet schließlich: „Ich bin Asylbewerber und habe meine eigenen Probleme.“ Seine Anwältin greift ein: „Mein Mandant muss sich selbst nicht einer Straftat bezichtigen.“

Papa K. gibt jedoch an, 30 Jahre alt zu sein. „Wann sind Sie denn geboren“ fragt Singelmann. Es folgt eine lange Pause, und es wirkt so, als ob der schwarze Mann mit den streichholzlangen, dünnen verfilzten Strähnen rechnen würde. „1983“, antwortet er. „Wann genau“, fragt der Richter weiter. Erneut folgt eine lange Pause. „Am 1.1.“ so der Nebenkläger, der behauptet aus Mali zu kommen. „Ich hatte nie mit ihm zu tun“, sagt Papa K. als er auf den Angeklagten angesprochen wird. „Wir haben uns gegrüßt, mehr nicht“, sagt Papa K. Der Angeklagte widerspricht dieser Aussage. „Wir kennen uns schon seit vielen Jahren“, sagt M. Als er 2006 mit dem Boot nach Spanien kam, lernte er dort Papa K. kennen. Beide verkaufen in Alicante auf Touristenplätzen Taschen und Gürtel. „Doch die Polizei hat uns verscheucht und ich habe kein Geld mehr verdient“, erinnert sich M.

In der kirchlichen Asylbewerberunterkunft leben elf Männer

Er reist nach Deutschland. Nachdem sein Asylantrag in Bremen abgelehnt wird, versucht er es in Sachsen-Anhalt. Dort trifft er auch wieder auf Papa K. April 2014 kommen beiden nach Reinbek, nachdem sie von Neonazis beschimpft worden waren.

„Dort leben elf Männer in Gruppenzimmer zusammen“, sagt Anke Haidorn, die als ehrenamtliche Betreuerin in der Unterkunft arbeitet und der Prozess verfolgt. „Die Männer leben auf sehr engem Raum zusammen, diese Situation sowie dass sie nicht arbeiten können, zerrt natürlich an den Nerven“, sagt sie. Dennoch hätte sie Malick M. solch eine Tat nie zugetraut. Haidorn: „Er war immer sehr freundlich, alle hatten ihn gern.“ Im Gerichtssaal entschuldigte sich M. bei dem Opfer: „Es tut mir leid und ich bin froh, dass du noch lebst“, sagt M. – ohne Papa K. anzugucken.