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Lütjenseer Firma PAV erfindet sprechenden Brief

PAV-Geschäftsführerinnen Isabel Höftmann-Toebe (l.) und Ingrid Toebe-Albrecht

Foto: Astrid Hansen

PAV-Geschäftsführerinnen Isabel Höftmann-Toebe (l.) und Ingrid Toebe-Albrecht

Vom Verlag zum Hightech-Unternehmen: Bei PAV tüfteln die Mitarbeiter 90 Jahre nach Firmengründung ständig an innovativen Produkten.

Lütjensee.  Ein blinder Mensch erhält einen Brief. Der Inhalt ist vertraulich – nichts, was man sich gern von anderen vorlesen lassen möchte. Der Empfänger des Schreibens hält sein Smartphone an das Papier, Sekunden später liest das Gerät ihm den Brief vor. Noch ist eine solche Szene kein Alltag, doch die Technik dafür ist längst erfunden. Und zwar in Lütjensee.

Wenn es um technische Innovationen geht, denken viele Menschen an das kalifornische Silicon Valley. Das Beispiel der Lütjenseer Firma PAV zeigt, dass zukunftsträchtige Ideen manchmal auch aus der norddeutschen Provinz kommen.

"NFC to Speech" nennt sich das von PAV zum Patent angemeldete Verfahren. Der Brief lernt sprechen, könnte man auch sagen. Die Abkürzung NFC steht für Near Field Communication, eine Technik zum drahtlosen Austausch von Informationen, zu der viele aktuelle Smartphones fähig sind. In einen solchen Brief eingebaut ist ein sogenannter NFC-Chip, auf dem der Briefinhalt digital gespeichert ist. Wird ein NFC-fähiges Smartphone an den Chip gehalten, sendet dieser den Brieftext an das Smartphone, eine spezielle App liest ihn vor. Damit der Brief allein seinem rechtmäßigen Empfänger vorgelesen wird, blockiert ein metallhaltiger Briefumschlag die Datenübertragung.

Beim Innovationspreis IT der Initiative Mittelstand wurde die Technik kürzlich unter die besten IT-Lösungen gewählt. Momentan läuft eine Testphase. Timo Stehn, Marketingchef bei PAV, schätzt, bis zur Praxiseinführung von "NFC to Speech" werde es noch rund ein Jahr dauern.

Die Herstellung der sprechenden Briefe gehört zum sogenannten Output Management, einem der drei wichtigsten Geschäftsbereiche von PAV. Für große Unternehmen wie etwa Versicherungen organisiert PAV den Druck und Versand von Kundenbriefen. Formuliert werden die Schreiben vom jeweiligen Auftraggeber, PAV übernimmt den sprichwörtlichen Papierkram. "In Spitzenzeiten verlassen bis zu zwei Millionen Briefe am Tag die Zentrale", sagt Marketingchef Stehn.

Firma sei mit ihren Kunden gewachsen, sagt die Chefin

Neue Ideen entstehen bei PAV oft dann, wenn die Kunden vor veränderten Anforderungen stehen. "Wir sind immer mit unseren Kunden gewachsen", sagt Ingrid Toebe-Albrecht, eine der beiden Geschäftsführerinnen. Viele technische Entwicklungen gibt es vor allem in der Kartenproduktion. PAV beliefert zahlreiche Parkhäuser, Bibliotheken und Universitäten in Deutschland, aber auch weltweit mit kontaktlosen Karten, sogenannten RFID-Karten. Die Abkürzung steht für Radio Frequency Identification, also die Identifikation mittels Radiowellen. In diesen Karten befindet sich ein Transponder – eine Antenne, die auf Abruf etwas von den auf dem Kartenchip gespeicherten Informationen weitergibt. Das funktioniert auf eine Entfernung von bis zu zehn Zentimetern.

An Entwicklung der elektronischen Gesundheitskarte beteiligt

Wer die Karte in der Hand hält, kann so beispielsweise seine Zugangsberechtigung nachweisen oder sein Mittagessen in der Mensa bezahlen. Die Polizei in Abu Dhabi lässt von PAV besonders hitzebeständige Dienstausweise herstellen. Als weltweit erstes Unternehmen bot PAV 1995 Chipkarten mit integriertem Transponder an. Seit 2007 produziert die Firma RFID-Inlays, Einlagen, für biometrische Pässe. Darauf werden Daten wie Fingerabdrücke gespeichert.

Auch an der Entwicklung der elektronischen Gesundheitskarte waren die Lütjenseer beteiligt. Seit 2011 stellen sie die neuen Versichertenkarten her, nach eigenen Angaben für rund dreißig Prozent der Versicherten in Deutschland. "Von den Versicherern bekommen wir die Daten, mit denen wir die Karten personalisieren", sagt Isabel Höftmann-Toebe, Tochter von Toebe-Albrecht und ebenfalls Geschäftsführerin. PAV übernimmt für die Krankenkassen auch das Bildmanagement, verschickt die Hinweisbriefe und verarbeitet die Fotos. Trotz aller Automatik wird jedes Foto von einem Mitarbeiter kontrolliert. "Das Krümelmonster geht bei uns nicht durch", sagt Höftmann-Toebe.

Wenn in einem Unternehmen derart sensible Daten verarbeitet werden, ist Datenschutz natürlich ein wichtiges Thema. "Wir arbeiten nach dem Mehr-Schalen-Prinzip", so Höftmann-Toebe. Das fange mit dem Zaun um das Gebäude an und setze sich in Mitarbeiterschulungen, Personenkontrollen an den Eingängen und Sicherheitsschleusen vor besonders sensiblen Bereichen fort. Selbstverständlich kommen auch die von PAV produzierten Zugangskontrollkarten zum Einsatz. "Die Daten bekommen wir über eine sogenannte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung übermittelt", erläutert Isabel Höftmann-Toebe. Ihre Mutter Ingrid Toebe-Albrecht stellt klar: "Wir dürfen uns keine Fehler leisten."

Bis heute ist das Unternehmen in Familienbesitz, mittlerweile in dritter Generation. Im Sommer steht das Jubiläum anlässlich des 90. Geburtstags an. 1925 wurde PAV als Paul-Albrechts-Verlag in Stolp im heutigen Polen gegründet. Anfangs druckte der Verlag Schulhefte, bald kamen Arztformulare hinzu. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam es zum Neuanfang in Sandesneben (Kreis Herzogtum Lauenburg). Da der alte Standort keine Vergrößerungen zuließ, zog PAV 1956 auf das ehemalige Bahnhofsgelände in Lütjensee. Noch heute ist der Druck von Formularen ein wichtiges Standbein: PAV druckt etwa Arztrezepte, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und Vordrucke für Kontoauszüge.

Doch bei allem Traditionsbewusstsein behielt der Lütjenseer Familienbetrieb stets die Entwicklungen des Marktes im Blick. "Stillstand ist für uns Rückschritt", erklärt Toebe-Albrecht, die 1967 ins elterliche Unternehmen einstieg. Als Anfang der 1990er-Jahre die elektronische Datenverarbeitung immer wichtiger wurde, wagte sich PAV auf ein neues Geschäftsfeld: die Herstellung von Krankenversichertenkarten aus Plastik. Dafür wurde 1991 die PAV Card GmbH als Schwesterunternehmen gegründet. "Wir haben uns in das Abenteuer gestürzt und es hat geklappt", so Toebe-Albrecht.

Die promovierte Volkswirtin landete nach eigener Aussage eher zufällig im Familienbetrieb: "Ich hatte das damals nicht im Hinterkopf." Für ihre Tochter hingegen war immer klar, dass sie später einmal bei PAV einsteigen möchte. Natürlich hoffen die beiden Geschäftsführerinnen darauf, dass das Unternehmen auch künftig in Familienbesitz bleibt und die bald 90-jährige Tradition fortgesetzt wird. Bis der kommende Jahrgang alt genug ist, wird es allerdings noch ein wenig dauern.

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