Ahrensburg

Wenn Unterricht trainiert wird

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Anja Pries

Nach Alarmruf aus Schulen: Kreis Stormarn setzt Sozialpädagogen ein, um Kinder zu betreuen, die dauerhaft stören

Ahrensburg. Immer mehr Schüler in Stormarn sind nicht in der Lage, dem regulären Unterricht zu folgen. Der Kreis Stormarn hat reagiert und mit Sozialpädagogen spezielle Schultrainings entwickelt. Über mehrere Wochen und Monate werden Kinder, die ihre Klasse ununterbrochen stören, in Extragruppen begleitet, um sie fit für den regulären Unterricht zu machen.

„Für jede Schule ist gesorgt, wenn der Bedarf an Hilfskräften besteht“, sagt Birgitta Kochansky, Kreisfachberaterin für schulische Erziehungshilfe. Ein Beispiel ist das KiJu-Netz in Reinfeld, bei dem Lehrer, Sozial- und Sonderpädagogen miteinander vernetzt sind. Via Internet können sich die Kollegen schnell austauschen und gegenseitig Tipps bei Problemen geben. Ein anderes Beispiel sind spezielle Trainingsräume.

Häufig sind schwierige Situation die Ursache für das Verhalten

„Wir können von positiven Veränderungen sprechen“, sagt Heiner Bock, Leiter der Gemeinschaftsschule Am Heimgarten in Ahrensburg, „die Beschwerdeschreiben der Lehrer und Eltern haben sich gelohnt.“ Sie hatten vor rund drei Jahren deutlich auf Probleme hingewiesen. Im Moment gibt es an der Gemeinschaftsschule drei Sozialpädagogen, die sich um die Betreuung auffälliger Kinder kümmern. In einem Aufenthaltsraum ist jeden Tag von der dritten bis fünften Stunde ein Mitarbeiter für die Kinder und Jugendlichen zu erreichen. Die Sozialpädagogen beobachten auch den Unterricht, geben Tipps, vermitteln Gespräche mit Eltern und Ämtern.

„Auffälligkeiten wie Vandalismus und Prügeleien gibt es heute nicht mehr“, sagt Heiner Bock. Er beobachtet, dass Kinder vermehrt ich-bezogen und kaum belastbar seien. „Vor allem in den fünften und sechsten Klassen gibt es ein ungewöhnliches Verhalten. Manchmal können Einzelkinder nicht in Gruppen arbeiten oder haben schlichtweg die Neugier verloren und keine Lust, sich auf andere Menschen einzulassen“, so der Schulleiter.

Diese Veränderungen sind auch in der Kreisverwaltung bekannt. „Wir sprechen nicht mehr von verhaltensauffälligen Kindern, sondern von Kindern in schwierigen Situationen. Denn in der Regel ist dies die Ursache für ihr Verhalten“, sagt Schulrat Michael Rebling. „Die Kinder sind in ihrer Entwicklung gehandicapt. Es wurde ein Konzept für schulische Erziehungshilfe entwickelt“, sagt Birgitta Kochansky. In jedem Förderzentrum kümmern sich die Mitarbeiter auch um Beratung, sprechen viel mit den Eltern und Kindern.

Im Ahrensburger Förderzentrum arbeitet Gabriele Haase-Umbach, Sonderpädagogin für den emotionalen sozialen Förderbedarf. Gemeinsam mit ihren Kollegen ist sie für die umliegenden Schulen zuständig. „Wenn sich Lehrer an das Förderzentrum wenden, schau ich mir den Unterricht an. Mit den Lehrern bespreche ich, welche Maßnahmen dringend sind“, sagt Haase-Umbach.

Das kann Einzelunterricht für bestimmte Kinder sein, aber auch Klassenstunden, in denen über das Miteinander gesprochen wird. Gemeinsam mit den Klassenlehrern leitet die Sonderpädagogin Übungen zur Stärkung der Sozialkompetenz der Klasse. Außerdem unterstützt sie die Klassenlehrer bei Elterngesprächen, vermittelt Kontakte zu Vereinen oder Jugendämtern.

Seit 2010 gibt es den Verein für Schulbegleitung in Stormarn, bei dem zur Zeit acht Frauen geschult werden. Die Schulbegleiter unterstützen Schüler mit herausforderndem Verhalten in der Entwicklung. „Kleine Ziele sind dabei wichtig, zum Beispiel der gute Umgang in den Pausen oder das Unterlassen von Zwischenrufen im Unterricht“ , so Haase-Umbach. Wichtig ist auch, dass die Kinder sämtliche Materialien dabei haben.

Nach einem Jahr Schultraining kehren die Kinder mit Begleitung zurück

Das Problem wird bereits in den Grundschulen angegangen. „Im Kreis Stormarn haben wir Schultrainings eingerichtet“, sagt Schulrätin Kirsten Blohm-Leu, „in Gruppen werden jeweils vier bis sechs Kinder so gefördert, dass sie in der Klasse am Unterricht teilnehmen können.“ Dieses Training dauert in der Regel ein Jahr. „Eine Grundschullehrkraft, ein Sozialarbeiter und eine Sonderschullehrkraft arbeiten mit den Kindern zusammen. Sie geben Unterricht und trainieren sie“, sagt Schulrat Rebling. „Eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern ist extrem wichtig“, so Kirsten Blohm-Leu.

Nach einem Jahr bekommen die Kinder einen Begleiter, der ihnen beim Übergang in ihre Klasse zur Seite steht. „Sie werden entweder tage- oder stundenweise in ihre alte Klasse geschickt. Es kann aber auch schon mal sein, dass das betroffene Kind die Schule wechseln muss“, sagt Schulrat Rebling.

Laut einer Umfrage des Kreisschulamts gehen die Kinder mehrheitlich wieder gern zum Unterricht. Auch die Eltern sind offensichtlich begeistert. So schrieb eine Mutter: „Das ganze Projekt sollte beibehalten werden. Ich war damals sehr verzweifelt, und es war ein Lichtblick für uns. Ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit.“

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