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Ahrensburg

Kirchengemeinde sucht die Einheit

Missbrauchsverein startet neue Internetseite zum „Ahrensburger Fall“. Aufruf zu Engagement und Sommerfest

Ahrensburg. Mitglieder der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Ahrensburg suchen nach Veröffentlichung des Schlussberichts einer unabhängigen Expertenkommission zum Missbrauchsskandal weiter nach dem Weg in eine friedvolle Zukunft. Dabei könnten viele Ahrensburger das Wort Missbrauch nicht mehr hören, sagte eine Frau beim Info-Abend des Vereins Missbrauch in Ahrensburg (MiA) im Peter-Rantzau-Haus. „Ich habe von vielen gehört, dass sie diese Veranstaltung nicht auch noch verkraften können“: So erklärte sie, dass lediglich 20 Gäste erschienen waren.

Der MiA-Vorsitzende Anselm Kohn bot die Gelegenheit, sich den 500-Seiten-Bericht genau anzusehen und Fragen zu stellen. Einen Grund für das geringe Interesse sah er auch in der kurzfristigen Ankündigung. Bei der ersten Vorstellung des Berichts in der Schlosskirche durch Propst Hans-Jürgen Buhl und Pröpstin Ulrike Murmann am 16. Oktober waren rund 150 Menschen in der Schlosskirche. „Unser Problem ist die Resignation“, sagte ein Mann im Rantzau-Haus. Die allgemeine Stimmung sei: „Wir haben keine Lust mehr.“

Kann der Riss zwischen den einzelnen Gruppen gekittet werden?

Detailliert zeigt der im Internet veröffentlichte Bericht auf, wie es dem ehemaligen Ahrensburger Pastor Dieter K. gelang, sich in den 1980er-Jahren über lange Zeit an Jugendlichen zu vergehen. Ein Kollege wusste alles, auch die Kirchenleitung hatte offenbar Kenntnis. Nicht nur aus den Reihen des Missbrauchsvereins gab es deshalb Vertuschungs- und Lügenvorwürfe.

Man wolle es in Zukunft besser machen und aus den Fehlern lernen, versprachen die Pröpste bei dem Abend in der Schlosskirche. Auf den ging auch Anselm Kohn noch einmal ein. Er habe bei der Expertenkommission nachgefragt und erfahren, dass diese gar nicht zu der Veranstaltung eingeladen worden war – die Kirchensprecher hatten das jedoch versichert.

Doch auch Kohn betonte: „Wir sollten nicht vergessen, nach vorn zu gucken.“ Ihm gehe es darum, das Gemeindeleben wiederzubeleben. „Wir sind eine Gemeinde, wir unterhalten uns“, sagte er. Dazu sollten solche Zusammenkünfte beitragen. Damit auch ältere und nicht internet-affine Menschen den Abschlussbericht lesen können, lagen mehrere Exemplare aus.

Ein Mann aus dem Kirchengemeinderat sprach den Konflikt zwischen seinem Gremium mit dem Verein und dessen Mahnwachen an. „Ihr mahnt, wo sich Leute treffen, um einen Lösungsweg zu finden“, sagt er. „Wenn ihr mahnt, die Kirche sei so böse, erweckt ihr den Eindruck, als wäre die Leitung böswillig.“ Diesem Beitrag widersprachen mehrere empörte Anwesende. Es gebe keinen Konflikt.

Eine Frau sagte: „Ich finde es schade, dass es immer nur um Schuldzuweisungen und die Vergangenheit geht.“ Dieses Verhalten spreche nicht für die Gemeinde. „Wo sind wir hingekommen, wenn erwachsene, intelligente Menschen nicht mehr miteinander reden.“

Ein Ehepaar verließ die Veranstaltung vorzeitig. „Wir hatten uns eine konstruktive Diskussion erhofft und wollten Vorschläge für die Zukunft machen“, sagte der Mann. Doch ihm fehle die Struktur und das Ziel.

Am Ende wurde der Blick doch auf die Zukunft der Gesamtgemeinde gerichtet. Zumindest einige Pastoren müssten ausgetauscht werden. Und der Riss müsse „zugeschüttet“ werden. „Der Kirchengemeinderat muss seine Türen öffnen“, sagte Wolfgang Meichßner vom Missbrauchsverein.

Anselm Kohn hält jetzt weitere Gelegenheiten für einen offenen Austausch für wichtig, bei denen die Gemeindemitglieder „eine nicht traumatisierte pastorale Begleitung bekommen“. Die Pastoren auszuwechseln hält er nicht für sinnvoll. Kohn schlägt vor, zusätzliche Pastoren zur Unterstützung in Ahrensburg einzusetzen. „Niemand sollte mit dem schweren Gepäck der Missbrauchsdynamiken aus der Gemeinde ziehen und die Last mit in eine andere Wirkungsstätte nehmen.“

Ein Besucher verwies darauf, wie der Förderverein der St. Johanneskirche den Wiederaufbau „aus Aktivitäten heraus“ gestalte. „Damit können wir auch die Gesamtgemeinde formen“, sagte er. Weil die Gemeinde für Anselm Kohn nicht nur durch den Missbrauchsskandal, sondern auch durch den Streit um die Schließung von St. Johannes zerrüttet ist, will er eine neue Internetseite eröffnen. Diese soll den Titel „Der Ahrensburger Fall“ tragen. „Ich möchte einen Weg finden, wie man aus den Spaltungen profitieren und wieder zusammenfinden kann.“

Kohn ruft dazu auf, sich ehrenamtlich zu engagieren: „Wenn ich träumen darf, dann wünsche ich mir nicht nur ein fröhliches Sommerfest, sondern auch eine Abordnung aus Ahrensburg, die auf dem Kirchentag 2015 in Stuttgart präsentiert, wie sie den Dreh hinbekommen hat, mit der offensichtlichen Last der Vergangenheit ein stabiles, fröhliches und zukunftsträchtiges Gemeindeleben zu schaffen.“