Stormarn
Ahrensburg

Jäger warnen vor Wildwechsel

Jetzt beginnt auf den Straßen eine gefährliche Zeit. Dank Duftzäunen und Reflektoren ist die Unfallzahl aber rückläufig

Ahrensburg. In der Nacht zu Sonntag wird die Zeit umgestellt, der Berufsverkehr verlagert sich in die Dämmerung. Und von diesem Zeitpunkt an werden auch Autofahrer in Stormarn vermehrt konfrontiert mit Nashörnern, Nilpferden und Elefanten. Nashörner, Nilpferde, Elefanten? „Stößt ein Auto mit einer Geschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde gegen ein Wildschwein, entspricht das Aufprallgewicht dem Gewicht eines Nashorns“, sagt Uwe Danger, Leiter des Hegeringes Bad Oldesloe. Konkret seien das 3,5 Tonnen. Ein Damhirsch erreicht ein Aufprallgewicht von 2,5 Tonnen – so viel, wie ein Nilpferd wiegt. Und ein Rothirsch wird mit fünf Tonnen sogar zum Elefanten. So steht es in einer Broschüre des ADAC.

1102 Wildunfälle registrierte die Polizei im vergangenen Jahr im Kreis Stormarn. In diesem Jahr waren es bis einschließlich August 660. Die Zahl der tatsächlich angefahrenen Tiere liegt höher. „Wir können ja nur die zählen, die uns gemeldet werden“, sagt Kay-Uwe Güsmer, der Verkehrsexperte der Polizeidirektion Ratzeburg. Tiere, die der Polizei nicht gemeldet werden, werden von den zuständigen Jägern erfasst. Sie geben die Zahlen an die Jagdbehörde des Kreises weiter. Hier werden sie nicht nach Kalenderjahr, sondern nach Jagdjahr registriert, ein Jagdjahr geht vom 1. April bis 31. März. In Stormarn wurden für das laufende Jagdjahr 670 Stück Fallwild, so heißt es, durch Verkehrsunfälle gemeldet. Im vergangenen Jagdjahr waren es 795.

Auf Landesebene gibt es gute Nachrichten: „Die Wildbestände haben zugenommen, aber die Zahl der Unfälle geht zurück“, sagt Marcus Börner vom Landesjagdverband Schleswig-Holstein. „Das liegt auch an den Maßnahmen, die an vielen Stellen ergriffen wurden.“ Durch ein auf vier Jahre angelegtes Forschungsprojekt des ADAC und des Deutschen Jagdverbandes konnte die Zahl der Wildunfälle deutlich reduziert werden: „Je nach Teststrecke auf bis zu 80 Prozent weniger“, sagt Börner. Das ergab die Zwischenbilanz im vergangenen Jahr. Eingesetzt wurden Duftzäune, die nicht duften, sondern stinken: nach Bär oder Puma. Und die das Wild so warnen – vor Gefahr.

Und dann gibt es noch die blauen Wildwarnreflektoren. Angestrahlt erzeugen sie eine Art Lichtschranke, die die Tiere irritiert. Mitte des Jahres 2013 haben die Jäger im Kreis an den gefährlichen Straßen wie der B75 ehrenamtlich insgesamt 1250 der Reflektoren an Leitpfosten geschraubt. Bezahlt wurden die vom Kreis Stormarn, sie haben 5600 Euro gekostet. Genaue Zahlen, wie viel weniger Unfälle es im Vergleich gegeben hat, gibt es noch nicht. Aber wer sich bei den Jägern der unterschiedlichen Hegeringe umhört, bekommt eine ähnlich lautende Einschätzung. „Ich denke, dass das gut funktioniert mit den Reflektoren“, sagt Jörg Wullweber aus Tangstedt. Sein Kollege Reinhard Ahrens aus Wilstedt sagt: „Wir haben im November 2012 bei uns etwa 230 Reflektoren in Eigeninitiative angebracht und haben im Jahr 2013 dann einen Rückgang um 30 Prozent“, sagt er. „Im vergangenen Jahr aber wurden es dann wieder mehr, weil die Reflektoren durch den Staub verschmutzt waren.“ Werner Küchenmeister vom Hegering Reinfeld-Zarpen sagt ebenfalls, dass die Reflektoren etwas gebracht haben. „Wir haben in unserem kleinen Revier etwa 50, 60 Stück montiert.“ Und Uwe Danger aus Bad Oldesloe sagt: „Im Jahr 2012 hatten wir 18Wildunfälle auf der Landesstraße 89. Nachdem wir in Eigenregie Reflektoren montiert hatten, waren es im folgenden Jahr nur noch vier Unfälle. Daraufhin haben wir bei Kreis und Ministerium in Kiel Geld beantragt, um mehr Reflektoren anbringen zu können.“

Die beste Vorsichtsmaßnahme aber – auch hier sind sich alle einig – sind nicht die Reflektoren. „Fahren Sie langsam“, sagt Uwe Danger. „Die Tiere können Geschwindigkeiten bis Tempo 60 einschätzen, so schnell sind die ihnen bekannten tierischen Jäger.“ Insbesondere in Bereichen, in denen Warnschilder auf Wildwechsel hinweisen, sollten Autofahrer vorsichtig sein. Darauf zu sehen: ein Damhirsch. Auch wenn das wohl weniger Aufmerksamkeit bringt als ein Nashorn.