Stormarn
Reinfeld

Nach dem Tod als Baum wachsen

Bestatter in Reinfeld bieten mit Umweg übers Ausland die Möglichkeit, Asche aus Urnen auf Grundstücken zu verteilen

Reinfeld. Gestorben wird sehr verschieden. Beerdigt aber wird hierzulande an einem vom Gesetz vorbestimmten Ort, dem Friedhof.

So war es bisher. Eine neue Bestattungsform umgeht jedoch die entsprechenden Vorschriften des 31 Paragrafen umfassenden Gesetzes über das Leichen-, Bestattungs- und Friedhofswesen des Landes Schleswig-Holstein und erlaubt stattdessen, den Verstorbenen im Garten zu beerdigen. Als Baum, ganz legal. Marlon und Volker Ritzel vom Beerdigungsinstitut Hecht in Reinfeld haben „Tree of Life – Baum des Lebens“ in ihr Programm aufgenommen – als Alternative zum bislang Üblichen.

„Wir bieten unseren Kunden eine Bestattungsform im privaten Bereich“, sagt Volker Ritzel. Tote müssten laut Paragraf 13 des Bestattungsgesetzes bestattet werden, erzählt der Seniorchef mit sonorer Stimme. Wie das auszusehen hat, regelt Paragraf 14: „Die Bestattung wird durchgeführt als Erdbestattung auf einem Friedhof in einem Sarg oder als Einäscherung mit Urnenbeisetzung. Diese erfolgt auf einem Friedhof oder von einem Schiff aus auf See.“

Bei „Tree of Life“ sind die Angehörigen im Prinzip frei in der Wahl des Bestattungsortes. Von einer „einzigartigen Form der Naturbestattung“ ist in einem dreiminütigen Werbefilm die Rede. Darin sagt ein Sprecher: „Wer sein Leben gern in der Natur verbracht hat, möchte es dort vielleicht auch beschließen.“ Möglich macht das ein Aufenthalt der sterblichen Überreste für einige Monate in den Niederlanden, in Tschechien oder in der Schweiz.

Zuvor wird der Verstorbene eingeäschert. „Wie gewohnt kann dann eine Trauerfeier abgehalten werden“, sagt Volker Ritzel. Im Ausland darf die Urne, anders als in Deutschland, geöffnet werden. Ritzel: „Ein Notar überwacht, wie die Asche mit Substrat sowie Vitalerde vermischt und ein Setzling eingepflanzt wird.“ Wählen können die Angehörigen zwischen zwölf Baumarten: von der japanischen Blütenkirsche über die Roteiche bis zum Ginkgo biloba. Nach sechs bis neun Monaten soll der Baum die Asche des Verstorbenen aufgenommen haben und anderthalb bis zwei Meter hoch sein.

„Zur besten Pflanzzeit im Frühjahr oder Herbst wird der Baum den Angehörigen übergeben“, sagt der Bestatter. Eine Anleitung liegt bei. Die Bäume seien robust, das Einpflanzen sei unproblematisch.

Erfinder von „Tree of Life“ sind die Brüder Michael und Marcel Hohmeyer aus Perleberg in Brandenburg – der eine Bruder betreibt ein Krematorium, der andere eine Baumschule. Für ihre gemeinsame Idee haben sie eine simple Erklärung. „Die Leute suchen eine Alternative zum Friedhof. Viele treibt die Sorge um, dass sich niemand um die Grabpflege kümmert oder die Kosten übernimmt“, sagt Michael Hohmeyer.

Eine Überlegung, die Joachim Gersch, Leiter des Friedhofs Ahrensburg, vertraut ist. „Viele ältere Menschen wollen ihren Kindern nach ihrem Tod keine Arbeit machen.“ Hinzu kommen, dass Eltern und Kinder selten im gleichen Ort wohnen. Und eine professionelle Grabpflege würden sich viele nicht leisten wollen.

Auf dem 20 Hektar großen Friedhof in Stormarns größter Stadt gibt es deshalb Freiflächen, Tendenz steigend. „Es werden mehr Gräber abgegeben als neue abgenommen“, sagt Gersch. Diesen Trend bestätigen andere Friedhofsbetreiber im Kreis. „Die Zahl der Bestattungen ist konstant, aber die Art verändert sich“, sagt Gersch.

Darauf reagiert der Ahrensburger Friedhofsleiter. „Wir bieten mittlerweile einige Alternativen zum klassischen Familiengrab“, sagt Gersch. Baumgräber, Gemeinschaftsgräber, Urnenreihengräber oder naturnahe Bestattung heißen einige der Varianten. Eines haben sie gemein: Es handelt sich um Urnenbestattungen, Bepflanzung und Pflege sind überschaubar. Mittlerweile lassen sich 65 Prozent aller Deutschen nach dem Tod einäschern.

Ein ähnliches Konzept verfolgen seit 2011 die Betreiber des Beerdigungswalds in der zehn Kilometer entfernten 1724-Einwohner-Gemeinde Jersbek. Im Waldfrieden am Barockpark, wie der alternative Friedhof heißt, wird die Asche in biologisch abbaubaren Urnen beigesetzt. Am Fuße von Buchen, Eichen, Kirsch- oder Ahornbäumen.

Dass es bei neuen Wegen in der Bestattungskultur wie „Tree of Life“ oder dem Jersbeker Beerdigungswald auch um den Wettbewerb geht, wird aus Pietätsgründen gern verschwiegen. Dabei spielt für die Angehörigen die Art der letzten Ruhestätte ihrer Lieben genauso eine Rolle wie der Preis. Ein Sarggrab auf dem Ahrensburger Friedhof kostet 860 Euro. Dazu kommen Ausgaben für die Grabpflege. Nach 20 Jahren wird die Ruhestätte eingeebnet oder kann gegen Gebühr verlängert werden. Ein Urnengrab gibt es ab 520 Euro. Ein Grab in einer biologisch abbaubaren Urne im Begräbniswald Jersbek kostet 500 Euro, ein „Tree of Life“ inklusive Trauerfeier, Einäscherung, Überführung und Aufzucht durchschnittlich 3000 Euro.

„Tree of Life“ bieten die Ritzels in Reinfeld seit einigen Wochen an. Anfragen habe es schon einige geben, erzählt Volker Ritzel. „Den Menschen gefällt der Gedanke, nach ihrem Tod zurück in den Kreislauf der Natur zu kommen.“ Was den Hinterbliebenen wichtig ist, beschreibt Friedhofschef Gersch: „Viele suchen einen Ort als Fixpunkt – einen Platz für ihre Erinnerung und Trauer.“