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Personalengpass erschwert Start

Reinfelds neuer Bürgermeister Heiko Gerstmann über Probleme im Rathaus, Kooperationen – und Karpfenrezepte

Reinfeld. Heiko Gerstmann ist seit dem heutigen Freitag neuer Bürgermeister von Reinfeld. Der 49-Jährige ist dreifacher Vater und lebt mit seiner Frau Frauke und den Kindern seit 18 Jahren in der Karpfenstadt. Für die sechsjährige Amtszeit hat sich der Bau- und Wirtschaftsingenieur, der zuletzt bei den Entsorgungsbetrieben Lübeck gearbeitet hat, viel vorgenommen. Im Interview erzählt er von seinen Zielen.

Hamburger Abendblatt:

Herr Gerstmann, mögen Sie Karpfen?

Heiko Gerstmann:

Ja, am liebsten gebraten. Und ich gestehe, die klassische Variante Karpfen blau habe ich noch nie gegessen. Allerdings habe ich beim Gourmetfestival vor wenigen Tagen auch gesehen, dass man Karpfen in allen möglichen Variationen zubereiten kann. Ich habe mir gleich das Buch der Landfrauen gekauft, um die Rezepte zu testen.

Bisher waren Sie für die SPD Stadtverordneter. Wird es Ihnen nicht schwer fallen, ein neutraler Bürgermeister zu sein?

Gerstmann:

Nein. Natürlich habe ich eine Nähe zur SPD, aber wir stellen nicht die Bundesregierung, wo es die typischen SPD- oder CDU-Themen gibt. Ich werde mich mit allen Fraktionsvorsitzenden zusammensetzen und Kommunikationswege diskutieren. Wenn ich zu einer Fraktionssitzung gehe, werde ich alle Fraktionen gleich behandeln.

Was wird Ihre erste Amtshandlung sein?

Gerstmann:

Wir haben krankheitsbedingt in der Verwaltung viele Engpässe. Deswegen werde ich einige Abläufe umstrukturieren müssen. Anders geht es nicht.

Sie haben eine Bürgersprechstunde eingeführt. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Gerstmann:

Ich bin während des Wahlkampfes von Haustür zu Haustür gegangen. Da habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, dem Bürger zur Seite zu stehen. Ich möchte erfahren, wo es Probleme gibt. Zudem erhoffe ich mir natürlich auch ein Feedback.

Sie sagten, dass Sie der Bürgermeister sein wollen, der das rote Band an der Brücke über die Gleise zerschneidet. Reicht für den Bau eine Amtsperiode?

Gerstmann:

Der Ingenieurauftrag ist raus. Wir werden jetzt das Planfeststellungsverfahren durchführen, das in der Regel drei Jahre dauert. Läuft alles planmäßig, könnten wir 2019 mit dem Bau beginnen, der etwa ein bis eineinhalb Jahre dauern wird. Allerdings kenne ich als Bauingenieur die Verlässlichkeiten von Bauzeiten. Es kommt selten vor, dass etwas früher fertig wird, allerdings oft, dass es später fertiggestellt wird. Aber ich könnte mir auch vorstellen, das Band in meiner zweiten Amtszeit, die am 12. September 2020 beginnen würde, durchzuschneiden.

Die Stadtverordneten haben beschlossen, der Aktivregion Holsteins Herz beizutreten. Die CDU stimmte dagegen. Wie bewerten Sie den Beitritt?

Gerstmann:

Ich sehen es ambivalent. Es ist eine gute Sache, weil wir so Projekte umsetzen können, für die es bisher kein Geld gab. Beispielsweise planen wir seit Längerem ein Jugendzentrum in der Nähe des Bahnhofs. Über die Aktivregion könnten wir bis zu 75 Prozent der Kosten dafür bekommen. Ich kann aber auch die Position der CDU nachvollziehen. Wir verpflichten uns für sieben Jahre und müssen jährlich einen Beitrag von 4500 Euro zahlen. Ferner zahlen wir selbst mindestens 25 Prozent der Investitionskosten. Das kann schon sehr viel sein, sodass trotz der Förderung eine Maßnahme nicht umgesetzt wird.

Im Wahlkampf war eines ihrer Themen die Haushaltskonsolidierung. Wie möchten Sie dieses Ziel erreichen?

Gerstmann:

Ich werde erst mal Geld in die Hand nehmen müssen, um eine Kraft zu finden, die uns in Sachen Finanzen und Personalwesen im Rathaus unterstützt. Denn dort haben wir krankheitsbedingt den Engpass. Erfreulich ist indes, das wir mehr Geld durch Gewerbesteuern einnehmen. Ich werde mich auch weiter dafür einsetzen, mehr Gewerbe nach Reinfeld zu holen. Möglich sind auch Synergien mit dem Amt Nordstormarn. Beide Verwaltungen liegen dicht beieinander. Beispielsweise könnten wir uns Standesbeamte teilen.

Ihrem Vorgänger Gerhard Horn ist es nicht gelungen, einen Investor für das Rathaus-Center zu finden. Wieso halten Sie weiter an diesem Projekt fest?

Gerstmann:

Wir können es uns nicht leisten, in zentraler Lage zwischen Rathaus und der Seniorenwohnanlage Claudiushof eine Lücke zu haben. Denn schließlich wollen wir die Innenstadt beleben. Ich werde weiter nach einem Investor suchen. Allerdings ist mir auch bewusst, dass Investoren viel Geld in die Hände nehmen müssen. Denn das Center, in dem Geschäfte, vielleicht ein Ärztezentrum und Wohnungen untergebracht werden sollen, muss auf moorigem Boden gebaut werden. Dazu müssten mindestens 200 Pfähle in den Boden gesetzt werden. Für Investoren ist dies schnell unattraktiv.

Stichwort Todesbaum an der B 75: Bisher hat sich nichts an diesem Unfallschwerpunkt geändert. Werden Sie sich dafür einsetzen?

Gerstmann:

Ich werde kommende Woche mit dem Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr über Lösungen beraten. Ich selbst spreche mich dafür aus, den Asphalt in der Kurve rauer zu machen und das Tempolimit auf 60 km/h zu senken. Nichtsdestotrotz hat der Autofahrer die Verantwortung.

Wie und wo finden Sie einen Ausgleich zur Verwaltungsarbeit?

Gerstmann:

Seit 1996 singe ich im Claudius-Chor. Das macht mir richtig Spaß, auch wenn ich manchmal der einzige Tenor bin. Singen ist seelisch der beste Ausgleich. Man geht nach der Probe oder einem Konzert beschwingt mit einem Lied im Kopf nach Hause.