Stormarn

Heute lassen wir uns einfach mal treiben

Umland-Lust – rund um Hamburg auf Entdeckungstour: Mit dem Kanu die Trave herunter

Der Zug ist pünktlich. Welch angenehme Überraschung. Wie verabredet, taucht Claas kurz nach halb elf vor dem Oldesloer Bahnhof auf und sieht mit Käppi und Sonnenbrille verwegen bis tatendurstig aus. Gut so. Er weiß noch nichts von seinem Glück, aber heute darf der Mann entscheiden, wo es langgeht. Flussabwärts, grobe Richtung Lübeck. Logisch. Aber bitte klare Linie und möglichst nicht im Zickzackkurs. Mit dem Steuerpaddel in der Hand wird der Kollege das Kanu vom Heck aus lenken und uns die 13 Kilometer hübsch durch die Mitte der Trave bis nach Klein Wesenberg schippern. Die Vorzeichen stehen gut. Auch meine Anfahrt mit dem Wagen ging problemlos. Die vier Kilometer lange Baustelle auf der A1 in Richtung Norden fängt erst hinter der Abfahrt Bad Oldesloe an. Also tschüs Stau und Chaos. Willkommen in Stormarns Kreisstadt. Hier geht er los – der Tag ganz ohne Hektik.

Unser Mini-Urlaub beginnt gleich nach der Anreise. Raus aus dem Bahnhof. Und schon führt ein schöner Fußweg durch den Oldesloer Kurpark. Die Bäume spenden Schatten. Und da fließt ja schon die Trave. Ach nein, das ist die Beste, der andere Fluss. Aber wo geht es in die Altstadt? Merkwürdig. Hier waren wir doch vorhin schon. Wir hätten einen Stadtplan mitnehmen sollen.

Das Herumlaufen hat etwas Gutes. Man entdeckt Dinge, die man gar nicht sucht. Zum Beispiel das gerade eröffnete „Kuchenwerk“ in der schmucken Fußgängerzone. Nur schnell einen Blick reinwerfen. Der Kollege holt sich derweil von nebenan ein belegtes Brötchen für nachher. Soll er. Was ist das schon gegen eine Amaretto-Preiselbeer-Torte oder einen Brombeer-Kuchen. „Die Früchte sind frisch gepflückt“, sagt Verkäuferin Kerstin Bornholdt. Dazu ein Käffchen, und das Ganze hinten im Garten-Café an der Trave genießen. Wir können uns das Flüsschen ja erst einmal ansehen. Na gut, vielleicht doch lieber als Belohnung nach der Tour. So ein Kanu wartet auch nicht ewig. Ein Kanu-Verleiher auch nicht. Für 12 Uhr sind wir mit Thomas Meins verabredet.

Jetzt weiß ich: Die Straße runter, dann rechts und dann wieder links. Na bitte. Da ist das Heilig-Geist-Quartier. Dass es in Bad Oldesloe genauso wie in Lübeck bestens erhaltene historische Fachwerkhäuser mit herrlichen Gärten gibt, ist ein noch immer gut gehütetes Geheimnis der Stadt. Aber die Suche hat sich gelohnt. Beste und Trave fließen hier zusammen. Hortensien blühen. Brücken führen über den Fluss. Es ist eine Oase mitten in der Stadt. In der Hansezeit gab es hier einen Stadthafen. Kaufleute verschifften das kostbare Salz aus den Oldesloer Salinen auf Holzbooten nach Lübeck – gezogen von Ochsen. Wir müssen selbst ran.

Das Kanu ist auf dem Dach des Kombi fest vertäut. Thomas Meins fährt mit uns ein Stück raus aus Bad Oldesloe. „So müssen Sie nicht umtragen.“ Sehr umsichtig. Denn über die Stromschnellen darf man nicht. Und aussteigen und schleppen? Nein danke. Nach fünf Minuten sind wir an der Einstiegsstelle. „Sie gehen nach hinten und steuern“, sagt Meins. Mein Kollege guckt etwas sparsam. So sieht das aus, wenn jemand Neuland betreten soll – das nicht einmal Balken hat. Ich bin froh, dass ihn der Kanuverleiher über die Rollenverteilung aufklärt. Wir verstauen unsere Sachen. Zum Schluss befördert Claas sein Smartphone in die kleine, weiße Tonne. Die schwimmt oben, sollten wir untergehen. Wie beruhigend.

Auf grünem, etwas krautigem Wasser stechen wir um halb eins in See. Wir sind vermutlich auch nicht schneller als einst die wackeren Stecknitzfahrer, die auf den Treidel-Kähnen unterwegs waren. Gut so. Wir wollen nicht hetzen. Unser grünes Wunder namens „Chrischi“ gleitet sicher und lautlos voran. Prima steuern lässt es sich auch. Auch wenn die Kollegin gerade andeutet, dass wir mal wieder ins Kraut schießen. Gut, dass wir die Trave an dieser Stelle für uns allein haben. Nur blaue Libellen leisten uns Gesellschaft und landen direkt neben der Bootskante auf den Blättern winziger, weißer Seerosen.

Das geht doch gut. Es ist nicht zu heiß. Claas steuert bestens. Und sicher fühle ich mich in dem breiten, grünen Kanu auch. Es fühlt sich an wie im Schweden-Urlaub. Und dabei sind wir nur eine knappe Stunde von Hamburg entfernt. „Sag‘ mal, wie geht es eigentlich Bianca?“, kommt von hinten. Wir plaudern über Gott und die Welt. Der Wind weht manche Wort weg. Dafür kommen Federn geflogen. Es sieht aus, als würde es schneien. Des Rätsels Lösung ist hinter der nächsten Flussbiegung zu sehen. Ein Schwanenpaar hat es sich mit seinen Jungen am Ufer bequem gemacht. Da wird gezupft und in Seelenruhe Morgentoilette gemacht.

Kaum vorstellbar, dass nur 20 Kilometer weiter nordöstlich große Schiffe fahren. Dort, wo dieses Flüsschen in die Ostsee mündet: in Travemünde. Wir nähern uns derweil Meddewade mit seinen 838 Einwohnern und seinen glücklich freilaufenden Kühen, den Pferdchen auf der Koppel und den rüttelnden Greifvögeln in der Luft. An einigen Stellen reichen die Gärten bis ans Ufer, mit Windlichtern auf Holzbänken für einen lauschigen Sommerabend am Wasser. Plötzlich tuckert ein seltsamer Dampfer auf uns zu. Die Entenfamilie mit ihren vier Jungen macht vorsichtshalber Platz. Martina holt schon mal die Kamera raus. Und ich steuere an den Rand. Der Mann versteht uns nicht beim dem lauten Geknatter. Aber er hat kapiert, dreht den Motor aus und nimmt die Ohrenschützer ab.

Formvollendet stellt er sich vor – von Boot zu Boot. „Meine Name ist Andreas Beyer. Ich arbeite für den Gewässerpflegeverband Trave“, sagt der Mann, der Herr über einen Riesen-Sägefisch zu sein scheint. „Kann ich aufklappen“, sagt Beyer und zeigt auf die scharfen Metallzähne am Bug. „Damit zerhacke ich die Schlingpflanzen. Das zerkleinerte Grün fließt dann stromabwärts und wird in Hamberge an einem Auffanggitter eingesammelt. So wächst die Trave nicht zu“, sagt er und entfernt sich langsam wieder in seinem Krautboot. Lustiges Wort. Und was hatte er noch gesagt? Das Längliche sind Fadenalgen. Das andere ist Wasserhahnenfuß. Und die Landeplätze für die blauen Libellen heißen Pfeilblätter. Jetzt können wir benennen, was wir sehen, und fühlen uns ganz vertraut mit der Flusslandschaft. „Ich könnte jetzt was vertragen“, kommt von hinten. Wir halten nach einem Rastplatz Ausschau.

Richtige Anlegestellen gibt es nicht. Wir machen das Kanu an einem Holzpfeiler fest und klettern, so gut es geht, an Land. Eine Grillstelle lässt den Schluss zu, dass diese Stelle öfter besucht wird. Ich hole das belegte Brötchen von vorhin raus. Meine Kollegin hat Brote mit. Mineralwasser haben wir zum Glück auch gebunkert. Können wir gut gebrauchen, nach zwei Stunden Paddel-Einsatz. Wir haben das Gefühl, am Ende der Welt angelangt zu sein. Da kommt ein Auto auf uns zu. Es fährt direkt ans Ufer – um zu wenden. Und wer sitzt drin? Andreas Beyer vom Krautboot. Wir winken uns zu, als wären wir alte Freunde. Und es kommt noch mehr Besuch. Gudrun Schulz und ihr Retriever-Schnauzer-Mischling Dino erscheinen. „Sie sind in Benstaben“, klärt uns die Frau auf. „300 Leute wohnen hier.“ Und zumindest ein Hund, dessen Badestelle wir sträflicherweise belegt haben. Er lässt sich von seinem Ritual nicht abhalten und springt hinein ins Vergnügen. Bevor er wieder rauskommt und sich schüttelt, verabschieden wir uns.

Wir fahren weiter und fühlen uns wie Paddel-Profis. Da klingelt’s in der weißen Box. „Ach du bist’s“, sagt Claas. Ein anderer Kollege ist dran. Nach dem Gespräch wirft Claas das Handy zurück in die Tonne. Gut so. Da gehört es hin. Und dann ist es plötzlich ganz ruhig. Wir sprechen nicht mehr. Wir paddeln im selben Takt. Als wenn wir gemeinsam atmeten. Das Kanu gurgelt schnurgerade durchs Wasser. Wir sind mit Bahn und Auto angereist – aber jetzt sind wir wirklich angekommen. Einen kostbaren Moment lang eilen unsere Gedanken nicht voraus. Das klingelt es schon wieder in der Tonne. „Ja, es hat länger gedauert. Tut mir leid.“ Claas guckt auf die Uhr. Vier Uhr. Seine Familie wartet. Die Bahn war pünktlich. Wir werden hoffnungslos zu spät in Klein Wesenberg ankommen.

Vom Ufer aus ist nur schwer zu erkennen, wo wir gerade sind. Vielleicht haben wir unser Ziel ja schon verpasst. „Nein. Das hier ist das Künstlerdorf Barnitz. Das kenne ich. Der Besuch würde sich auch lohnen“, sagt Martina. Und dann taucht sie endlich auf – die Kirche von Klein Wesenberg. Zwischen großen Baumkronen. Friedlich und majestätisch, mit den mächtigen roten Backsteinen. Störche kreisen über uns und nehmen uns in Empfang. Auch auf dem Landesteg ist schon jemand zu erkennen. Es ist unser Kanuverleiher. Gegen vier, halb fünf wollten wir da sein. Jetzt ist es sechs. „Macht nichts“, sagt Thomas Meins. „Ich bin schon mal losgefahren, um Sie einzusammeln.“

Während wir das Kanu rausholen und die Sachen im Auto verstauen, ist ein Mann aus dem Wasser geklettert. Wenn das man nicht der Herr Graf ist. Er kommt auf uns zu: Es ist wirklich der Pastor von Klein Wesenberg. Kurz darauf schließt Erhard Graf die denkmalgeschützte Kirche von 1884 auf. Das Licht fällt durch die bunten Glasfenster des ehrwürdigen Gebäudes. Mit forschen Schritten führt uns der Pastor danach zum Gemeindehaus, das von moderneren Zeiten kündet. „Wir haben hier Pilgerzimmer eingerichtet. Schließlich liegen wir an einer Dreier-Schnittstelle. An der Velo-Route, dem Jakobsweg und der Trave.“ Der Mann weiß um das touristisches Kapital und hat da so eine Idee. „Ich möchte das hier mit ein paar Umbauten zur ersten Kanu-Kirche Deutschlands machen.“

Es ist nett hier. Die denkmalgeschützte Kirche, der Garten mit dem Storchennest oben auf dem Mast. Und grillen darf man auch. „Wer nichts mit hat, muss nicht verhungern. Spaghetti und Dosensuppen sind immer da. Und ein Wein auch“, sagt der Pastor. „Wir hatten in diesem Jahr schon mehr als 100 Übernachtungen.“ Pilger aus Schweden und Dänemark, aus der Schweiz und aus Nordfriesland haben sich ins Gästebuch eingetragen, bevor sie nach Lübeck weitergezogen sind. Unsere kleine Reise endet hier.

Gegen 19 Uhr sind wir mit reichlich Verspätung zurück in Bad Oldesloe. Aber wir wollten uns ja auch treiben lassen. Der Kanu-Verleiher bringt uns freundlicherweise an die Besttorstraße. Von hier aus kann mein Kollege schnell zur Bahn und zu seiner Familie – und ich durch die Fußgängerzone zur Eisdiele. „Das Kuchenwerk“ ist längst zu. Aber Joghurt-Limoncello mit Sahne, und das an der Trave, passt jetzt auch perfekt. Noch einen Augenblick im Eis-Café an der Mühlenstraße sitzen, dem Wasser lauschen, dem Drehen der historischen Kornmühle zusehen und der Ruhe des Tages nachspüren – bevor es wieder auf die Autobahn geht.