Stormarn
Ahrensburg

Stormarner mögen’s gern vegan

Treffen von Ahrensburg über Bad Oldesloe bis Reinfeld: Immer mehr Menschen verzichten auf tierische Produkte

Ahrensburg. Vegane Kochkurse, Stammtische und Mitmachaktionen – das gibt es mittlerweile alles in Stormarn. Die kleine vegane Szene im Kreis zieht mit ihren Angeboten auch viele Menschen an, die eigentlich keine Veganer sind. „Das Interesse an der veganen Ernährungsweise wächst ständig“, sagt Petra Unger. Die Ernährungsberaterin aus Ahrensburg ist mit ihren veganen Produkten auf Märkten unterwegs und veranstaltet regelmäßig Kochkurse, den veganen Kochclub sowie den veganen „Potluck“ im Peter-Rantzau-Haus.

„Potluck bedeutet so viel wie Topfglück. Alle Teilnehmer bringen dann eine selbst gemachte vegane Speise mit und können sich über Rezepte oder ihre Erfahrungen austauschen“, sagt Unger. Die Kochkurse richteten sich eher an Einsteiger, der Kochclub an experimentierfreudige Kenner der veganen Küche.

In Stormarn bieten außerdem viele Volkshochschulen (VHS) Seminare und Kochkurse zur veganen Ernährung an – etwa die VHS Sachsenwald in Reinbek oder die VHS Tangstedt. In Tangstedt betreut Kerstin Uhl den Kursus. „Die Nachfrage ist sehr groß“, sagt sie. „Es kommen alle Altersgruppen. Meist sind das keine Veganer, sondern Menschen, die davon gehört haben und es ausprobieren wollen.“

Wer vegan isst, streicht Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Eier und Honig vom Speiseplan. Auf vegane Kleidung und Kosmetik oder Medikamente achten zusätzlich diejenigen, die Veganismus als allumfassendes Lebenskonzept begreifen.

Gesundheitliche Gründe sind auch ein Grund für Ernährungsumstellung

Das klingt zunächst nach einer großen Einschränkung. Ina Dethmann aus Ahrensburg kennt die Befürchtungen, dass die Ernährung einseitig oder die Nährstoffversorgung gefährdet sei. „Das ist ein Mythos. Ich finde, meine Ernährung ist noch vielfältiger und ausgewogener geworden, seitdem ich vegan esse“, sagt sie. 30 Jahre lang war sie Vegetarierin, weil sie die Massentierhaltung ablehnt. „Dann vertrug ich plötzlich keine Milch und kein Weizeneiweiß mehr und suchte nach einer alternativen Ernährung.“

Seit sie vegan lebt, gehe es ihr gesundheitlich besser, sagt Dethmann. Die 58 Jahre alte Buchhalterin probiert viel Neues aus und entwickelt mittlerweile eigene Rezepte. Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte seien die wichtigsten Zutaten beim Kochen. „Anstelle von Kuhmilch trinke ich zum Beispiel Mandelmilch. Früher habe ich auch Soja und Tofu gegessen. Von veganen Fertigprodukten halte ich allerdings nichts.“ Dethmann ist auch regelmäßig mit ihrem Mann beim veganen Stammtisch in Ahrensburg.

Auch Ursula Waldhoff und ihr Mann sind Stammgäste beim monatlichen Potluck. „Wir essen seit einem Jahr vegan. Ich fühle mich leistungsfähiger. Mein Mann hat abgenommen und ist sogar seinen hohen Blutdruck losgeworden“, sagt die 66-Jährige. Die Sachbearbeiterin in einem Überseetransportunternehmen ernährt sich hauptsächlich von Rohkost. „Die Speisen werden dann gar nicht oder nur leicht erhitzt“, sagt Waldhoff. So blieben wichtige Nährstoffe in den Lebensmitteln erhalten.

Einige Menschen stellen ihre Ernährung auch aus gesundheitlichen Gründen um. Bei Petra Unger war das vor vier Jahren der Fall, als ihre Mutter sehr krank war. „Ich fing an zu recherchieren und habe irgendwann herausgefunden, dass Ernährung der Schlüssel ist. Man kann seine Gesundheit darüber beeinflussen“, sagt Unger.

Daraufhin hat sie nicht nur ihre Ernährung umgestellt, sondern gleich ihr ganzes Leben. Unger wurde Veganerin, hing ihren Job als Sortimentsmanagerin in einem Blumenladen an den Nagel, bildete sich fort und machte sich selbstständig. „Meine Mutter hat ihre Ernährung mit mir zusammen umgestellt und ist heute fast komplett gesund.“

In Reinfeld macht sich Meike Kipper fürs vegane Leben stark. Sie bietet Kochkurse an. „Ich bin seit vier Jahren Veganerin, nachdem ich erst vegetarisch gelebt habe. Ich glaube, die Massentierhaltung beschäftigt immer mehr Leute. Sie suchen nach Alternativen“, sagt Kipper, die ihre Reihe alle zwei bis drei Monate fortsetzen möchte.

An Meike Kippers erstem Kurs hat auch Simon Jost aus Reinfeld teilgenommen. Für ihn sind sowohl der ethische als auch der gesundheitliche Aspekt wichtig. „Als ich im Juli 2012 Vater einer Tochter wurde, die an starker Neurodermitis litt, begann ich, mich mit Ernährung zu beschäftigen“, sagt Jost. Er wurde Vegetarier, dann Veganer. Seine Frau zog nach. Mittlerweile ernährt das Ehepaar auch seine Tochter vegan. „Ihre Hautkrankheit haben wir seitdem im Griff. Die Neurodermitis ist fast weg“, sagt Jost.

„Aus der eigenen Not heraus“ entwickelte der Reinfelder außerdem ein Internet-Projekt. Er gründete das Jobportal veggie-jobs.de – eine Stellenbörse für Vegetarier und Veganer. „Ich hatte einen solchen Service gesucht, als ich auf Jobsuche war. Den gab es aber nicht, also beschloss ich, es selbst anzubieten“, sagt Jost. Die Rückmeldung von Unternehmen und Nutzern sei positiv.

Im Oldesloer Bioladen gibt es eine Challenge über 30 Tage

Ungewöhnlich ist auch eine Aktion, die Myriam Klahn in ihrem Bioladen in Bad Oldesloe veranstaltet. Bereits zum zweiten Mal hat sie mit ihren Kunden eine so genannte vegane Challenge absolviert. Das Wort bedeutet Herausforderung. „Die Aktion dauert 30 Tage, in denen sich die Teilnehmer unter Anleitung ausgewogen vegan ernähren.“

Als Basis dient ein Buch vom veganen Koch Attila Hildmann. Bei der Auftaktveranstaltung konnten sich die Teilnehmer von einer Ärztin durchchecken lassen. „Wir haben Ernährungstipps gegeben, Motivationsmails geschrieben und einen wöchentlichen Lauftreff veranstaltet, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken“, sagt Klahn.

Im Vorjahr machten etwa 60 Kunden mit, diesmal schon rund 140. „Es bleiben jedes Mal einige von ihnen auch Veganer, andere sehen es als eine Art Entgiftungskur.“