Stormarn
Nütschau

Kloster Nütschau – so offen wie nie

Bruder Lukas, der weltweit für Werbeagenturen arbeitete, und die anderen Mönche zeigen am Sonnabend, wie sie leben

Nütschau. Es ist mein erster Besuch in einem Kloster. Wie spreche ich die Mönche an? Darf ich lachen? Oder gehört sich das in den heiligen Hallen nicht? Gibt es Fragen, die ich lieber nicht stellen sollte? Fällt auf, dass ich höchstens zu Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen eine Kirche besuche? Ich bin gespannt, als ich die A21 an der Ausfahrt „Bad Oldesloe-Nord/Tralau/Kloster Nütschau“ verlasse.

Das Gelände wird von dem weiß getünchten Herrenhaus mit seinen drei Giebeln geprägt. 1577 wurde es von Graf Heinrich Rantzau erbaut. 28-mal wechselte das Haus seine Besitzer, bis 1951 der Bischof von Osnabrück das Gut Nütschau für die Benediktiner der Abtei Gerleve im Münsterland erwarb. Seitdem sind nach und nach neue Gebäude hinzugekommen, die heute in ihrer Gesamtheit das Kloster Nütschau bilden.

Im Haus St. Ansgar bin ich mit Bruder Lukas verabredet. Der 37-Jährige ist unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Mit einem Lächeln im Gesicht und ausgestreckter Hand kommt er auf mich zu. Das ist also ein Mönch, denke ich. Am Telefon klang Bruder Lukas nach Jeans und Hemd, jetzt steht er in einer schwarzen Mönchskutte vor mir. Habit (vom lateinischen habitus/„Haltung, Gestalt“) heißt diese bei den Benediktinern korrekt. Das lerne ich als Erstes beim Gespräch im Arbeitszimmer.

„Das Büro sieht ein bisschen chaotisch aus. Aber wir haben mit der Vorbereitung auf unseren ersten Tag der offenen Tür viel zu tun“, sagt Bruder Lukas, wieder mit einem Lächeln im Gesicht. Doch jetzt hat er Zeit für mich. Wir sind ungefähr gleich alt, das macht die Kommunikation von Anfang an leicht. Warum entscheidet sich jemand in diesem Alter in heutiger Zeit für ein Leben als Mönch? „Die Gründe dafür sind so vielfältig wie die Menschen selbst“, sagt Bruder Lukas, der seit vier Jahren im Kloster Nütschau zu Hause ist. Bei ihm sei es ein Prozess gewesen, der langsam, aber unaufhaltsam war.

Während seiner Kindheit und Jugend im katholischen Rheinland hatte er die typische Karriere als Messdiener und Mitarbeiter in der katholischen Jugendarbeit gemacht. Doch dann spielte die Kirche erst einmal keine Rolle mehr. Nach dem Abitur absolvierte Christian, Bruder Lukas’ Geburtsname, eine Lehre zum Werbekaufmann und studierte dann Kommunikationsdesign. „Ich bin viel herumgekommen und habe weltweit in Agenturen gearbeitet. Dabei habe ich eine ganze Menge Geld verdient und es mir richtig gut gehen lassen: teures Auto, tolle Wohnung, viele Reisen.“

Und trotzdem sei da eine unerklärliche Sehnsucht gewesen. „Es war eine Lücke, die mit nichts, was mit Geld bezahlbar war, gefüllt werden konnte.“ Christian, der mit drei Brüdern aufgewachsen ist, besinnt sich auf seine katholische Vergangenheit. Er geht wieder zu Gottesdiensten, fährt nach Rom, wandert auf dem Jakobsweg. „Aber ich kam nicht mehr ins Gebet.“ Der damals 33-Jährige gibt im Internet „Beten lernen“ ein. Der zweite Treffer ist ein Artikel über die Gebetsschule im Kloster Nütschau.

Im Januar 2010 besucht Christian das Wochenendseminar. „Dort ist etwas mit mir passiert, das ich nicht in Worte fassen kann.“ Er habe sofort gewusst, dass dieses Kloster der Ort war, den er jahrelang unbewusst gesucht hatte. Nachdem er, wie es bei den Benediktinern üblich ist, um Eintritt gebeten hat, wurde er nach einigen Monaten als sogenannter Postulant aufgenommen. Nach dem Postulat beginnt die einjährige Ausbildung als Novize. Erst dann darf sich ein Kandidat durch ein Versprechen für drei Jahre an die Gemeinschaft binden. In dieser „Zwischenphase“ steckt Christian, der mittlerweile Bruder Lukas geworden ist.

Die schicke Altbauwohnung in Hamburg hat er gegen ein knapp 15 Quadratmeter großes Zimmer mit kleinem Bad eingetauscht. „Ich habe vieles von meinem Eigentum verschenkt und auf Flohmärkten verkauft“, sagt er. Das sei nicht einfach gewesen. „Doch es hatte auch etwas sehr Befreiendes, sich von diesen scheinbar so wichtigen Gegenständen zu lösen.“ Vermisst er ab und zu den Luxus? „Natürlich fehlen ein paar Annehmlichkeiten. Aber dann besinne ich mich darauf, was ich hier bekomme. Und das ist so unendlich viel mehr.“ Mit 16 anderen Mönchen lebt, arbeitet und betet er in einer Weggemeinschaft. „Wir sind keine Familie, kein Verein und auch keine Wohngemeinschaft. Aber wir haben eines gemeinsam: Wir fühlen uns aufgerufen, Gott zu suchen und für Menschen da zu sein.“

Um das Klosterleben zu entdecken, muss man nicht gleich Mönch werden. Neben vielen Bildungsangeboten gibt es die Möglichkeit, als Gast unterzukommen. Konfession, Alter und Staatsangehörigkeit sind dabei völlig egal. „In Nütschau kann jeder so sein wie er will“, sagt Bruder Lukas. Die Türen sind für jeden geöffnet, der in besonderer Umgebung neue Kraft tanken möchte.

So wie Peter, 69 Jahre alt. Der gebürtige Österreicher ist evangelisch und steht der katholischen Kirche sehr kritisch gegenüber. Die Gottesdienste besucht er nicht. „Das könnte ich wahrscheinlich nicht ertragen“, sagt er. Und trotzdem ist er bereits das dritte Mal dort, um eine Auszeit vom Alltag zu nehmen. „Hotels tragen nicht gerade zu meiner Entspannung bei“, sagt Peter, „ich will nicht neben jemandem frühstücken, der auf seinem Laptop herumhackt.“ Er finde im Kloster genau das richtige Maß an Ruhe und Anregung. „Die Gespräche mit den Mönchen und anderen Gästen sind eine Bereicherung, auf die ich nicht verzichten möchte.“

Mittlerweile bin auch ich entspannt. Das liegt an Bruder Lukas’ gewinnendem Wesen, der guten Verpflegung aus der klostereigenen Küche, dem stimmungsvollen Mittagsgebet in der Kirche und der herzlichen Atmosphäre. Mein erster Klosterbesuch wird nicht mein letzter gewesen sein.