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Täter sieht sich selbst als Opfer

Vor dem Lübecker Landgericht muss sich ein Mann verantworten, der in Barsbüttel einen 37-Jährigen erstochen hat

Barsbüttel/Lübeck. „Ich habe mein Leben verteidigt. Hätte ich ihn nicht getötet, hätte er mich getötet.“ Mit diesen Worten versucht Maksim A. (alle Namen geändert) den Tod eines Bekannten zu erklären und sieht sich dabei offenbar selbst als Opfer. Doch vor dem Landgericht in Lübeck sitzt A. auf der Anklagebank. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 33-Jährigen aus dem Kaukasus, der zuletzt in Barsbüttel lebte, Totschlag vor. Er soll einen 37 Jahre alten Bekannten mit 15 Messerstichen im November vergangenen Jahres in Barsbüttel erstochen haben.

Doch auch am zweiten Prozesstag vor der I. Großen Strafkammer schweigt der Mann, der mit Handschellen in den Gerichtssaal geführt wird. Der Angeklagte trägt die für die Justizvollzugsanstalt Lübeck vorgeschriebene Häftlingskleidung: Einen dunkelgrünen Pullover und blaue Jeans. Ein Beamter der Lübecker Mordkommission sagt als Zeuge aus. Er hatte Maksim A. nach der Tat befragt und von dem Mann ein umfassendes Geständnis bekommen. „Er sagte, er habe sein Leben verteidigt“, so der 35 Jahre alte Kriminaloberkommissar.

A. sitzt bei der Aussage des Polizisten mit gesenkten Kopf im Gerichtssaal, eine Dolmetscherin flüstert im die Übersetzung ins Ohr. „Ich war sehr überrascht, wie schnell er alles erzählen wollte“, so der Kripo-Beamte. „Als wir nach fast zwei Stunden mit der Vernehmung fertig waren, wirkte er sichtlich gelöst.“ In dem Gespräch habe der Mann mit den kurzen, grau melierten Haaren erzählt, dass er im April 2013 nach Deutschland in die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber nach Neumünster kam. Dort habe er das spätere Opfer Viktor D. aus Tschetschenien getroffen.

„Bereits in Neumünster soll D. alle Menschen terrorisiert haben“, sagt der Kripobeamte. „Maksim A. sagte, dass Viktor ein Machtmensch war, der in Neumünster andere Asylbewerber bedroht und von ihnen Geld gefordert hat.“ So sei es schon dort zwischen den beiden Russen zu Konflikten gekommen. Doch dann trennten sich zunächst die Wege der Männer. Maksim A. kam in eine Asylbewerberunterkunft nach Barsbüttel., Viktor D. nach Geesthacht. Im November trafen beide Männer wieder aufeinander. Beide haben gemeinsame Bekannte die in Barsbüttel leben.

Wieder habe Viktor D. den 33-Jährigen erniedrigt. „Er hat mich ständig drangsaliert“, so A. in seiner Aussage bei der Polizei. Obwohl D. ständig auf Maksim A. einschlug, wehrte sich der Mann mit der blassen Gesichtshaut, die leicht gräulich wirkt, nicht. „Er war mir körperlich überlegen“, sagte A., der in Russland eine Kampfausbildung absolvierte und in einer Spezialeinheit arbeitete, die Häftlinge bewachte.

Auch in der Nacht zum 5. November kam es in der Wohnung des Bekannten zum Streit. Viktor D. verließ die Wohnung und forderte A. auf, ihm zu folgen. Die Frau des gemeinsamen Bekannten versuchte Maksim A., davon abzuhalten. „Er wird dich töten“, soll sie gesagt haben. Doch A. folgte dem 37-Jährigen. Dieser ging plötzlich mit einem Messer auf A. los. „Dem Angeklagten sei es dann gelungen, A. das Messer aus der Hand zu treten“, so der Beamte der Mordkommission.

Maksim A. hob die Waffe auf und stach auf D. ein – so lange bis die Klinge abbrach. Viktor D. schleppte sich schwer verletzt 300 Meter vom Soltausredder in die Seitenstraße Solkowskyweg. An einem Kellerabgang rutschte er kopfüber die Treppen hinunter und blieb leblos auf den Stufen liegen. Ein Anwohner fand den leblosen Mann und alarmierte die Polizei. Während der Notarzt nur noch den Tod des Mannes feststellen konnte, war A. auf dem Weg zur Polizeiwache in Barsbüttel. Doch gegen 1 Uhr nachts ist die Station nicht besetzt.

A. setzte sich auf die Stufen und wartete. „Als wir dort eintrafen, kam er schon mit erhobenen Händen auf uns zu“, erinnert sich ein 27 Jahre alter Polizist, der an diesem Abend Dienst hatte. „Er hatte eine Wunde an der Hand und seine Kleidung war blutverschmiert“, so der Beamte. Widerstandslos ließ sich A. festnehmen. „Er war nicht aggressiv, eher kooperativ.“ Noch am selben Tag gesteht er die Tat.

„Hat Maksim A. bei der Vernehmung Reue gezeigt?“, möchte Richter Christian Singelmann wissen. „Nein. Selbst als ich ihn auf die Kinder angesprochen habe, die der Verstorbene hinterlässt, nicht“, erinnert sich der Kripo-Beamte und zitiert den Angeklagte: „Er tut mir nicht leid. Was hat solch ein Tyrann seinen Kinder zu bieten.“

Die Staatsanwaltschaft sieht auch nach den neuen Erkenntnissen keinerlei Hinweise auf Notwehr. Zumal A. 15-mal zustach. Der Ankläger: „Für Notwehr reicht es nicht, einfach zu sagen : ,Wenn ich ihn nicht getötet hätte, hätte er mich getötet.‘“