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Reinbek trauert um Sarah

Zehnjährige erliegt zwei Tage nach dem schrecklichen Unfall im Ortsteil Schönningstedt ihren Verletzungen

Reinbek. „Fassungslosigkeit, Ohnmacht, tiefe Trauer“: Mit diesen Worten beschreibt eine 45-Jährige das Gefühl, das in dem Reinbeker Ortsteil Schönningstedt herrscht. Zwei Tage haben Ärzte am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf um das Leben der zehnjährigen Sarah gekämpft. Vergebens. Am Freitag um kurz nach 11 Uhr hörte das Herz des Mädchens auf zu schlagen. Die inneren Verletzungen nach dem Unfall am Mittwoch, als ein Lastwagen an der Kreuzung Schönningstedter Straße/Sachsenwaldstraße umgestürzt war, waren zu schwer.

Reinbeker haben an den Unfallort Blumen, Stofftiere und Kerzen gelegt. Eine Freundin von Sarah hat einen Brief geschrieben. „Es ist so unfassbar, dass Du so aus dem Leben gerissen wurdest“, steht mit schwarzer Tinte auf einer cremefarbenen Karte. Ein kleines Mädchen mit langen schwarzen Haaren und buntem Ranzen kniet an der Stelle nieder. Sie legt rosafarbene Rhododendronblüten zu den anderen Blumen.

„Bei uns herrscht eine tiefe Traurigkeit“, sagt eine Mutter, die ihre Kinder am Freitag von der Grundschule Schönningstedt abgeholt hat, als sie an der Unfallstelle vor den Blumen und Kerzen steht. Ihre Stimme bebt, sie ringt um Fassung. „Ich hoffe, dass jetzt ganz viele liebe Menschen der Familie zur Seite stehen“, sagt die Frau.

Der Schönningstedter Pastor Benedikt Kleinhempel betreut die Eltern von Sarah. Er saß mit ihnen am Bett der Kleinen im Krankenhaus. Auch in die Grundschule den Mädchens sind Geistliche gekommen. „Das haben wir alle hier als sehr wichtig empfunden“, sagt Schulleiterin Bärbel Kruse. Auch Schulsozialarbeiter kümmern sich um die Kinder. „Wir versuchen, den Alltag aufrechtzuerhalten, soweit es geht. Einigen Kindern hilft dies“, sagt Kruse.

So hat sie auch nicht den lange geplanten Besuch zweier Klassen am Donnerstag und Freitag bei der Feuerwehr abgesagt. „Wir haben dabei natürlich nur Kameraden eingesetzt, die nicht am Unfallort waren“, sagt Wehrführer Claus Brettner, der selbst tief bestürzt ist. Er kennt die Familie von Sarah sehr gut. „Der Onkel ist selbst Feuerwehrmann. Auch der Vater des Mädchens war in der Feuerwehr“, sagt Brettner.

Sarah war mit ihrer Zwillingsschwester auf dem Weg zur Großmutter

Der Wehrführer war am Mittwoch ebenfalls am Unfallort. Er verfolgte, wie ein Notarzt das regungslose Kind nach 20 Minuten Reanimation ins Leben zurückholte.

Sarah ist nach Unterrichtsschluss gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester und einem Freund mit dem Rad von der Grundschule an der Königstraße losgefahren. Die drei Kinder wollen zu der Oma der Zwillinge, die schon Essen vorbereitet hat. Doch auf dem Weg kehren die Schwester von Sarah und der Freund um. Sie haben etwas in der Schule vergessen. Sarah fährt allein weiter und bleibt an der roten Ampel an der Schönningstedter Straße stehen.

Dann passiert das Unfassbare. Ein Lastwagenfahrer, 52, verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug und rast auf den Ampelmast zu. Das Kind wird getroffen und in den Graben geschleudert. Der Lastwagen stürzt um und bleibt auf der Fahrbahn liegen.

Mehrere Kinder werden Zeugen der schrecklichen Szenen. Einige Jugendliche ziehen Sarah von der Unfallstelle weg. Eine Autofahrerin, die hinter dem Lastwagen fuhr, alarmiert den Notarzt. Die Frau steht unter Schock. Als die Polizei eintrifft, sperren die Beamten die Kreuzung weiträumig ab.

Die Großmutter der Kinder macht sich bereits Sorgen, weil die Kinder schon lange da sein müssten. Sie will ihnen entgegengehen – und sieht das Trümmerfeld auf der Straße. Dann erkennt sie, dass die Rettungskräfte um das Leben ihrer Enkeltochter kämpfen. „Ich habe sofort ein Kriseninterventionsteam zur Unfallstelle gerufen“, sagt Claus Brettner. Denn auch seine Kollegen müssen betreut werden.

„Die meisten von uns sind selbst Väter und kannten auch das Kind“, so der Wehrführer. Sein Kamerad Oliver Selke fügt hinzu: „Wir haben die Bilder des schrecklichen Unfalls noch immer vor Augen. Das steckt man nicht so einfach weg.“ Die Retter telefonieren auch viel miteinander, um das Geschehene gemeinsam zu verarbeiten.

Polizei kann immer noch keine genauen Angaben zum Unfallhergang machen

Claus Brettner: „Man fühlt sich so hilflos. Dieses Mädchen hat doch alles richtig gemacht. Kurz zuvor hat sie sogar an der Schule ihren Fahrradführerschein gemacht und trug auch einen Helm.“ Viele Eltern in dem Reinbeker Stadtteil mit seinen rund 1400 Einwohnern müssen ihren Kindern nun erklären, dass sie nie wieder mit Sarah spielen können. „Wie wir das machen sollen, weiß ich noch nicht“, sagt Brettner, der selbst Vater ist.

Wie es genau zu dem schrecklichen Unfall gekommen ist, kann die Polizei auch zwei Tage danach noch nicht beantworten. Eine Sprecherin sagt, dass ein DEKRA-Gutachter den Fall untersuche. Der Lastwagenfahrer, der sich leicht verletzte, sei bisher noch nicht befragt worden.

Die Reinbeker CDU und SPD haben aus Rücksicht auf die trauernden Menschen ihre für Sonnabend geplanten Wahlinformationsstände in allen Ortsteilen abgesagt.