Stormarn

Tangstedter wollen ihren Postbriefkasten zurück

Anwohner der Wilstedt-Siedlung wehren sich gegen den Abbau des Kastens an der Heidestraße. Doch die Deutsche Post macht den Stormarner nicht viel Hoffnung

Tangstedt. Der Soziologe Albert O. Hirschmann hat sich mit dem Protest der Menschen gegen Unternehmen auseinandergesetzt. Er kam zu der These, dass der Protest immer heftiger gegen ein Unternehmen ausfällt, je weniger die Menschen eine Chance haben, zu einem Konkurrenten zu wechseln. Besser kann man das Problem der Deutschen Post nicht umschreiben. In der Wilstedt-Siedlung brandet Anwohner-Protest gegen das gelbe Unternehmen auf. Der Sachverhalt ist für die Post ein altbekanntes Problem. Es geht um den guten, alten, gelben Briefkasten.

Jahrelang stand an der Heidestraße, Ecke Birkenweg einer jener Kästen aus glasfaserverstärktem Polyesterharz. Für die vielen Anwohner in den Straßen um den Kasten war er bequem zu erreichen. Doch dann entdeckten Zerstörungswütige den Kasten. „Zuletzt haben sie das Ding an Silvester in die Luft gejagt“, sagt Anwohner Wolf Osterchrist. Er und die Nachbarn mutmaßen, dass es betrunkene Jugendliche waren, denen es in dem beschaulichen Dörfchen so langweilig geworden war, dass sie auf besonders dumme Gedanken kamen. Viermal wurde der Kasten in den vergangenen Jahren so zugerichtet, dass er für die Aufnahme von Briefen nicht mehr zu verwenden war und ausgetauscht werden musste. Doch nachdem der Kasten das letzte Mal in die Luft gejagt wurde, baute die Post keinen neuen auf.

Osterchrist und die übrigen Anwohner fragten zunächst bei der Gemeinde nach. Dort nahm man Kontakt zur Post auf und holte sich eine Absage. Es wurde der Gemeinde mitgeteilt, dass an der Heidestraße kein Briefkasten mehr aufgestellt werde. „Die ständigen Beschädigungen waren ausschlaggebend für diese Entscheidung. Die Post ist nicht mehr bereit, für jede Neuinstallation etwa 500 Euro auszugeben. Schade, dass es jugendliche Randalierer gibt, die keinen Respekt vor fremden Eigentum haben. Es tut mir leid, dass ich Ihnen diese Mitteilung machen muss“, heißt es in einem Schreiben der Gemeinde an Wolf Osterchrist. „Das wollen wir so nicht hinnehmen“, sagt Osterchrist. Der Tierarzt im Ruhestand ist ein in der Siedlung bekannter Mann. Erfolgreich hat er sich in der Initiative Inkaw gegen den Kiesabbau in der Wilstedt-Siedlung gewehrt. Nun organisiert er den Protest für den Postbriefkasten. „Hier wohnen viele ältere Menschen. Die schreiben noch Briefe und sind auf einen Kasten vor der Tür angewiesen.“ Einige sind für das Foto mit dem Abendblatt erschienen. „Ich schreibe noch häufig Briefe, habe viel Korrespondenz mit Ärzten. Den Kasten brauche ich unbedingt. Ich bin nicht mehr gut zu Fuß“, sagt eine Dame, die mit einem Rollator gekommen ist. Eine Dame, die an Krücken geht, stimmt ihr zu. Ein anderer Anwohner gesteht, dass er den Kasten zwar nicht mehr oft genutzt habe. „Ich bin mobil und fahre noch jeden Tag nach Hamburg rein. Da nehme ich die Post immer mit.“ Aber er habe ihn auch deswegen nicht mehr genutzt, weil er ihm nach den Beschädigungen nicht mehr sicher vorkam.

Wolf Osterchrist sagt, dass es in 800 Meter Entfernung einen weiteren Briefkasten in der Siedlung gebe. „Wenn wir schon unseren Kasten nicht mehr an der Heidestraße haben können, dann wäre uns geholfen, wenn der andere Kasten wenigstens an einem zentralen Ort aufgestellt würde, damit die Entfernung etwas abnimmt.“

Post-Pressesprecherin Maike Wintjen kennt die Kunden-Klagen aus vielen anderen Ecken Deutschlands. Die Post hatte 2003 noch etwa 140.000 Kästen im Land verteilt. Bis 2012 wurden 30.000 davon abgebaut. In vielen Fällen zog die Post die Wut ihrer Kunden auf sich. „Wenn ein Kasten so ungeschützt steht, dass er ständig zum Ziel von Vandalismus wird, ist es nicht mehr wirtschaftlich, ihn ständig auszutauschen.“ Der Vorschlag, den zweiten Kasten in der Siedlung zu versetzen, sei nicht ohne Weiteres umsetzbar. „Wir müssen uns an die Post-Universaldienstleistungsverordnung halten.“ Die schreibt vor, Kästen so aufzustellen, dass die Kunden in zusammenhängend bebauten Wohngebieten in der Regel nicht mehr als 1000 Meter zurückzulegen haben, um zu einem Briefkasten zu gelangen. Doch mit Rollator oder Krücken sind 1000 Meter viel zu weit.