Stormarn
Bad Oldesloe

Klimawandel bedroht Stormarns Reetdächer

Lübecker Wissenschaftler erforschen, wie das regionale Kulturgut erhalten werden kann. Ein Unternehmen aus Bad Oldesloe unterstützt sie dabei

Lübeck/Bad Oldesloe. Das Reetdach muss sich ändern, wenn es eine Zukunft haben will. Denn es hat einen Feind: den Klimawandel, der sich in den kommenden Jahrzehnten immer stärker bemerkbar machen wird. So lautet die Quintessenz eines besonderen Forschungsprojekts, das im März endet. Wissenschaftler der Fachhochschule (FH) Lübeck haben sich fünf Jahre lang mit dem Thema beschäftigt. Das Oldesloer Unternehmen Hiss Reet unterstützte das Projekt als Sponsor.

„Reetdächer sind in unserer Region ein Kulturgut, das es zu erhalten gilt“, sagt Georg Conradi, Architekturprofessor an der FH. Deshalb wurde diesem Dachtypus ein eigenes Teilprojekt in einem der größten Forschungsvorhaben gewidmet, die es in den vergangenen Jahrzehnten in Norddeutschland gab. „Klimzug-Nord“ heißt dieses Vorhaben, das mit 29 Millionen Euro finanziert ist.

Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Bereichen haben zusammen erforscht, wie sich der Norden auf die Folgen der Erderwärmung vorbereiten muss. Um Themen wie die Sicherheit der Deiche an der Elbe geht es da, um den Obstanbau im Alten Land und die Stadtplanung in Hamburg. Und auch um die für Norddeutschland so charakteristischen Reetdächer.

Am 19. März endet das Programm Klimzug-Nord, das 2009 begann, mit einer großen Konferenz in Hamburg. Professor Conradi wird dort seine Ergebnisse vorstellen, zurzeit wird noch an dem Abschlussbericht gearbeitet. „Prognosen besagen, dass die Sommer in Norddeutschland zum Ende des Jahrhunderts heißer werden und die Winter regenreicher“, sagt Steffen Slama, wissenschaftlicher Mitarbeiter in dem Forschungsprojekt. „Für Reetdächer ist besonders die Veränderung in den Wintern ein Problem. Denn eigentlich trocknen sie in diesen Monaten.“

Auch die Sommer, so der Wissenschaftler, werden den Reetdächern künftig zu schaffen machen. Denn der Wassergehalt in der Luft erhöht sich mit der steigenden Temperatur. Wenn sich aber zu viel Feuchtigkeit in den Dächern sammeln kann, ist das eine Belastung für das Material. „Dann können Pilze und Algen wirken“, sagt Steffen Slama.

Ändert sich nichts an der Bauweise, könnten nicht wenige Menschen in der Region ein Problem bekommen. „Allein in Stormarn werden pro Jahr etwa 50 Dächer neu eingedeckt“, sagt Ole Jedack, Verkaufsleiter bei Hiss Reet, die Handwerksbetrieben das Material liefert. Die Firma hat in Bad Oldesloe zehn Angestellte und beschäftigt zusätzlich Hunderte Menschen, die in Ländern wie der Türkei und Rumänien das Reet „ernten“, wie Jedack sagt.

Um die Auswirkungen des Klimawandels genau berechnen zu können, haben die Wissenschaftler zwei mit Reet gedeckte Versuchshäuser gebaut. Jahrelang wurde dort gemessen, wie sich unterschiedliche Temperaturen und Luftfeuchtigkeiten auswirken. Für die Wissenschaftler war es eine gute Gelegenheit, den Baustoff näher unter die Lupe zu nehmen. „Reetdächer gibt es schon seit mehr als 6000 Jahren. Diese Dachkonstruktion ist die älteste, die es gibt. Aber sie ist noch immer wenig erforscht“, sagt Steffen Slama.

Georg Conradi kann aus den Daten nun Empfehlungen ableiten. „Die Dächer der Zukunft müssen dünner gedeckt werden, außerdem muss die Belüftung verbessert werden“, sagt der Professor. Die Wissenschaftler fanden auch heraus, dass die Lage des Hauses einen großen Einfluss auf die Haltbarkeit des Daches hat.

„Ein optimal gebautes Dach hält 40 bis 60 Jahre. Die Lebensdauer verkürzt sich aber deutlich, wenn ein Dach unter Bäumen liegt“, sagt Steffen Slama. „Zum einen werfen diese Schatten auf das Haus, zum anderen sorgen sie für mehr Feuchtigkeit.“ Schlecht für Reetdächer sei es auch, wenn ein Wasserlauf oder ein Teich in der Nähe sind.

Bei allen Schwierigkeiten sieht Georg Conradi im Reet einen „Baustoff der Zukunft“. Der Grund: Das Material ist ökologisch, im Gegensatz zu anderen Baustoffen. Und: „Reetdächer isolieren gut, im Winter ist es unter ihnen warm und im Sommer kühl. Das wussten schon unsere Vorfahren.“