Stormarn
Ahrensburg

Schnäppchenjagd de luxe

Eine leer stehende Villa im Ahrensburger Stadtteil Hagen wird vom Auktionator Peter Lindenfeld für den Verkauf von Kunst und Antiquitäten genutzt

Ahrensburg. Die ersten Gäste sind überpünktlich. Zehn Minuten vor dem Termin warten 15 Besucher bereits auf Einlass. Das Tor ist noch verschlossen, dahinter sorgen zwei grimmig blickende asiatische Löwenskulpturen für zusätzliche Bewachung des Anwesens. Die Wartenden mustern aufmerksam die Einfahrt und die breite Front der zweigeschossigen modernen Villa dahinter. So also wohnen vermögende Leute in Ahrensburg.

Besichtigungstermin im Stadtteil Hagen. Das weitläufige Gebäude und der parkähnliche Garten stehen schon länger zum Verkauf, doch dieses Mal ist es vor allem das Inventar, das lockt. Per Zeitungsanzeige hat Auktionator Peter Lindenfeld zur „Totalauflösung in einer luxuriösen Landhausvilla“ eingeladen. Nach dem Motto „alles soll raus“ wirbt der Sachverständige für die Gelegenheit, Stilmöbel, edle Lampen, Kunstobjekte und hochwertiges Porzellan zu sehr günstigen Preisen erwerben zu können. Schnäppchenmarkt de luxe sozusagen. Freiverkauf heißt das Geschäftsmodell, mit dem Lindenfeld durch Deutschland tingelt. Ausstellungsraum ist immer eine leer stehende Edelimmobilie, die verkauft werden soll. Lindenfeld und sein Team reisen mit mehreren Lkw voller Kunst und Antiquitäten an, die aus hochwertigen Nachlässen stammen, und dekorieren das Haus so, als sei es noch bewohnt. Das nützt den Objekten und der Immobilie, die Lindenfeld gern mitverkauft.

Gespannte Erwartung vor dem Tor. Die ersten Gäste sind offenbar allesamt Kiebitze, die vor allem gucken und alles andere auf sich zukommen lassen wollen. Die Dame aus Poppenbüttel, die zuerst ankam, sucht eine Gartenskulptur. „Nicht so etwas Großes wie die Löwen hier. Ich habe nur einen Balkon.“ Brigitte und Peter Knaak wollen nach preiswerten Lithografien schauen, während die Besucherin aus Köln schon froh über „drei schöne Gläser und zehn tolle Bücher“ wäre. Ihren Ehemann interessiert mehr, was es mit dem außergewöhnlichen Spieltisch auf sich hat, der explizit in der Ankündigung erwähnt wurde: „Wurde in diesem Haus früher gepokert?“, fragt er.

Das wissen wir nicht. Mit Sicherheit aber, dass hier gerade ein Pokerspiel für Jäger und Sammler beginnen kann, als ein Helfer die schwer aussehenden Löwen lässig über das Pflaster schleift und das Tor öffnet. Es geht los. Auf dem Weg ins Haus sind die Besucher zunächst noch so zögerlich, als seien sie gar nicht eingeladen, doch in der Eingangshalle fühlen sie sich fast schon wie zu Hause. Der smarte Peter Lindenfeld und seine Helfer begrüßen Neuankömmlinge und raten allen, sich erst einmal umzuschauen. Die Frankfurter Crew hat eine Woche lang das Haus neu eingerichtet.

Viel zu gucken gibt es für alle, die sich vorstellen wollen, wie es sich in einer verschachtelten 600-Quadratmeter-Villa lebt. „Mein lieber Mann“, sagt ein älterer Herr aus Hamburg, „da braucht man ja drei Putzfrauen, mindestens.“ Alles recht fein, wären da nicht die indiskreten Preisschilder an fast allen Objekten – man fühlt sich fast wie bei Familie Neureich.

Wer kaufen will, stellt rasch fest, dass vor allem Freunde englischen Interieurs wie Mahagoni-Möbel und Chesterfield-Lederpolstergarnituren hier fündig werden und auch Kenner hochwertiger Grafik: in dichter Hängung sind Lithografien von Picasso, Chagall, Dalí, Siebdrucke von Lichtenstein und Warhol ausgestellt. Wer spontan nach Gusto zuschlagen will, wird schnell kleinlaut: Die Preise für Grafiken fangen oft bei mehr als 1000 Euro an, bei Möbeln und Plastiken geht’s meist deutlich höher.

„Alles ist verhandelbar – sonst macht es doch keinen Spaß“, sagt Lindenfeld. Freiverkäufe sind für ihn eine zeitgemäße Alternative zur Auktion: „Viele Leute haben nicht mehr die Zeit für und die Lust auf lange Versteigerungen. Hier können sie direkt zuschlagen.“ Das gilt auch für die Häuser selbst. Die Villa im Hagen soll etwa zwei Millionen Euro bringen.

Lindenfeld hat unter den Besuchern seiner Freiverkäufe drei Gruppen ausgemacht: „Die Gucker. Die Kenner. Und die Jäger, die das besondere Stück suchen.“ Als Highlights hebt er selbst den Original-US-Pokertisch (30.000 Euro) und eine rare handkolorierte und signierte Zille-Zeichnung von 1919 (6000 Euro) hervor.

Rasch fündig geworden ist ein glücklich lächelndes Ehepaar aus der Region, das spontan zwei Blätter erworben hat: ein für die Olympischen Spiele 1972 in München von Oskar Kokoschka für 1200 Euro gestaltetes Plakat und eine kleine Picasso-Litho für 300 Euro.

Weniger zufrieden ist der ältere Mann, der beim Rausgehen missmutig auf die beiden Löwen am Eingang schaut, und brummt: „9000 Euro sollen die kosten. Hier ist nix billig.“