Bargteheide

Weltweit im Strahlenschutz aktiv

Bargteheider Wolfgang Kessel hat Kupfergewebe gegen Elektrosmog entwickelt. Er schirmt auch ein Atomkraftwerk ab

Bargteheide. Einen riesigen Verdrängungsmechanismus beobachte er, sagt Wolfgang Kessel. Viele Leute wollten die Gefahr nicht sehen, die von Funkstrahlung ausgehe, es sei denn, sie seien selbst betroffen. Er selbst ist da anders: Der Bargteheider hat kein Handy, in seinem Haus gibt es keinen Router für drahtloses Internet, genauso wenig wie ein schnurloses Telefon.

Die Gefahr von innen ist damit weitestgehend gebannt. Um die Strahlungen von außen abzuhalten, hat Wolfgang Kessel die Wände seines Hauses in Bargteheide mit feinmaschigem Kupfergewebe verkleidet. Cuprotect heißt das Material, und Wolfgang Kessel hat es selbst erfunden.

Das war 2001, nachdem der Umweltanalytiker jahrelang in vielen Haushalten hohe Strahlungswerte gemessen hatte. „In den 1990er-Jahren tauchte auf einmal die Mobilfunkproblematik auf, die hatte es ja vorher gar nicht gegeben“, sagt Kessel. In der Bevölkerung hätten viele Angst gehabt vor der damals neuen Strahlung. Sie riefen Kessel an, der sonst Werte von Wohngiften, Schimmelpilzen oder Elektrosmog gemessen hatte.

„Die Produkte, die es damals auf dem Markt gab, die vor den Strahlungen schützen sollten, waren unbefriedigend“, sagt der Bargteheider, der sich zunächst dagegen wehrte, selbst etwas zu erfinden. „Um unabhängig zu bleiben, gibt es unter Umweltanalytikern eigentlich eine Art Kodex: Wer misst, verkauft nicht.“

Er habe sich aber in einem Dilemma befunden: „Ich wollte ja meinen Kunden gute Produkte empfehlen. Die gab es aber nicht.“ Erst als ihn auf einer Baustelle in Grönwohld ein Elektriker auf das Thema angesprochen habe, entschloss er sich, selbst ein Material zu entwickeln.

Nach aufwendigen Tests kam Cuprotect heraus, eng verwebter Kupferdraht, der in Wände und Dächer eingeputzt wird. „Ich vertreibe das Material mittlerweile weltweit, habe Niederlassungen unter anderem in der Schweiz, in Polen, der Türkei, den USA und in den Arabischen Emiraten.“

Wie „Christo den Reichstag“ verhülle er Gebäude, sagt Wolfgang Kessel. Zum Beispiel ein Wohnhaus an der Bismarckstraße in Hamburg, 800 Meter vom Fernsehturm entfernt, direkt vor der Tür eine UMTS-Mast. Nachdem er das Gebäude von außen mit Cuprotect verkleidet habe, habe sich die Strahlenintensität von mehr als 5000 Mikrowatt pro Quadratmeter Leistungsflussdichte auf weniger als ein Mikrowatt pro Quadratmeter reduziert.

„Seit Einführung der Funktechnik hat sich der Strahlenfaktor in den Häusern um das mindestens Zehntausendfache erhöht“, meint Kessel, der glaubt, jeder Mensch reagiere auf die Strahlung. „Jeder hat eine andere Schwachstelle: Manche bekommen Schlafstörungen, andere haben Kopfschmerzen und Schwindelgefühle.“

Bei Kessels Arbeit geht es allerdings auch um den Schutz anderer Schwachstellen. Seit mittlerweile acht Jahren ist sein Unternehmen dabei, ein Atomkraftwerk im Südwesten Finnlands abzuschirmen. „Das Atomkraftwerk ist durch die Abschirmung gegen die höchste Form elektromagnetischer Beeinflussung geschützt. So kann die Elektronik nicht zerstört werden – weder durch von Drohnen gesendete Pulse noch durch eine Atombombe“, erläutert Kessel. Eine von vielen Sicherheitsmaßnahmen nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Die Abschirmung des Atomkraftwerkes von außen sei weltweit einmalig, sagt der Bargteheider Bauherr.

Sein neustes Projekt ist allerdings deutlich besser in den Alltag integrierbar: Kessel hat Schutzhüllen für Routerantennen entwickelt. Die aus Kupfergewebe bestehenden Hüllen werden in den Stormarner Werkstätten hergestellt und können bei Bedarf über die Antennen gezogen werden. „Im Haus am Schüberg in Ammersbek etwa haben Dozenten über die Strahlenwerte geklagt. Wir haben die acht Repeater-Antennen mit Hülsen verkleidet und im Anschluss statt zwei- bis dreitausend Mikrowatt nur noch 0,1 bis drei Mikrowatt gemessen.“ Kessel betont, die Qualität der Übertragung werde durch die Routerhüllen nicht beeinflusst, die Reichweite allerdings schon.

Zuletzt reiste der Bargteheider nach San Diego, um das Dach eines Bürogebäudes mit Cuprotect zu verkleiden. Drei Tage brauchten die Arbeiter, um die 500 Quadratmeter große Fläche fertigzustellen. Kessels Aufgabe ist es dabei, das System zu liefern, wie er sagt. „Ein Geschäftsmodell, bei dem ich selbst eigene Arbeiter habe, ist nichts für mich. Zu aufwendig.“ Er bilde Arbeiter und Ingenieure aus und suche sich dann aus seinem Netzwerk Firmen für die Zusammenarbeit aus.

Die Instruktionen gibt Wolfgang Kessel meist persönlich. Wenn er mal nicht vor Ort ist, kann man ihn auch unterwegs anrufen. Auf seinem fest eingebauten Autotelefon. Kessel hatte übrigens auch mal ein Smartphone, bis vor Kurzem, dann wurde es geklaut oder er hat es verloren. Benutzt hat er das Handy allerdings auch da nur über die Freisprechfunktion.