Ahrensburg

„Missbrauch besser aufarbeiten“

Mahnwache vor der Ahrensburger Gemeinde Kirchsaal Hagen drängt seit drei Jahren auf konkretere Opferhilfe

Ahrensburg. Die Temperaturen sind fast bis auf den Gefrierpunkt gesunken. Verschwommen funkeln Lichter von Straßenlaternen durch den Nebel. Wer die Hagener Allee an diesem Montagabend entlang kommt, erkennt erst ein paar Meter vor dem Kirchsaal Hagen der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Ahrensburg, dass sich auf dem Gehweg ein paar Menschen versammelt haben. Mit heißem, alkoholfreiem Apfelpunsch halten sie sich warm, obwohl sie sich schon mit Anoraks und dicken Mänteln gegen die unangenehme, feuchte Kälte schützen. Kerzen flimmern in roten Gläsern, die die Gemeindeglieder auf eine kleine Mauer vor dem Kirchsaal gestellt haben. „Mahnwache“ steht in großen, handgeschriebenen Lettern auf einem weißen Plakat.

Organisator der Mahnwache wurde selbst von dem Geitlichen bedrängt

Seit genau drei Jahren versammeln sich die Protestanten nun schon dort, und zwar jeden ersten Montag im Monat. Am Buß- und Bettag des Jahres 2010 hatte Anselm Kohn dazu aufgerufen. Es war jener Tag, an dem Kirche mitteilte, dass der Ruhestandsgeistliche Dieter Kohl, Kohns Stiefvater, auf eigenen Wunsch aus dem Dienst entlassen wird – und sich somit einem Disziplinarverfahren entzog. „Kohn: „Das war ein Schock für die Gemeinde.“ Denn Kohl sollte sich wegen Missbrauchs an Jugendlichen verantworten, darunter auch an drei Brüdern Kohns. Anselm Kohn selbst ist von dem Geistlichen bedrängt worden.

Kohl wirkte seit 1973 im Kirchsaal Hagen. 1989 wurde die Ehe mit Kohns Mutter geschieden. Zehn Jahre danach wurde er nach Neumünster versetzt, nachdem die damalige Pröpstin Heide Emse von einem Vergehen des Pastors an einem weiblichen Opfer erfahren hatte. Gestanden hat Kohl diese und andere Taten erst im Dezember 2010, als sie verjährt waren und gegen ihn nicht mehr strafrechtlich vorgegangen werden konnte. Öffentlich geworden waren sie bereits im Mai 2010.

„Seitdem ist zwar vieles positiv in Bewegung gekommen, aber für die Missbrauchsopfer in Ahrensburg ist bislang nicht viel dabei herausgekommen“, sagt Kohn. Damit sich das ändert und die Taten nicht in Vergessenheit geraten, stehen er und seine Mitstreiter immer noch vor dem Kirchsaal am Hagen. Kohn: „Es finden zwar Gespräche über Entschädigungen statt, aber Zahlungen sind nicht erfolgt.“ Opfern, die sich beim Präventionsbeauftragten des Kirchenkreises Hamburg Ost, Rainer Kuck, meldeten, würden aber Therapien finanziert.

Kohn ist auch Vorsitzender des Vereins „Missbrauch in Ahrensburg“, der sich für die Opfer einsetzt – genauer: eingesetzt hat, denn der Verein hat im Juni seine Auflösung beantragt, die aber erst im Juni kommenden Jahres juristisch wirksam wird. „Die Struktur eines Vereins ist nicht geeignet, um mit solchen Dinge umzugehen“, sagt Kohn.

Die Mahnwache richtet sich aber auch gegen den Ahrensburger Pastor i. R. Friedrich Hasselmann (siehe untenstehenden Artikel). „Der hat von den Taten Kohls gewusst, sie aber nicht seinen Vorgesetzten gemeldet und sich hinter seiner Schweigepflicht versteckt“, sagt Wolfgang Meichßner, einer der Mahnwächter. Hätte Hasselmann etwas gesagt, hätten Kinder und Jugendliche vor dem Missbrauch bewahrt werden können.

Hasselmann werden zudem sexuelle Handlungen gegenüber zwei Mädchen vorgeworfen. „Hasselmann sagt, das waren Liebesbeziehungen“, berichtet Meichßner, „aber selbst wenn, dann hat er zweimal Ehebruch begangen.“ Das sei nicht gerade das, was er von einem Geistlichen erwarte. Kohn, Meichßner und ihre Mitstreiter dringen darauf, dass das Disziplinarverfahren gegen den Pastor zu einer Bewertung kommt. Eine Entlassung des Ruhestandsgeistlichen „wäre eine moralische Anerkennung“, so Meichßner.

Pastorin Anja Botta stört sich nicht an der Mahnwache vor ihrer Haustür

„Wir sind aber keine Racheengel“, betont Meichßner ebenso. Und auch Kohn bekümmert, „dass ein Riss durch die Gemeinde geht, seit der Missbrauchsskandal ans Licht gekommen ist.“ Einige Gemeindeglieder wollten die Missbräuche nicht wahrhaben, wechselten gar die Straßenseite, wenn sie anderen Mitgliedern begegneten, die sich an der Mahnwache beteiligten. Kohn wünscht sich daher auch eine „gemeindliche Aufarbeitung“ der Geschehnisse. Kohn: „Es könnte etwa ein Mediator hierher geschickt werden, um professionell zu schlichten.“

Pastorin Anja Botta, vor deren Haustür die Mahnwache quasi abgehalten wird, stört der stille Protest „überhaupt nicht“. Sie könne das Anliegen nachvollziehen. „Schwierigkeiten haben ich und die anderen Pastoren der Gemeinde aber mit der Bitte, uns dazuzustellen“, sagt Botta weiter. Denn sie seien Teil der Struktur, also der Institution Kirche, gegen die sich die Mahnwache wende.

Auch nach Bottas Auffassung geht derzeit ein Riss durch die Gemeinde, wie ihn Kohn beschreibt. „Solche Spaltungen gehen mit Missbrauchsskandalen einher“, sagt die Pastorin. „Es ist schwer, das wieder zu glätten und alle an einen Tisch zu bekommen, weil es keine gemeinsame Wahrheit gibt.“

Im Frühjahr soll eine unabhängige, mit Experten besetzte Aufklärungskommission einen Bericht über den Missbrauchsskandal in Ahrensburg vorlegen. Derweil wird die Mahnwache weiter jeden ersten Montag im Monat abgehalten, das nächste Mal am 6. Januar. „Das geht so lange, bis wir uns hier wieder alle in die Augen gucken können“, sagt Meichßner. „Das wird aber wohl noch eine Weile dauern.“