Bargteheide

Ich bin dann mal Bufdi

44 Jahre alter Bargteheider gönnt sich eine Auszeit vom Job und hilft im örtlichen Kinderhaus

Bargteheide. 25 Jahre in derselben Firma. Carsten Kommer hat das als kaufmännischer Angestellter in der Hamburger Niederlassung eines Mineralölkonzerns geschafft. Für den 44-Jährigen nur bedingt ein Grund zum Feiern. „Nach so langer Zeit habe ich mich gefragt, ob es nicht Zeit ist, etwas anderes zu sehen. Ich will am Ende meines Lebens nicht sagen, dass ich es nur am Schreibtisch verbracht habe“, sagt er. Seit dem 1.Oktober hat sich sein Leben gewaltig verändert, denn seitdem arbeitet er im Bundesfreiwilligendienst (BFD) im Kinderhaus Blauer Elefant in Bargteheide.

Eine kleine Party ist der Anstoß. Es gibt Sekt und Kuchen, die Kollegen gratulieren zum Dienstjubiläum. Der Bargteheider erinnert sich gut an die Glückwünsche: „Mensch, Carsten, 20 Jahre noch, dann hast du es geschafft.“ Er findet genau diesen Gedanken aber nicht sehr attraktiv. „Ich hatte schon länger überlegt, ein Sabbatjahr zu machen. Diese Kommentare gaben mir den letzten Anstoß dazu.“

Dabei möchte der Vater zweier Söhne nicht missverstanden werden. „Ich mag meinen Job. Man hat jeden Tag andere Aufgaben, es ist durchaus abwechslungsreich und vor allem fordernd. Aber oft habe ich im Büro gesessen und mir gewünscht, dass ich mich mal nicht mit Zahlen auseinandersetzen muss. Auf einmal war der Gedanke, einfach mal Staub zu saugen, attraktiv.“

Es ist trotzdem nicht so, dass Carsten Kommer sich aktiv auf die Suche nach einer Alternative macht. Ins Kinderhaus Blauer Elefant kommt er eher zufällig. „Es gab eine Infoveranstaltung, auf der über Ehrenämter gesprochen wurde. Das fand ich nicht so spannend. Später aber habe ich mich über den BFD informiert und war gleich angetan“, sagt er. Besonders gut am BFD gefällt ihm, dass er seine Altersvorsorge nicht gefährdet. Kommer: „Der Träger, also der Bund, übernimmt meine Sozialversicherung, es entsteht also keine Lücke in der Rentenberechnung.“ Dabei berechnen sich die Beiträge allerdings nicht nach Kommers Gehalt beim Ölkonzern, sondern an seinem Taschengeld als „Bufdi“. Das liegt bei gerade mal 380 Euro im Monat.

Als er sich als BFDler im Kinderhaus in Bargteheide bewirbt, staunt Leiterin Andrea Schulz nicht schlecht. „Die meisten Freiwilligen kommen gerade von der Schule. Herr Kommer war sicher ein ungewöhnlicher Kandidat, er hat aber gleich einen guten Eindruck gemacht. Deswegen konnten wir uns das sehr gut vorstellen“, sagt sie.

Im Kinderhaus Blauer Elefant werden täglich 50 Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis 16 Jahren betreut. „Hier bekommen sie ein Mittagessen, das ist ganz wichtig. Außerdem bieten wir ein breites Freizeitangebot an, zum Beispiel Schwimmen oder Fußball. Ganz wichtig sind auch unsere Hausaufgabenhilfe und unser Fahrdienst“, sagt Schulz und fügt hinzu: „Das sind insbesondere die Aufgaben, bei denen Herr Kommer uns sehr helfen kann.“

Mehrmals am Tag holt Carsten Kommer Kinder von der Schule ab, fährt sie nach Hause oder ins Kinderhaus, zum Sport oder ins Kino. „Bei den Hausaufgaben kann ich zum Glück noch helfen, meistens geht es um den Stoff in der Grundschule.“

Am anspruchsvollsten ist es für Carsten Kommer aber, den Kontakt zu den Kindern aufzubauen. Er sagt: „Gerade am Anfang, als sie mich noch nicht so gut kannten, haben einige Kinder schon ein bisschen perplex geguckt. Ich bin ja doch um einiges älter als die anderen Bufdis im Haus. Außerdem wusste ich selbst am Anfang auch nicht genau, wie ich auf die Kinder zugehen soll.“

Um Vertrauen zu den jungen Menschen aufzubauen, greift er auf seine Berufserfahrung zurück. „Im Grunde muss ich bei den Kindern dieselben Standards anlegen wie im Gespräch mit Kunden. Wenn man höflich ist und freundlich, dann kommt man sehr weit. Ganz wichtig ist, dass man den Gesprächspartner ernst nimmt. Es macht da gar keinen Unterschied, ob das ein Kind ist oder ein Geschäftsmann“, sagt Kommer.

Seine Familie unterstützt die Auszeit vom Job. „Meine Frau war sehr dafür, weil sie gesehen hat, wie stressig die Arbeit war. Meine Söhne hatten so ihre Bedenken, ob es finanziell nun reichen wird. Aber dafür habe ich vor dem BFD gespart“, sagt Kommer. Unterschiedliche Reaktionen gab es bei seinen Arbeitskollegen. „Viele finden es gut, einige würden auch gern für eine Zeit aussteigen, aber sie trauen sich nicht. Andere haben aber überhaupt kein Verständnis. Sie sagen, dass ich meine Karriere ruiniere“, sagt er.

Doch die Karriere ist nicht alles für Carsten Kommer. Er sagt: „Wenn ich ganz nach oben gewollt hätte, dann hätte meine Familie sicherlich darunter gelitten. Denn dann hätte ich ins Ausland gehen müssen, aber ich wollte nicht, dass meine Söhne und meine Frau wegen mir unser Zuhause verlassen müssen. Deswegen bin ich in Deutschland geblieben.“

Anfang April 2014 wird er wieder in seinen ursprünglichen Job einsteigen und dann auch wieder auf diejenigen treffen, die ihn für seine Pause kritisieren. Carsten Kommer bleibt gelassen. „Ich denke, dass die Leute, die mich nicht verstehen, gar nicht wissen, was sie verpassen, wenn sie mal etwas ganz anderes machen.“