Stormarn
Ahrensburg

Willkommen im Alltag in einem Kinderhort

Die Awo machte mit einem nachgestellten Hort vor dem Ahrensburger Rathaus auf Missstände bei der Betreuung aufmerksam. Dazu zählt vor allem die Raumknappheit, die kein konzentriertes Arbeiten in Ruhezonen erlaubt.

Ahrensburg. Nicht nur im, auch vor dem Ahrensburger Rathaus kann es laut zugehen. Etwa wenn der Hort Kinderhuus Am Reesenbüttel der Arbeiterwohlfahrt Stormarn (Awo) direkt vor dem Verwaltungsgebäude eine dieser Betreuungseinrichtungen für Grundschüler nachstellt. So wie am Freitag. Kurz nach Schulschluss planschten dort lachende Kinder mit ihren Händen in mit Stärke versetztem Wasser, Erstklässler vergnügten sich dabei, kleine Kügelchen aus Strohhalmen pfeilschnell auf Erzieher zu pusten, und wieder andere Knirpse warfen sich gleich daneben einen Ball zu. Und das in einem 60-Quadratmeter-Raum.

Damit war die Fläche, die die Zeltplane überspannte, ungefähr so klein wie das Zimmer, das der Hort in der Schule zur Verfügung hat. Erzieherin Ina Grammerstorf musste regelrecht schreien, um bei dem Geräuschpegel, den die 15 Kinder erzeugten, mitzuteilen, dass das Kinderhuus zusätzlich ein Klassenzimmer nutzen kann, das etwa zehn Quadratmeter größer ist. Dritt- und Vierklässler, die gemeinhin bis 13Uhr unterrichtet werden, betreut der Hort zudem in Räumen der Fritz-Reuter-Schule. Einschließlich dieser „Fritzis“ sind damit 138 Grundschüler im Kinderhuus.

„Ich frage mich, wie die Erzieher und die Kinder diesen Lärm über den Nachmittag aushalten“, sagte Annabell Nitsche. Die 38 Jahre alte Grafikerin kennt das allerdings schon, weil eines ihrer beiden Kinder in einen Hort geht und das andere in einen Kindergarten. Allerdings wollte die Ahrensburgerin nun auch mal den Hortalltag genauer kennenlernen. Und eben dazu wollte die Awo auch Gelegenheit geben. Zeltbesucher konnten dazu entweder in die Rolle eines Kindes oder einer Betreuerin respektive eines Betreuers schlüpfen. Nitsche gab sich als Kind, das im Hort seine Schulaufgaben erledigen möchte. Sehr hilfreich waren nicht nur ihr, sondern auch der Grundschülerin Madita gelbe Kopfhörer, die auf dem Tisch bereitlagen. Mit dem Hörschutz konzentrierten sie sich deutlich besser.

„Es gibt zu wenig Ruheräume“, sagte Nitsche und sprach damit einen Missstand an, auf den die Aktion aufmerksam machen sollte. „Mehr Platz“, lautet denn auch eine Forderung, die die Awo auf kleine rote Flyer drucken ließ, die bei der Aktion verteilt wurden. Neben einem Ruhebereich sollte es auch Bewegungs- und Spielräume geben, in denen die Kinder beispielsweise ihre Geschicklichkeit üben, indem sie eine Murmel in der Kerbe eines wie eine Acht geformten Holzgestells kreisen lassen, das sie in Händen halten.

Mehr Zeit wünschen sich die Erzieher ebenfalls. „Gegenwärtig soll etwa ein Betreuer auf zehn Kinder kommen“, berichtet Grammerstorf. Aufgrund von Krankheit oder Urlaub müsse eine Kraft aber in der Regel mehr Kinder im Auge haben. Das gehe zulasten individueller Betreuung , sagte die 45-Jährige. So fordern die Erzieher auch einen erweiterten Personalschlüssel, um mehr Fördermöglichkeiten anbieten zu können. Zudem sprechen sie sich für eine gute Ausstattung mit Möbeln, Material und Geräten aus. Laut Flyer wünschen sie sich überdies „eine höhere Attraktivität des Berufes durch Wertschätzung in der Politik und der Gesellschaft und durch angemessene Bezahlung“.

Ob das allerdings auch bei Verwaltung und Politik ankommt? Bürgermeister Michael Sarach meinte, das sei „eine tolle Aktion“, als er kurz in das Zelt schaute, um zu sehen, was sich neben seinem Büro abspielte. Er finde es „interessant“, dass mit Ohrenschützern die Konzentration bei den Hausaufgaben gefördert werde. Bürgervorsteher Roland Wilde (CDU) sagte, er freue sich, dass es eine gute Zusammenarbeit zwischen den Schulen und dem Hort gebe, sodass dieser auch Klassenzimmer nutzen könne. Die allerdings sind für die Bedürfnisse der spielenden Hortkinder gar nicht ausgelegt – ein grundsätzliches Problem, das die Raumknappheit mit sich bringt und auf das die Awo mit einer weiteren Aktion bereits aufmerksam machte (das Abendblatt berichtete). „Eine Patentlösung für die Platzfrage habe ich nicht“, gestand Wilde, ergänzte aber: „Da muss was passieren.“