Reinfeld

Reinfelder bauen am neuen Airbus 350 mit

Zehn-Mann-Betrieb CogniMed entwickelt Elektronik für Sauerstoff-Notfallsystem des Langstrecken-Jets. "Das war ein Meilenstein für uns", sagt der Geschäftsführer von CogniMed.

Reinfeld. Frank Willers' Walrossbart kommt gut zur Geltung. Denn der Geschäftsführer von CogniMed trägt sein Haupt hoch erhoben. "Das war ein Meilenstein für uns", sagt der 52-Jährige stolz. Stolz kann er auch sein. Denn sein Zehn-Mann-Betrieb in Reinfeld hat die Hürde genommen, die vor dem Einstieg in die Entwicklung fliegenden Equipments für Luftfahrtindustrie steht: Sie hat die Elektronik für ein System konzipiert, über das im Notfall Passagiere des neuen Airbus' 350 mit Sauerstoff versorgt werden. Geschehen ist dies im Auftrag der Lübecker Niederlassung der B/E Aerospace Systems, einem amerikanischen Flugzeugausstatter, der wiederum auch für den europäischen Luftfahrtkonzern arbeitet.

"Wir hoffen natürlich, dass unser System nie zum Einsatz kommt. Denn würde es gebraucht, bedeutete das, dass ein Flugzeug in ernsthaften Schwierigkeiten wäre und die Sauerstoffmasken aus den Vorrichtungen über den Sitzen fielen", sagt Willers im Konferenzraum des unscheinbaren Firmengebäudes an der Holländerkoppel. Umso wichtiger ist, dass das System stets funktionstüchtig ist, und zwar 25 Jahre lang. So will es Airbus. "Währenddessen überprüfen die Luftfahrtgesellschaften die Funktionsfähigkeit regelmäßig", sagt der Geschäftsführer.

Zunächst werden das freilich noch Airbus-Techniker machen, denn das Langstreckenflugzeug hat erst vor wenigen Tagen erfolgreich seinen Jungfernflug absolviert und wird nun weiter getestet. Ende kommenden Jahres soll es ausgeliefert werden. Bisher sind schon mehr als 600 dieser Hightech-Maschinen fest bestellt worden. Mit ihnen macht der europäische Flugzeugbauer dem Dreamliner von Boeing Konkurrenz.

An fliegendes Equipment werden besondere Anforderungen gestellt. Es ist starken Vibrationen und Temperaturschwankungen ausgesetzt, zudem darf die Elektronik nicht durch äußere Einflüsse wie etwa Gewitter gestört werden und umgekehrt auch andere elektronische Geräte nicht stören. "In einen schützenden Kasten konnten wir sie auch nicht packen, weil der schwer ist, das Gewicht der Flugzeuge aber verringert werden soll", sagt der Geschäftsführer. Bewältigt wurde das Problem durch bestimmte Schaltungstechniken in der Software.

"Aus technischer Sicht war unsere Entwicklung trotzdem gar nicht mal so kompliziert", ergänzt der ebenfalls 52 Jahre alte Holger Panier. Der Physiker ist bei CogniMed für Marketing und Vertrieb zuständig und vertritt den Geschäftsführer. "Aber es gibt viele Normen, die man einhalten muss - Normen des Flugzeugbauers und der Luftfahrtbehörden." Hinzu komme, dass es schon schwierig sei, jemanden zu finden, der diese Vorgaben ausreichend kenne. Panier: "Und dann können die auch noch verschieden ausgelegt werden." Es sei von Vorteil gewesen, dass die Firma schon in der Medizintechnik Erfahrung mit der Einhaltung technischer Normen gehabt habe, wirft Willers ein. "Aber in der Luftfahrt sind die Anforderungen noch zehnmal höher." Verbunden sei das mit umfangreicher und zeitraubender Dokumentation der Arbeitsschritte. Und dann komme es noch häufiger als üblich zu Änderungswünschen "Wir haben durch den Auftrag verstanden, warum Flugzeuge oftmals später als geplant auf den Markt kommen", sagt Willers und stöhnt.

In seinem kleinen Büro hängt ein schwarzer Sandsack. Zur Demonstration malträtiert er das Trainingsgerät für Boxer nicht nur mit den Fäusten, sondern auch mit dem rechten Fuß, auf dass es heftig durch den Raum schwingt und gegen die Wand kracht. "Das tut hin und wieder ganz gut", sagt Willers anschließend, lacht und findet blitzschnell zu seiner Ausgeglichenheit zurück. Während des Projekts habe er oft dagegen geschlagen und getreten.

Vor drei Jahren haben die acht Techniker des Betriebs - zwei weitere Mitarbeiterinnen kümmern sich um den Einkauf und die Buchhaltung - begonnen, das Sauerstoff-System für den Langstreckenflieger zu entwickeln. Es war nicht der erste Auftrag aus dem Hause B/E Aerospace Systems, deren Lübecker Niederlassung aus der ehemaligen Aerospace-Sparte des Dräger-Konzerns hervorgegangen ist. So wird das Sauerstoffsystem dort beispielsweise auf Fertigungslinien produziert, die CogniMed schon vorher für den US-Hersteller entwickelt hatte. Dessen Büros sind übrigens nur eine 15-minütige Autofahrt von Willers' Sandsack entfernt - zweifelsohne ein weiterer Vorteil bei diesem Projekt.

Als Willers CogniMed 1994 zusammen mit Martin Ryschka gründete, dachte er nicht daran, einmal Teile von Flugzeugen zu konzipieren. Damals fokussierte sich der Betrieb auf Medizintechnik. Daher komme auch der Name der Firma, eine Kombination aus den Wörtern "cognitiv" und "Medizin". Zuerst entwickelte die Firma ein System, mit dem gleichzeitig Daten von bis zu 16 Herz-Kreislauf-Patienten erfasst werden konnten, deren Gesundheitszustand an Ergometern geprüft wurde. Willers: "Mit Ausnahme der Pedalanlage haben wir alles an dem Gerät entwickelt, von den Schläuchen und ihren Noppen, die auf der Haut haften, bis zur elektronischen Daten-Vernetzung." Willers und Ryschka, der heute als Professor an der Fachhochschule Lübeck lehrt und nach wie vor Teilhaber an CogniMed ist, hatten sich zuvor bei einer Hamburger Firma kennengelernt, die Medizintechnik herstellte. Ryschka wohnte in Lübeck, Willers in Hamburg.

"Da suchten wir für unsere Firma einen Platz dazwischen und kamen auf Reinfeld", sagt Willers. Die nördlichste Stadt Stormarns sei schon damals attraktiv für Firmen gewesen und habe eine gute Verkehrsanbindung.

Willers hofft, dass die Firma nun "bessere Chancen" hat, auch anderes fliegendes Equipment für die Luftfahrtbranche herzustellen. Dann würde sicherlich auch mehr als die eine Million Euro Umsatz erzielt, die CogniMed derzeit jährlich erwirtschaftet.