Stormarn
Gemeindeversammlung

In Hohenfelde darf jeder mitregieren

Die Herren sitzen links, die Damen rechts. Zur Gemeindeversammlung im kleinsten Dorf Stormarns kommt fast die Hälfte aller Einwohner.

Hohenfelde. Etwas abseits der Hauptstraße übernimmt die Natur das Zepter auf dem Weg zur Bürgermeisterwahl in Hohenfelde. In allen Grünschattierungen wiegen rechts und links dicht beblätterte Bäume, durch das Geäst fallen hellgoldene Lichtstrahlen auf das Kopfsteinpflaster wie ein Zebrastreifen: Ab hier geht alles langsam. Außer dem Rumpeln des Autos über Schlaglöcher und runde Steine, das verdächtig nach Achsbruch klingt, sind die einzigen Geräusche der Wind und die zwitschernden Vögel. Der denkmalgeschützte Weg ist zweigeteilt: Links verläuft der gepflasterte Winterweg, rechts der Sand-Sommerweg. Dass hier tatsächlich noch ein Ort auftauchen soll, wirkt eher ungewiss. Doch da: ein Straßenschild. Und über der Ortsbezeichnung Hohenfelde prangt stolz die blaue Plakette: "Gemeinde Europas".

Tatsächlich wurde Hohenfelde 1954 als erste Gemeinde Schleswig-Holsteins Mitglied im "Rat der Gemeinden in Europa". Von Trittau aus führt hierhin nur der Hohenfelder Damm. Keine Laterne beleuchtet den Straßenrand, aber die nahe Mittsommernacht sorgt für Licht.

Im Gasthof Stahmer trifft sich die Gemeindeversammlung, um den Bürgermeister und Mitglieder verschiedener Ausschüsse zu wählen. Weil in der einzigen Straße, die zudem keinen Namen hat, nur 65 Menschen in durchnummerierten Häusern leben, gibt es keine gewählten Politiker, sondern eine Versammlung, bei der alle über 16-Jährigen direkt entscheiden. Bürgermeister Heinrich Stahmer sagt: "Wir haben hier die Ur-Demokratie". Gleich entscheiden die etwa 30 Wahlberechtigten, ob sie ihren schon seit 2001 gewählten Bürgermeister behalten wollen oder nicht. Um 20 Uhr, in ein paar Minuten. "Hohenfelder kommen immer erst um fünf vor acht", sagt Birgit Williams, die im Gasthaus Stahmer arbeitet und seit 1986 mit ihrem Mann Anthony Williams im Dorf lebt. Herr Williams ist gebürtiger Brite und konnte "hier am Anfang nicht schlafen, weil mir der Autolärm fehlte". Der jüngste Hohenfelder, Jan-Mathes, 2, wird noch schnell ins Bett gebracht, bevor jeder an den weiß gedeckten Tafeln, u-förmig aufgestellt und mit frischen, zarten Landblumen geschmückt, Platz nimmt. Aber nicht irgendwie: die Frauen rechts, die Männer links. "Das ist kein Machokram", sagt Anthony Williams mit seinem leicht rollenden Akzent, "sondern einfach Tradition."

Es wird geschnackt, gegrüßt, gelacht, gemurmelt, die Bedienung nimmt Bestellungen auf. Links gibt es Schorlen, im Trend liegt eindeutig rosafarbener Rhabarbersaft, rechts spiegeln sich braune Bierflaschen in den mit Geweihen geschmückten Deckenlampen. "Wumms", Heinrich Stahmer eröffnet mit einem krachenden Hammerschlag die Sitzung. Plötzliche Stille lässt wieder das Vogelzwitschern durch die Fenster dringen. Die Dorfälteste Christa Wellmann spricht die Eröffnungsworte und bittet um Vorschläge zur Bürgermeisterwahl. Es gibt nur einen: Heinrich Stahmer. Der wurde hier im Gasthof, im Clubzimmer nebenan, sogar geboren. Erst im Vorjahr verpachtete er den Gasthof an die Familie Löwel, die mit drei Kindern herzog und damit die Einwohnerzahl um acht Prozent erhöhte. Die Wahl per Handzeichen ist in weniger als einer Minute vorbei. Bis auf zwei Enthaltungen gehen alle Stimmen an Herrn Stahmer. Es wird genickt, man hört zustimmendes Murmeln.

"Wollt ihr mich nicht fragen, ob ich die Wahl überhaupt annehme?", ruft der wiedergewählte Bürgermeister mit blitzenden blauen Augen und erntet fröhliches Gelächter. Jens Borchers vom Amt Trittau sitzt neben Stahmer, notiert, zählt die Handzeichen, klärt mit näselnder Stimme, was es zu klären gibt. Nach der Auszählung für die Wahl zum ersten und zweiten Stellvertreter ist klar: Erster und zweiter aus dem vergangenen Jahr wechseln ihre Plätze, Birgit Williams ist nun erste statt zweite Stellvertreterin, Stefan Jacobsen zweiter statt, wie vorher, erster Stellvertreter. Als sich die Wahl ein wenig zieht, werden die Gespräche wieder lauter. Links geht es um die neuen Küchengeräte, "von Silikon halte ich ja nichts", rechts wird lautstark über einen Graben diskutiert.

Bei der Wahl der nächsten Ämter und Ausschüsse schleicht sich leise Verwirrung in die Sitzungsrunde. "Was macht denn jetzt bitte der Amtsausschussvertreter?" Gertrud Stahmer, Gattin des Bürgermeisters, klärt auf: "Der sitzt im Amtsausschuss, wenn der Bürgermeister nicht kann." Sie kennt sich aus, weiß über alles und jeden Bescheid, sie wird gefragt, wenn etwas unklar ist. Wie die Bürgermeisterin wirkt sie, ruhig lächelnd blickt sie in die Runde. "Aber ich würde mich da nur aufregen. Das macht lieber mein Mann."

Dann sind Bau-, Finanz und Wegeausschuss doch noch gewählt. Einwände gegen das Protokoll vom Vorjahr? Nein, denn es gibt gar keins. Bei der abschließenden Fragestunde diskutieren die Einwohner kurz über einen Graben, der ausgehoben werden soll. "Na, hat denn hier niemand eine Schaufel, oder was?", fragt der Bürgermeister nur und schließt mit einem weiteren, donnernden Hammerschlag die Sitzung.

"Herr Stahmer gibt einen Kurzen für alle aus", sagt die junge Bedienung. Bei Likör und Küstennebel wird weiter geschnackt, außer Amtsvertreter Jens Borchers aus Trittau steht niemand auf.

"Wann kommen denn jetzt die Boxen?", wird Gertrud Stahmer gefragt. Die Boxen, erklärt sie, kämen im Juli. Damit bringen die Breitbandkabel, die schon unter der Erde und in den Häusern liegen, dann endlich das lang ersehnte, schnelle Internet. "Wir haben keine Straßenlaternen - dafür haben wir jetzt Breitband", sagt die Bürgermeistergattin fröhlich.

Von dem Etat, der, wie Gertrud Stahmer sagt, "nicht hoch ist, so wie in allen Kleinstgemeinden", wird nach Abzug der üblichen Kosten "das bezahlt, was wir gerade brauchen. Mal ist das Rattengift, mal müssen wir ein Loch in der Straße flicken."

Bevor alle gemeinsam anstoßen, geht Bürgermeister Stahmer zu jedem Teilnehmer und legt sechs Euro neben das Schnapsglas. "Sitzungsgeld", sagt er. Hohenfelde ist eigenständig. "Wir gehören zwar zu Trittau, aber wir verwalten uns selbst und haben auch keine Schulden", sagt er stolz.

Nachdem alle Formalitäten geklärt sind, nimmt Heinrich Stahmer seine Brille ab, lockert das Hemd und erhebt sein Glas: "Zum Wohl!", schallt seine kräftige Stimme durch das Gasthaus.

Der Bürgermeister ruft seine Frau zu sich. "Na, bist du zufrieden?", fragt sie ihn. "Erst war ich ein bisschen nervös", gibt er zu, "aber es ist ja gut gelaufen." Er zeigt auf Gertrud Stahmer: "Die hab ich hier mit hergekriegt", sagt er, "am Anfang wusste sie nichts, aus Eppendorf war sie. Wollte Ärztin werden. Aber ich hab nur gesagt: Das lass mal sein, die Nachbarschaft ist wichtiger."

Gemeinsam vergrößerte das Ehepaar dann das Gasthaus, Gertrud Stahmer lernte bei ihrer Schwiegermutter kochen und die Führung der Gastwirtschaft. "Wenn man Lust hat, geht alles, und wenn man keine Lust hat, geht gar nichts", sagt der Bürgermeister dazu. Er nickt seiner Frau zu. "Kannst dich wieder hinsetzen jetzt."

Langsam mischen sich Frauen und Männer. Stefan Jacobsen sagt: "Die Ruhe hier ist das beste. Immer, wenn ich ins Dorf hineinfahre, beginnt ein kleiner Urlaub." Da sind sich alle Hohenfelder einig: Am schönsten in ihrem Dorf sind die Ruhe und die Natur.

Das Einzige, was Bürgermeister Stahmer ändern würde, ist die Straße - aber die steht unter Denkmalschutz. "Besonders schlimm ist es im Winter", sagt Anthony Williams. "Ach was, da geht das Fahren am besten. Dann sind ja die Schlaglöcher vom Schnee bedeckt.", sagt Heinrich Stahmer. "Es könnten auch noch ein paar mehr Einwohner da sein", sagt er weiter, "aber nur, wenn die hier herpassen."