Bad Oldesloe

Die Hüter der historischen Schätze

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Manuela Wilk und Marianne Achterberg

Experten sichten und digitalisieren 300.000 alte Fotos aus Stormarn, um sie für die Ewigkeit zu archivieren.

Trittau/Bad Oldesloe. Konzentriert schneidet Anna Determann einen Filmstreifen auseinander, greift ein Negativ mit der Pinzette und setzt es mit ruhiger Hand in eine kleine Klarsichtfolienhülle. Mit rund 150.000 Fotografien aus dem Archiv der Ahrensburger Zeitung, der heutigen Abendblatt-Regionalausgabe Stormarn, wird die Historikerin, die im Kreisarchiv in Bad Oldesloe arbeitet, so verfahren. Hinzu kommen etwa 50.000 Aufnahmen der Glinder Zeitung sowie Fotografien aus den Nachlässen zweier privater Fotografen. Rund 300.000 Fotos sollen ausgewählt, digitalisiert und für die Ewigkeit archiviert werden.

Möglich wird die aufwendige Archivierung nur durch einen überraschenden Geldsegen. 75.000 Euro haben die Stormarner Archive vom Land bewilligt bekommen, um wichtiges Archivmaterial sichern zu können. "Mit 50.000 Euro haben wir den größten Teil des Geldes erhalten", freut sich Kreisarchivar Stefan Watzlawzik. Finanzielle Unterstützung bekommen außer ihm noch die Archivgemeinschaft Trittau-Siek, das Oldesloer Stadtarchiv und das Gemeindearchiv Großhansdorf.

"In die Archivierung der Negative werden wir einen Großteil des Geldes investieren", sagt Watzlawzik. Es handele sich hierbei überwiegend um Fotos, die in den Zeitungen veröffentlicht worden sind. "Es sind Aufnahmen aus Politik, Wirtschaft, dem öffentlichen Leben und auch Schnappschüsse aus den Redaktionen dabei", sagt Anna Determann. Doch auch die Fotos aus den privaten Nachlässen seien wichtig, so Watzlawzik. "Dort ist über einen langen Zeitraum Stadt- und Kreisgeschichte dokumentiert worden", sagt er. Die Aufnahmen könnten zum Beispiel im Tourismusbereich des Kreises eingesetzt werden. Der Kreisarchivar: "Dann muss nicht extra ein Fotograf engagiert werden."

Um jedes Foto werde sich individuell gekümmert. "Trotzdem müssen wir Mut zur Lücke haben", sagt Stefan Watzlawzik. "Es kann nicht alles aufbewahrt werden." Denn allein die Verpackungsmaterialien, wie zum Beispiel die speziellen Polypropylenhüllen, kosten rund 10.000 Euro. Um die aufwendigen Arbeiten möglichst schnell voranzubringen, arbeitet das Kreisarchiv mit den Elbewerkstätten zusammen. "Etwa 20 Mitarbeiter helfen uns, die Negative zu verpacken."

Ein weiterer Schatz des Archivs, auf den der Kreisarchivar besonders stolz ist, ist der Bestand an OdN-Akten. "Das sind so genannte Entschädigungsakten, die Opfer des Nationalsozialismus vorlegen mussten, um zu beweisen, dass sie unter Kriegsfolgen zu leiden haben", erklärt Watzlawzik. Etwa 1100 Fälle sind dokumentiert und inzwischen wissenschaftlich aufgearbeitet. "Dafür, dass Schleswig-Holstein das Bundesland mit den meisten Flüchtlingen war, sind das extrem wenig", sagt der Kreisarchivar. Deshalb sei er besonders stolz auf die seltenen Papiere.

"Leider hat das Papier aus der unmittelbaren Nachkriegszeit eine sehr schlechte Qualität. Es bröselt uns förmlich unter den Fingern weg", so Watzlawzik. "Das liegt daran, dass es sich um holzschliffhaltiges Papier mit säurehaltigem Leim handelt. Er zerfrisst nun das Papier." Die Dokumente müssten daher dringend im Leipziger Zentrum für Bucherhaltung behandelt werden. "Die Säure wird dort in einem chemischen Verfahren neutralisiert", sagt Watzlawzik.

In Siek und Trittau kümmert sich Amtsarchivar Oliver Mesch unter anderem um mehr als 4000 Fotografien und die Protokollbücher der Gemeindevertretungen, die bis ins Jahr 1870 zurückreichen. "Alles, was älter ist, wird im Landesarchiv aufbewahrt", sagt Mesch. Die Protokollbücher gehören zu den wichtigsten Zeugnissen der Vergangenheit. "In den Beschlüssen spiegelt sich das Handeln der Verantwortlichen wider", sagt der Archivar. Dadurch ließen sich Rückschlüsse auf die Entwicklung der Orte ziehen. Mesch trägt mit seiner Arbeit eine große Verantwortung. Um auch das aktuelle Geschehen zu erhalten, muss er alle Akten der Verwaltung sichten und entscheiden, welche er für relevant hält. Nur zehn Prozent der Akten werden archiviert. Das heißt, die Papiere müssen in säurefreie Ordner und in spezielle Kartons verpackt werden. Nur so sind sie vor dem schnellen Verfall geschützt. "Wir haben auch Landkarten, Filme und Zeitungsartikel, die für Bürger einsehbar sind", sagt Mesch.

Leider gibt es in den Aufzeichnungen immer wieder Lücken, berichtet er. Früher habe es noch keine ehrenamtlichen oder gar hauptamtlichen Archivare gegeben, und die Verwaltung habe "nach ihrem Dafürhalten" die Akten und Beschlüsse ausgewählt. Umso wichtiger ist es Mesch jetzt, ein möglichst umfassendes Bild des Lebens in zeichnen. 4200 Euro stehen Mesch dafür in Siek, sowie 2300 Euro in Trittau zur Verfügung.

Mesch nutzt das Geld, um die Protokollbücher für nachfolgende Generationen zu erhalten. "Die Bücher werden dazu mikroverfilmt. Das heißt, mit einem Hochleistungsscanner werden Aufnahmen der Seiten gemacht und ein Mirkofilm daraus erstellt. Später sollen die Filme dann auch noch digitalisiert werden", so Mesch. Durch das Umblättern der Seiten und das Anfassen des Papiers sowie der Fotos würden die Stücke Schaden nehmen. "Deshalb sind Mikroverfilmung und Digitalisierung so wichtig", sagt Mesch. "Denn sie sollen ja genutzt und gelesen werden." Und es erleichtere den Gebrauch, die Einträge am Computer nicht nur suchen, sondern gleich einsehen zu können.

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