Kommentar

Politik muss die Bürger abholen

"Politiker machen doch sowieso, was sie wollen. Ob du zur Wahl gehst, oder nicht - was ändert das schon." Solche Aussagen bekommen wir häufig zu hören.

Wir sollten sie ernst nehmen. Denn sie zeugen von einer tiefen Verdrossenheit gegenüber der Politik. Und damit auch gegenüber demokratischen Grundfesten dieses Landes.

Die Wahlbeteiligung hat im Norden einen historischen Tiefstand erreicht. Nur noch 47,6 Prozent der wahlberechtigten Stormarner haben mitentschieden, wie es in ihrer Stadt oder ihrer Gemeinde weitergehen soll. Nicht einmal jeder Zweite. In Glinde hat in zwei Wahlkreisen sogar nur noch jeder fünfte Bürger gewählt. Diese Zahlen müssen uns alle alarmieren. Offenbar wird das ehrenamtliche Engagement von mehr als 2000 Frauen und Männern, die viel Freizeit opfern, um die Interessen des Volkes vor Ort zu vertreten, von immer weniger Menschen anerkannt und respektiert - ja überhaupt wahrgenommen. Führende Parteigrößen haben deshalb schnell ausgemacht, "dass sich die Menschen immer weniger für Politik interessieren". Aber warum?

Die Politik wäre gut beraten zu analysieren, warum sie nur noch so wenige Bürger erreicht. Ist das Verteilen von Rosen in Parteifarben an Wahlständen ein probates Mittel? Oder ist es nicht viel eher sachbezogene Politik? Ehrliche Politik. Der Demokratie hilft es wenig, wenn Politiker angesichts der Wahlmüdigkeit Nichtwähler-Schelte betreiben. Sie sollten künftig mehr Mut beweisen, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Wo fehlen Krippenplätze? Welche Schule muss dringend saniert werden, gibt es genügend bezahlbaren Wohnraum? Gibt es soziale Brennpunkte? Ist unsere Verwaltung bürgerfreundlich, arbeitet sie effizient? Politik muss die Augen und Ohren öffnen für die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger vor Ort. Politik muss die Menschen abholen, wachrütteln, Kante zeigen.

Dass das Wirkung zeigt, belegt zum Beispiel die hohe Wahlbeteiligung im Ammersbeker Wahlbezirk Schäferdresch, in dem die Parteien bei einem umstrittenen Bauprojekt Farbe bekannt haben.

Die Bürgerinnen und Bürger sollten mehr Verständnis dafür aufbringen, dass demokratische Prozesse manchmal zeitraubende und anstrengende Diskussionen bedeuten - dass Demokratie keine Volksvertreter ohne Volk braucht, sondern dass Demokratie von Demokraten lebt. Politisches Engagement hat mehr Respekt verdient. Unsere Demokratie auch.