Reinbek

Generationenwechsel in Stormarns Kleingärten

Vereine im Wandel: Immer mehr junge Familien ackern und pflanzen in ihrer Freizeit

Siek/Trittau/Reinbek. Es ist kurz vor 9 Uhr an diesem sonnigen Morgen - und Matthias Diße freut sich sichtlich auf die Arbeit, die vor ihm liegt. Umgraben, hacken, jäten - Aufgaben, die für andere anstrengend klingen mögen. Aber für den 49-Jährigen, der um diese Zeit normalerweise seit einer Stunde im Büro sitzt, sind sie "Erholung pur". Diße ist Systemadministrator in Hamburg - aber heute, an seinem freien Tag, ist er vor allem Kleingärtner, und das mit Leidenschaft. Fröhlich schiebt er das eiserne Eingangstor des "Kleingartenbauvereins Siek von 1948" auf und geht mit der Schubkarre hindurch. Seine Tochter Sophie und sein Sohn Hendrick, acht und elf Jahre alt, laufen schon vor. Sie haben auch frei - und freie Tage verbringen sie offenbar gern mit ihrem Vater auf der Parzelle.

Menschen wie Matthias Diße und seine Kinder sind immer häufiger in Stormarner Kleingärten anzutreffen. Denn die Vereine, einst fest in Rentnerhand, erleben zurzeit einen Generationswechsel. Immer mehr junge Leute entdecken ihre Liebe zum Kleingarten, viele von ihnen haben Kinder. Nebenher sorgen sie dafür, dass sich das Bild des ruhebedürftigen, etwas piefigen Laubenpiepers gerade gründlich ändert. "Wir bekommen immer mehr junge Mitglieder. Da tut sich richtig was", sagt Jens Carstens. Er ist Vorsitzender der Kleingarten-Vereinigung Stormarn - und spricht damit für 17 Vereine und rund 2500 Kleingärtner.

Eine Erklärung für den Wandel, der sich schon seit einigen Jahren vollzieht, hat er auch: "Viele wollen heutzutage gesund leben, ihr eigenes Gemüse anbauen", sagt der 69-Jährige. Cindy Parisi, sie ist Mitglied im Kleingärtnerverein Reinbek, bestätigt: "Wenn die Gurke aus dem eigenen Garten kommt, muss ich mir keine Sorgen machen, ob man sie mit Schale essen kann." Und dann sagt die 35-Jährige den Satz, den viele der Neu-Kleingärtner unterschreiben und doppelt unterstreichen würden: "Ich wollte, dass unsere Kinder ihr eigenes Stück Garten haben." Darleen und Danice, 13 und neun Jahre alt, scheinen es zu genießen - die knapp 400 Quadratmeter große Parzelle ist für sie ein Rückzugsort, den sie von der heimischen Mietwohnung aus bequem mit dem Fahrrad erreichen können. Ihre Eltern zahlen jährlich 130 Euro Pacht inklusive Versicherung und Wasserversorgung - ein Satz, der in ähnlicher Höhe auch in anderen Stormarner Vereinen fällig wird.

Vater Daniel, im beruflichen Leben ist er Lagerist, ist mittlerweile überzeugter Kleingärtner, mit großer Überzeugung baut er Kartoffeln und Gurken, Erbsen, Kürbisse und Zucchini an. Von den Vorzügen der Kleingärtner-Welt musste ihn Ehefrau Cindy erst überzeugen: "Für mich war das ein Hobby alter Leute", sagt er. "Ältere Männer mit Elbsegler-Mützen, die Plattdeutsch sprechen", so erinnert er sich, hätten einst das Bild des Kleingärtners bestimmt. Die gebe es hier und da natürlich immer noch - aber dem Klischee des strengen Sittenwächters, der die Hecke des Nachbarn mit der Wasserwaage überprüft, sei er nie begegnet. "Manche nehmen es bei uns ziemlich genau mit der Ordnung. Aber nur in ihren eigenen Gärten", sagt Daniel Parisi. Ihn störe die Vereinsmeierei nicht - im Gegenteil schwärmt er von der Gemeinschaft. "Menschen aller Berufsgruppen und Altersstufen kommen hier zusammen. Man hilft einander hier und da, lädt sich gegenseitig auch mal zum Grillen ein." Hinzu kommt, wie in anderen Vereinen, die "Gemeinschaftsarbeit". Zweimal im Jahr treffen sich die Mitglieder und bringen Dinge in Ordnung, etwa am Gemeinschaftshaus, in dem auch die jährlichen Mitgliederversammlungen abgehalten werden - und die anschließenden Feiern.

Dass auch die Kinder viel vom Wandel in der Kleingärtnerwelt haben - besonders im Trittauer Verein wird es deutlich. Der dortige Verein hat sich nach einem Ortswechsel im vergangenen Jahr deutlich verjüngt - nicht zuletzt deshalb, weil viele der langjährigen Mitglieder nicht mit umziehen wollten. Nun ist der Trittauer Verein auf einem Gelände am Lembecksweg ansässig. Die Fläche hat der Verein, wie viele andere in Stormarn auch, von der Gemeinde gepachtet. Und die Regeln sind auf Familien zugeschnitten: "Die Mittagsruhezeiten haben wir abgeschafft. Und im April wollen wir zusammen einen Spielplatz auf der Gemeinschaftsparzelle bauen", sagt Sven Höper. Sein Sohn Jan-Hendrik, er ist 18, legt schon seine eigene Parzelle an. Kontakte zum Platzältesten, einem Rentner, der "Uns' Kalli" genannt wird, pflegt er wie nebenher: "Er hat immer den richtigen Tipp parat!", sagt Jan-Hendrik Höper.

Offenbar gelingt es bei selbst gezogenem Obst und etwas Urlaubsatmosphäre leicht, Differenzen zu überwinden. Auch kulturelle - das betont Jens Carstens. So habe ein immer größerer Anteil der Stormarner Kleingärtner einen Migrationshintergrund. "Die stammen aus Russland und Kasachstan, aber auch aus Polen und der Türkei. Neuerdings kommen auch Chinesen zu uns", sagt Jens Carstens. Zu Missverständnissen, etwa was die Rechte und Pflichten anbetrifft, komme es nur selten.

In Siek muss die Vermittlungsstelle, die jeder Verein hat, kaum bemüht werden. "Alle reden im Moment über Integration. Wir reden nicht drüber, wir machen das schon seit Jahren", sagt Matthias Diße. Man lerne voneinander, schaue sich dies und das ab - und so legt Diße mittlerweile seine Gurken, ganz auf russische Art, in Salz ein.