Ammersbek

Vertreiben Nackte Moosjungfern?

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Matthias Schatz

Ammersbeker Naturschützer meinen das jedenfalls - und wollen am liebsten den örtlichen FKK-Club loswerden

Ammersbek. Im Hansdorfer Brook tummelt sich so manches. Ebenso in der benachbarten Ammersbekniederung und dem nördlich anschließenden, schon auf Hamburger Gebiet liegenden Duvenstedter Brook. Wenn nicht gerade Schnee liegt, schwirrt in diesen Naturschutzgebieten beispielsweise die Große Moosjungfer über sprießende Glockenheide. Und das möglicherweise auch noch auf, zumindest aber neben dem Gelände der FKK-Sportgemeinschaft Hamburg, an das sich eine weitläufige Siedlung mit etwa 60 kleinen Wochenendhäusern aus Holz reiht. Beide Freizeitareale liegen auf der Jersloge, einer Exklave in diesem Gebiet, die nicht unter Naturschutz steht.

Jacqueline Neubecker-Behrends, die als bürgerliches Mitglied der Grünen im Ammersbeker Umweltausschuss sitzt, findet das gar nicht gut. Der gleichen Meinung sind Petra Ludwig-Sidow und Klaus Tim von den Grünen. Sie fürchten, dass das Treiben der Nackten und der Laubenbewohner nicht nur die Libellenart und die Heidepflanze gefährdet, sondern auch das Pfeifengras und die Rohrweihe, ja diesen "Verbund von Feuchtlebensräumen", wie die drei Politiker die Naturschutzgebiete in einer Anfrage im Umweltausschuss nennen. Gestellt hatten sie sie im Februar, als Ludwig-Sidow noch bürgerliches Mitglied der SPD war. Ihr Ziel: Der FKK-Club und die Wochenendlauben sollen sukzessive von der Jersloge verschwinden, so soll die "Biotoplücke allmählich geschlossen werden".

"Wir wollen die Leute dort nicht von heute auf morgen vertreiben, aber wenn beispielsweise ein Eigentümer stirbt, soll das Gelände nicht weiter wie bisher genutzt werden", sagt Neubecker-Behrends. Beeinträchtigungen durch den FKK-Club und die Siedlung fürchtet sie vor allem für das Grund- und Oberflächenwasser, und zwar neben Abwässern auch durch illegale Gartenabfälle. Bei einer Begehung im Januar habe sie am Nordrand der Siedlung einen Wall mit solchem Unrat gesehen und will nun vom Umweltausschuss unter anderem wissen, wie gegen derartige Ablagerungen vorgegangen wird.

"Die Anfrage ist berechtigt, auch wenn ich es natürlich nicht gut finde, dass die uns da raus haben wollen", sagt Regine Koopmann. Der 61-Jährigen, die momentan in Hannover lebt, gehört ein etwa 80 Quadratmeter großes Haus am Moordamm, das als Einziges in der Siedlung aus Stein ist und dauerhaft bewohnt werden darf. Dieses Recht übernahm sie 1997 beim Kauf vom Vorbesitzer. "Man sollte schon nachschauen, ob jemand Abfälle einfach vergräbt", plädiert sie für den Schutz der umgebenden Natur. Allerdings könne sie sich das nicht vorstellen. Die Entleerung der Sickergruben, in die die Abwässer der Häuser geleitet würden, werde von der Gemeinde Ammersbek geregelt. Allerdings kann der Lastwagen, der die Fäkalien abtransportiert, zeitweise nicht zur Siedlung vordringen. Grund: Die Ammersbek tritt bei Schneeschmelze oder viel Regen über die Ufer und blockiert damit auch eine Brücke auf der Zuwegung.

"An der hängt auch die Entsorgung unserer Abwässer aus Schwimmbad und Toiletten", sagt René Riemann, Erster Vorsitzender der FKK-Sportgemeinschaft Hamburg. Deren 65 Mitglieder beziehen bis zu 33 Wohnwagen, und das in der Regel auch nur an den Wochenenden zwischen April und Oktober. Im Winter kämen nur vereinzelt Mitglieder, um die Sauna aufzusuchen, sagt Riemann. "Wir stellen keine große Belastung für die Gegend dar", sagt der 44-Jährige."

Das von Tannen und einem Sichtschutz umgebene Gelände gehört dem Verein. "Es wird nicht verkauft, solange es die Sportgemeinschaft gibt", ergänzt der frühere Vorsitzende Hans-Hellmut Hoppe. Und eine Enteignung könne er sich nicht vorstellen. "Naturschützer wollten dies früher schon einmal, gaben aber auf, weil es einen Bestandsschutz gibt", erinnert sich der 67-Jährige. Denn der Club befinde sich seit 1951 auf dem Gelände.

Noch länger, nämlich seit 1926, gebe es die benachbarte Siedlung, sagt Regine Koopmann. Die vorhandenen Gebäude haben ebenfalls Bestandsschutz. Das wurde schon im Landschaftsplan von 1998 festgehalten. Im selben Text heißt es allerdings auch, Ziel sei eine "Rückentwicklung des Gebietes zugunsten eines großflächigen Vorranggebiets für den Naturschutz".

Tim, Ludwig-Sidow und Neubecker-Behrends beziehen sich in ihrer Anfrage auf diesen und auch den Landschaftsplan von 1981. Darin wurde das Freizeitareal an der Jersloge bereits als "Exklave mit naturschutzwidrigen Beeinträchtigungen" bezeichnet. Gleichwohl wissen sie auch, dass ihr Anliegen schwer um- und durchzusetzen ist. Das stand übrigens auch schon im Landschaftsplan von 1998. So haben sie zunächst ein kleineres Ziel. Klaus Tim: " Erst mal soll das Gebiet nur erfasst werden." So zielen die meisten der 34 Fragen, die er und seine beiden Mitstreiterinnen an den Umweltausschuss gerichtet haben, auch auf juristische Grundlagen ab. Geklärt werden soll beispielsweise, wie die Strom- und Trinkwasserversorgung sowie die Müllentsorgung geregelt sind und wie es um die Besitzverhältnisse steht.

Große Moosjungfer und Glockenheide dürften sich demnach noch eine ganze Weile neben Anhängern der Freikörperkultur tummeln.

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