Reinbek

Frau wohnt seit Wochen in öffentlicher Toilette

Unbekannte schließt sich immer wieder im WC ein. Behörden machtlos. "Wir können erst helfen, wenn wir von ihr um Hilfe gebeten werden".

Reinbek. Vier Quadratmeter misst die weißgekachelte Bahnhofstoilette in Reinbek. Die Ausstattung mit Metalltoilette und polierter Edelstahlplatte als Spiegel ist nett gesagt zweckmäßig - trotzdem hat eine junge Frau hier seit einiger Zeit ihr Quartier bezogen. Um nicht gestört zu werden, verriegelt sie das WC von innen. Sie schläft und lebt auf dem Boden zwischen Toilette und Abfalleimer.

Warum sie sich ausgerechnet die öffentliche Bedürfnisanstalt ausgesucht hat, ist unklar. Die Frau Mitte 30 spricht kein Wort. Weder mit Passanten, die sie schon öfters schlafend auf dem Fußboden angetroffen haben, noch mit der Polizei. Die wurde schon mehrmals von besorgten Bürgern alarmiert, die von einem Notfall ausgingen.

Auch Mathias Neukamp kennt die Frau vom Sehen, er arbeitet gegenüber im Sachsenwald-Forum. Neukamp beschreibt die Frau als "überhaupt nicht aggressiv". "Sie entspricht von ihrem Aussehen her auch nicht dem typischen Klischee, das man von Obdachlosen hat." Sehr ordentlich sehe sie aus. "Vor etwa drei Monaten hat sie auch schon einmal in den öffentlichen Toiletten am Sachsenwald-Forum geschlafen."

Doch seit einiger Zeit bevorzugt die Frau eben die Damentoilette am Bahnhof. Die Reinbeker Polizei, deren Wache sich direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite befindet, ist machtlos. Die Beamten haben die Frau schon mehrfach aus der Toilette geholt. Aber sie können nicht mehr tun, als die Personalien der Obdachlosen festzustellen. Danach geht die Frau einfach zurück in das Bahnhofs-WC.

Die Toilette gehört der Stadt Reinbek. "Ich habe bereits einen Platzverweis ausgesprochen", sagt Reinbeks Bürgermeister Axel Bärendorf. Allerdings hat er keine Konsequenzen für die junge Frau. "Bei den Witterungsverhältnissen ist es mir lieber, dass sie dort schläft als im Freien", sagt Bärendorf.

Für die Arbeit von Torsten Christ, Leiter des Sozialamts, ist der Platzverweis aber wichtig: "Erst nachdem er ausgesprochen worden war, konnten wir etwas tun." Zusammen mit einer Amtsärztin vom Kreis Stormarn hat sein Mitarbeiter, der Sozialpädagoge Siegfried Harms, die Obdachlose besucht. Doch die junge Frau hat nicht auf die Ansprache der Ärztin reagiert. Diese konnte lediglich feststellen, dass die Obdachlose keine Gefahr für sich oder ihre Mitmenschen darstelle. Auf Harms' Angebot, sie in einer Notunterkunft unterzubringen, hat die Frau ebenfalls nicht reagiert.

"Wir können erst helfen, wenn wir von ihr um Hilfe gebeten werden", so Christ. Er würde der Frau "lieber heute als morgen helfen". Auch wenn sie bisher auf jedes Hilfsangebot mit eisernem Schweigen reagiert hat, hat der Amtsleiter vorsichtshalber ein Zimmer in einem Obdachlosenheim für Frauen und alleinerziehende Mütter für die Frau geblockt.

Wie lange er dieses Hilfsangebot noch aufrechterhalten kann, weiß Christ nicht. Das geblockte Zimmer ist das letzte freie in den Reinbeker Asyl- und Obdachlosenunterkünften. "Alle sind voll belegt", sagt Christ. Zurzeit verfügt Reinbek über 28 Zimmer in drei Notunterkünften. Und bis Ende 2013 bekommt die Stadt 15 weitere Asylbewerber zugewiesen. "Wo soll ich die unterbringen?", fragt Christ.

Die Frage, wie es mit der Toilettenbesetzerin weitergehen soll, wird die Stadt Reinbek wohl noch längere Zeit beschäftigen. Christ glaubt nicht, dass die Frau von sich aus bei seinem Amt Hilfe suchen würde, selbst wenn man den Druck auf sie erhöhen würde, indem man die Toilettentür für längere Zeit verschließen würde.

Am Bahnhof sorgt die dauerhaft besetzte Damentoilette bereits für Unruhe. Dilek Tags vom Backshop & Kiosk am Bahnhof sagt: "Immer mehr Frauen wollen auf unsere Kundentoilette, weil das WC dauernd abgeschlossen ist."