Stormarn
Serie: "Unser Dorf"

Bei Pauli trainieren Deutsche Meister

Foto: Antonia Thiele

Unser Dorf: Für den letzten Teil unserer Serie haben wir Hamberge besucht. Auf der Trave in der Gemeinde halten sich auch Kanu-Profis fit.

Wenn Sylvia Langnau die schwere eiserne Glocke an der Eingangstür läutet, wissen die rund 90 Kinder der Hamberger Grundschule, dass für sie der Unterricht weitergeht. Die vier Klassen sind nach Tieren benannt: Eine elektrische Klingel kennen die Pinguine, Waschbären, Hasen und Schildkröten nicht. "Wir sind eine Kuschelschule", sagt Schulleiterin Langnau lachend. Leistungstechnisch läge die Schule trotzdem über dem Bundesdurchschnitt. "Das spricht sich herum. Wir haben auch Schüler aus Lübeck, Reinfeld, Bad Oldesloe und Stubbendorf", sagt die 49-Jährige. Besonders wichtig sei den Lehrerinnen, die Selbstständigkeit der Schüler, zu denen auch ein autistisches Kind zählt, zu fördern. "Wir gehen viel nach draußen und machen naturnahen Unterricht", sagt Sylvia Langnau.

Die Grundschule liegt seit 52 Jahren am oberen Ende der Schulstraße. Im ehemaligen Schulleiterhaus nebenan kümmert sich Stephanie Heise um die kleinsten Dorfbewohner. In der Kindertagespflegestelle Apfelwiese betreut sie die unter Dreijährigen. "Die kurzen Wege sind schön. Viele meiner Kinder haben Geschwister, die nebenan zur Schule gehen", sagt Stephanie Heise. Der Bedarf wachse ständig. "Wir haben schon Verträge für Januar 2014 abgeschlossen", sagt Stephanie Heise.

Bevor die Kinder von der Apfelwiese in die Grundschule kommen, machen sie noch eine Zwischenstation im evangelischen Regenbogen-Kindergarten - natürlich auch in der Schulstraße. Jedes Jahr zum Schulanfang stehen Leiterin Sylvia Klafack und die Kinder dort am Tor und winken den neuen Schulkindern zu, die zum ersten Mal die Straße hoch in die Grundschule gehen. "Die Kinder wachsen sozusagen in der Schulstraße auf", sagt Sylvia Klafack. In der Sonnen- und in der Wolkengruppe werden insgesamt 45 Kinder betreut.

Der Kindergarten gehört zur Kirchengemeinde Hamberge. Nebenan steht die im 14. Jahrhundert erbaute Dorfkirche. "Damals hatte die Kirche nur ein Viertel ihrer heutigen Größe. Im 17. Jahrhundert wurde sie erweitert", erzählt Pastor Erhard Graf. Heute sei vieles in der Kirche baufällig. "Die Luftfeuchtigkeit ist extrem hoch", sagt Pastor Graf, der auch den Kindergartengottesdienst leitet. Dort hat sich im vergangenen Jahr viel getan. "Einige Eltern haben sich zusammengetan und das Außengelände des Kindergartens neu gestaltet", sagt Klafack. "Es ist toll, wie viel Unterstützung wir aus dem Dorf und von unserem Bürgermeister bekommen."

Wenn sie vom Bürgermeister Paul-Friedrich Beeck erzählt, können die Kinder sich unter diesem Namen nichts vorstellen. Sie kennen nur ihren "Pauli". Wenn der vorbeikommt, begrüßen die Kinder ihn begeistert mit "Hallo Pauli". "Moin", sagt der dann meistens und lässt sich geduldig erzählen, was seine kleinsten Bürger zu berichten haben. Seit 2007 ist der 64-Jährige Bürgermeister von Hamberge. Er ist in der Gemeinde aufgewachsen, hat einen der fünf Bauernhöfe. Den auf Spargel und Kartoffeln spezialisierten Betrieb hat mittlerweile sein Sohn übernommen. "Ich helfe nur noch mit, er ist jetzt der Chef", sagt Beeck.

Sein Schwiegersohn Dirk Bornmann ist Wehrführer der Hamberger Feuerwehr. Mit 38 aktiven Mitgliedern und 15 Mitgliedern der Jugendwehr bestreiten die Kameraden jedes Jahr 20 bis 30 Einsätze. Zu ihrem Gebiet gehört ein Teil der Autobahn. Auch im Dorf ist die Feuerwehr aktiv. "Unter anderem macht unsere Jugendwehr jedes Jahr ein traditionelles Tannenbaumverbrennen, zu dem das ganze Dorf eingeladen wird", sagt Wehrführer Bornmann. Für größere Feierlichkeiten helfen die Feuerwehrleute oft mit Tischen, Bänken oder Zelten aus, "Wir sind immer gerne bereit, Hilfe zu leisten - egal wie", sagt der Wehrführer.

Die Familie Bornmann führt seit drei Generationen die Schmiede der Gemeinde. 1894 eröffnete Louis Bornmann senior, der als "Wanderbursche" nach Hamberge gekommen war, den Betrieb in der Stormarnstraße. 1932 übernahm dann Louis junior und gab den Betrieb schließlich 1967 an Otto weiter. "Mein Mitstreiter aus Jugendzeit, Ernst August Levermann, hat hier 40 Jahre lang mitgewirkt", sagt der 75-Jährige und erzählt: "Trotz unseres Rentnerdaseins machen wir immer noch ein- bis zweimal pro Woche das Schmiedefeuer an."

Überwiegend stellen die Freunde dann Meißel für Presslufthammer her. "Das macht hier sonst ja keiner mehr im ganzen Umkreis", erklärt Ernst August Levermann, 76. Zu Zeiten des Vaters und Großvaters habe man hauptsächlich Pferde beschlagen sowie Kutsch- und Kastenwägen. "Rund 350 Pferde gab es damals in der Gegend zu beschlagen", sagt Otto Bornmann und zeigt ein riesiges Hufeisen aus damaligen Zeiten, das noch immer in der Werkstatt liegt. Die Schmiede sei früher Treffpunkt gewesen. "Solange die Pferde beschlagen wurden, haben die Bauern geschnackt." In den 50er-Jahren sei dann die Umstellung vom Tier auf den Trecker erfolgt. "Wir haben dann hauptsächlich Landmaschinen repariert", erzählen Bornmann und Levermann, die beide in Hamberge aufgewachsen sind und sich seit Schulzeiten kennen.

Sein ganzes Leben lang hat Otto Bornmann an der Trave gewohnt. Der Fluss schlängelt sich hinter der Schmiede durch die Wiesen. Seit mehr als 30 Jahren befahren die Hamberger Kanuten die Trave mit ihren Booten. "Die Krönung sind jedes Jahr die Wanderfahrten", sagt Joachim Rausch, der seit 1981 im Verein ist. "Drei- bis viermal im Jahr machen wir mehrtägige Touren durch Schleswig-Holstein und Hamburg und treffen uns mit anderen Paddlern." Gerne erzählen die Hamberger von Johannes und Florian Wohlers, den Wildwasserkanu-Profis, die früher für den Hamberger SV gestartet sind. Florian war Vize-Weltmeister und mit seinem Bruder auch Deutscher Meister. "Auch heute trainieren die Brüder noch manchmal bei uns mit", erzählt Rausch.

Über jeden Kilometer, den die 70 Mitglieder auf dem Wasser zurücklegen, führt der Verein Buch. "Die erfahrenen Kanuten sind sogar bei Frost auf dem Wasser. Einige von ihnen legen mehr als 3000 Kilometer im Jahr zurück", sagt Rausch. Zu den Vielfahrern gehört Heiner Sörensen, der gerade mit seinem Boot Koski, finnisch für Stromschnelle, zu einer Tour aufbricht.

Zehn Jahre lang hat der SV Hamberge das Traverennen organisiert. "Damit war es irgendwann vorbei, weil wir hier keine sanitären Anlagen haben", erzählt Rausch. Das wird sich jetzt ändern: Nach jahrelangen Bemühungen ist es der Gemeinde gerade gelungen, Fördermittel für einen Rastplatz zu erhalten. "Diesen Herbst beginnt der Bau, im Frühjahr soll alles fertig sein", sagt Rausch. "Dank des Einsatzes unseres Bürgermeisters." Insgesamt 390 000 Euro kosten die neuen Bootshäuser und die sogenannte Kanu- und Biwakstation, in der sanitäre Anlagen und ein Aufenthaltsraum untergebracht werden sollen. "Es wird auch eine Terrasse gebaut, mit Blick auf die Trave", sagt Rausch. "Das wird dann der neue Treffpunkt in Hamberge", erklärt Bürgermeister Beeck schmunzelnd.

Neben dem Kanusport bietet der Hamberger Sportverein auch Fußball, Tennis und Handball an sowie Yoga, Fitness, Tischtennis und Badminton. "Mit rund 240 Mitglieder ist Tennis unsere stärkste Sparte", sagt Markus Voß, der stellvertretende Vorsitzende. "Besonders stolz sind wir darauf, dass die Tennisspieler und die Fußballer hier so gut miteinander auskommen. Das ist nicht selbstverständlich." Der Verein, der rund 500 Mitglieder zählt, feierte gerade sein 40-jähriges Bestehen mit einer "Riesenfete". "Das Schul- und Dorffest stand unter dem Motto 40 Jahre Sportverein", erzählt Voß.

Kulturelle Veranstaltungen organisiert der Gemeinnützige Verein. "Wir stellen dem Dorf unsere Mitgliederbeiträge, Spenden und Erlöse von Veranstaltungen zur Verfügung", sagt Schriftführer Jürgen Niebel. "Damit entlasten wir die Gemeinde." Auch eine Jugendstiftung gehört zum Verein. "Einmal im Jahr zeichnen wir Jugendliche aus, die sich besonders engagieren oder Leistungsträger sind", sagt die stellvertretende Vorsitzende Daniela Horstmann. Das Geld kommt oft der Grundschule oder dem Kindergarten zugute.

In eine elektrische Schulglocke muss aber nicht investiert werden. Die "Kuhglocke", wie Schulleiterin Sylvia Langnau die Klingel nennt, gehört in die Schulstraße. Genau wie die Hamberger Kinder, die dort aufwachsen.