Stormarn

Betrüger muss drei Jahre ins Gefängnis

Mitarbeiter des Jugendamtes der Kreisverwaltung erfindet Betreuungsfall Jennifer Heil und überweist 463 090,64 Euro auf sein eigenes Konto

Ahrensburg. Ein Leben wird besichtigt - ein junges, aber schon verpfuschtes. Am Donnerstag hat dieses Leben Sven D. in den Gerichtssaal geführt. Wie viel lieber er an diesem Morgen ins Jugendamt der Kreisverwaltung gegangen wäre, dort Akten gewälzt und mit Kollegen gescherzt hätte, lässt sich erahnen. Zehn Jahre hat er dort gearbeitet - bis zum 9. April dieses Jahres. Dann kam die Polizei.

Und nun kommt die Justiz. Im Ahrensburger Amtsgericht nimmt das Leben des 30-Jährigen eine entscheidende Wendung. Er muss ins Gefängnis, für drei Jahre. Richter Ulf Thiele erklärt ihm das Urteil in ruhigen Worten, in klaren Sätzen. Er spricht von der "gewaltigen Summe", die D. veruntreut hat, von der "Länge der Taten". Er spricht davon, dass D. hätte aufhören können, ohne die Aufdeckung seiner Straftaten zu befürchten. "Aber Sie haben es genossen, mehr Geld zu haben, als Ihnen zusteht", sagt Thiele. "Dafür müssen Sie ins Gefängnis gehen." Sven D. ist ein großer, massiger Mann. Man möchte sagen: ein Baum von einem Mann. Im Gerichtssaal ist davon nichts zu bemerken. Er sitzt mit krummem Rücken auf seinem Stuhl, antwortet mit stockender Stimme. Aus der Erklärung, die er zu Beginn abgeben will, wäre ohne die Souffleurdienste seines Anwalts Patrick von Minden wohl nichts geworden.

Bei seinen Straftaten musste niemand soufflieren. D. hat in einem Zeitraum von fast genau fünf Jahren den Kreis Stormarn um insgesamt 463 090,64 Euro erleichtert. Im April 2005 ging es los. Von da an überwies der Oldesloer mit schöner Regelmäßigkeit einmal im Monat, später mehrfach, Geld auf ein Konto bei der Sparkasse Holstein, zu dem er und seine Lebensgefährtin Zugriff hatten. Es begann mit Summen im 1000-Euro-Bereich, am Ende waren es Beträge deutlich jenseits der 10 000-Euro-Grenze.

D. war, so scheint es, ein Geld-Junkie. Und wie ein echter Junkie kann er so gar nicht erklären, wie es dazu gekommen konnte. Gewiss, am Anfang hat es eine Notsituation gegeben, weil er seinen Dispo bei der Sparkasse überzogen hatte. Aber das waren nur "5000 oder 6000 Euro". Als D. diesen Betrag mithilfe des ertricksten Geldes zurückgezahlt hatte, lief es eben weiter. "Ich will nicht sagen, dass man sich dran gewöhnt hat", sagt D. hilflos - und hat offenbar doch genau das gemeint. 67 Zahlungen listet die Staatsanwältin Anne Bobeth in einem quälend langen Vortrag auf. Monat für Monat wurde der Angeklagte reicher. Die letzte Überweisung erfolgte am 26. März 2010: 11 820,58 Euro verließen auf wundersame Weise die Kreiskasse und erreichten wenig später D.s Sparkassenkonto.

Die Methode war denkbar einfach. D. konstruierte sich einen Hilfsfall. Seine fiktive Jugendliche hieß "Jennifer Heil". D. war für Nachnamen mit diesem Anfangsbuchstaben zuständig. Er schrieb Rechnungen für die angebliche Betreuung von Jennifer, und die bezahlte der Kreis. Eine Kontrolle fand nicht statt. Thorsten Fischer, der im Jugendamt der Kreisverwaltung die Zahlungen anweist, sagt vor Gericht: "Ich habe nur auf die oberflächliche Richtigkeit geachtet. Die sachliche Richtigkeit prüft jeder Mitarbeiter selbst für seine Fälle." Auch bei einer Kontrolle durch das Rechnungsprüfungsamt der Kreisverwaltung flog D. nicht auf. "Jennifer Heil" galt weiterhin als reale Person, die Hilfe brauchte.

Das wäre wohl, so ist zu vermuten, auch heute noch so. Aber irgendwann fand es ein Mitarbeiter der Sparkasse doch merkwürdig, dass jenes Konto von D. so regelmäßig mit Geld vom Kreis gefüllt wurde. Er schrieb eine "Verdachtsanzeige", die schließlich dazu führte, dass D. gestern im Saal 1 des Amtsgerichts einigen quälenden Fragen unterzogen wurde. Zum Beispiel der, was er mit dem Geld denn gemacht habe. "Eine halbe Million Euro", versucht er zu erklären, "da stellt man sich vor, man führt ein schönes Leben. Aber das ist nicht so." Und wie ist das mit dem Audi A 6 gewesen, den er sich zugelegt hatte und der ihm nun gepfändet worden ist? "Den habe ich gebraucht gekauft, für 20 000 Euro." Hat er einen aufwendigen Lebensstil gepflegt? "Urlaub in Dänemark", sagt er, "wenn man das als aufwendig bezeichnen will ... Eigentlich war es ein ganz normales Leben."

Sein ganz normales Leben ist nun vorbei. Seine Lebensgefährtin, der er nicht hatte sagen wollen, dass das Geld, von dem sie lebten, gestohlen war, hat ihn verlassen. D. hat ein Schuldanerkenntnis unterschrieben und will zurückzahlen, was möglich ist - nach dem Leben im Gefängnis. Für die Kreisverwaltung beginnt das Leben nach D. Eine Versicherung wird den Schaden vermutlich ersetzen. Und: Die Kontrollen sollen verstärkt werden.