Stormarn
Oldesloer bildet in Afghanistan Polizisten aus

Einsatz in Kundus: Seinem Kind hat er lieber nichts erzählt

Der Vater wollte nicht, dass sich die Neunjährige Sorgen macht. Tatsächlich wurde das Ausbildungslager siebenmal beschossen. Der Hauptkommissar, der auch in Bosnien und im Kosovo war, sagt trotzdem: "Angst hatte ich nie." Ein Bericht von Dorothea Benedikt.

Mehr als 40 Grad Celsius im Schatten. Staub und Sand, der sich überall absetzt und die Landschaft karg und nahezu farblos erscheinen lässt: Das ist die Provinz Kundus im Norden Afghanistans. Für Felix Schmidt (42) war die Steppe am Hindukusch für zwei Monate Lebensraum und Arbeitsplatz zugleich. In einem Trainingscamp hat der Kriminalbeamte aus Bad Oldesloe afghanische Polizisten ausgebildet.

"Wir haben den Menschen beigebracht, wo sie am Tatort nach Spuren suchen müssen und wie diese gesichert und richtig ausgewertet werden", sagt Schmidt. Es war ein unsicherer Arbeitsplatz: Siebenmal wurde das mit einem Schutzwall gesicherte Plateau beschossen. Ein Afghane wurde dabei leicht verletzt.

Der Arbeitstag begann jeden Morgen um 6 Uhr mit dem Wecken. Kurz darauf startete der Unterricht. "In den Morgenstunden ist das Klima noch relativ erträglich", sagt Schmidt. Mit zwei weiteren deutschen Ausbildern, einem Beamten vom Bundeskriminalamt (BKA) aus Wiesbaden und einem Kriminalbeamten aus Trier, unterrichtete Felix Schmidt rund 30 afghanische Polizisten und Staatsanwälte auf Englisch. Ein Dolmetscher übersetzte in die Landessprache Dari.

Auf dem Lehrplan stand beispielsweise, wie Fingerabdrücke sichtbar gemacht werden können. "Neben dem Klassiker, dem Rußpulver, gibt es auch chemische Mittel oder Kontrastmittel, um das individuelle Muster lesbar zu machen", sagt er. Der nächste Schritt ist die Sicherung der Abdrücke: "Die simpelste Methode ist, sie zu fotografieren." Doch die Ausbilder erläuterten auch kompliziertere Techniken.

Auch Schmidt selbst hat einiges gelernt in Afghanistan. "Wir haben festgestellt, dass die Menschen dort mit Powerpoint-Präsentationen oder Grafiken nicht viel anfangen können. Sie sind es nicht gewohnt, Dinge so zu verstehen, wie wir es tun. Wenn wir etwas in den Sand zeichneten, war es für sie viel verständlicher."

Großen Wert legten die einheimischen Polizisten und Staatsanwälte auch auf die Erfahrungen der deutschen Polizisten. "Die wollten keine trockene Theorie, die wollten Geschichten von unserer Arbeit hören. Das entspricht ihrer Kultur." Also erzählte Felix Schmidt, wie eine Mordkommission vor einigen Jahren einen Auftragsmord aufgeklärt hatte, bei dem seine Kollegen und er lange im Dunkeln getappt waren. Die afghanischen Polizisten lauschten fasziniert.

Private Kontakte entstanden darüber hinaus allerdings kaum. "Leider stand nach dem Unterricht nicht immer ein Dolmetscher zur Verfügung, und die Menschen können kaum oder gar nicht Englisch sprechen. Das fand ich schade, ich hätte gern viel mehr über sie erfahren", sagt der Polizeilehrer.

Das Ausbildungslager auf dem Plateau hat er in den zwei Monaten nur zweimal verlassen. Im gepanzerten Geländewagen, mit Schutzweste und Sturmgewehr bewaffnet, fuhr er in die rund acht Kilometer entfernte Stadt Kundus, um die Polizeistation zu besuchen. Auf dem gesicherten Plateau wohnten neben deutschen Soldaten und Polizisten auch amerikanische Ausbilder und Soldaten sowie das afghanische Militär. Das Gebiet um den Flughafen herum ist ein ehemaliger Stützpunkt der russischen Armee. Die afghanischen Polizeischüler wurden von den Amerikanern aus den verschiedenen Provinzen des Landes ins Trainingscamp gebracht und dort versorgt.

Die Ausbildung dauert sieben Monate. Vier Wochen lang werden die Teilnehmer von den deutschen Beamten unterrichtet. Felix Schmidt machte zwei Lehrgänge mit. Lebensumstände und Arbeitsbedingungen waren nicht immer einfach. Der Stormarner schlief zunächst in einem Zelt. "Bei der Hitze bekommt man einen Koller", sagt er. Glücklicherweise konnte er bald zusammen mit den beiden anderen Ausbildern in ein Zimmer innerhalb des Feldlagers umziehen. Doch auch das Mehrbettzimmer mit den grauen Betonwänden war eher spartanisch eingerichtet. Einen entscheidenden Vorteil hatte die neue Unterkunft jedoch: Das Haus war zugleich ein Bunker. Wenn nachts die Sirenen heulten, musste Schmidt nicht mehr aus dem Zelt stürmen, um sich in Sicherheit zu bringen.

Doch nicht immer konnten die Menschen im Feldlager von Sirenen vorgewarnt werden. "Häufig hörten wir erst einen lauten Knall, und dann gab es Alarm." Dreimal mussten die Polizisten wegen der Angriffe auch den Unterricht unterbrechen und in die Bunker flüchten. "Angst hatte ich nie - auch wenn es sich jetzt unglaubwürdig anhört, aber es ist tatsächlich so", sagt Felix Schmidt. Er ist nicht der Typ, der immer mit dem Schlimmsten rechnet. "Würde ich Angst um mein Leben haben, wäre ich nicht nach Afghanistan gereist." Dennoch sei er kein furchtloser Mensch. "Vielleicht fällt es mir leicht zu sagen, ich habe nie Angst gehabt, weil ich nie miterleben musste, wie jemand bei einem Angriff verletzt oder gar getötet wurde", sagt der 42-Jährige, "in meiner unmittelbaren Umgebung ist keine Rakete eingeschlagen. Auch musste ich nicht feststellen, dass einige Schüler nie mehr zum Unterricht erscheinen werden."

Wie geht seine Familie in Deutschland mit der Gefahr um, in die er sich begibt? "Meiner neunjährigen Tochter habe ich nicht erzählt, dass ich nach Afghanistan fliege", sagt er, "ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen machen muss, wenn sie im Fernsehen Bilder von Kampfhandlungen sieht." Felix Schmidt ist schon seit mehr als zehn Jahren immer wieder in aller Welt unterwegs. "Je älter meine Tochter wird, desto schwieriger wird es, ihr solche Einsätze zu erklären", sagt der Vater.

Der Oldesloer gehört zum sogenannten Auslandsverwenderpool. "Ich bin damals gefragt worden, ob ich Interesse an Auslandsmissionen hätte. Nachdem ich einige Prüfungen wie beispielsweise Sprach- und Gesundheitstests gemacht hatte, wurde ich in die Kartei eingetragen und werde nun regelmäßig gefragt, ob ich mitmachen möchte."

Schon 1998 war er im Auftrag der UN in Bosnien. Dort beaufsichtigte er rund ein Jahr die Polizeiarbeit. 2001 folgte rund ein Jahr im Kosovo. 2004/05 war er in Sarajevo, um dort die Polizei aufzubauen. Seit einem Jahr bildet Felix Schmidt auch junge Kollegen für Auslandeinsätze aus: "Wenn man als Trainer glaubwürdig sein möchte, muss man auch in den Einsatzgebieten gewesen sein."

Für die nächste Zeit sind jedoch keine großen Reisen geplant. Denn Felix Schmidt ist im September von der Kripo Bad Oldesloe nach Geesthacht gewechselt. "Ich muss mich erst mal einarbeiten, bevor ich die nächste Auslandsmission annehme", sagt der neue stellvertretende Stationsleiter.

Die Themen, um die es bei den Auslandseinsätzen geht, sind fast immer gleich. Ob bei Fingerabdrücken, Fuß-, Einbruchs- oder serologischen Spuren - zur Aufklärung eines Verbrechens ist es immer wichtig, alles sorgsam zu dokumentieren. "Es macht einen großen Unterschied, ob Fingerabdrücke am Fensterhebel oder am Rahmen gefunden werden", sagt Schmidt: "Jemand, der ein Fenster öffnet, wird nur den Hebel betätigen. Wer durch das Fenster klettert, hinterlässt Fingerabdrücke am Rahmen."

In Afghanistan gab es nach dem theoretischen Unterricht am Morgen stets eine Gebetspause. Danach mussten die Schüler Praxistests machen. "Beispielsweise haben sie die Aufgabe von uns bekommen, einen Fußabdruck im Sand zu sichern", sagt Schmidt.

Am Ende des vierwöchigen Lehrgangs mussten die afghanischen Polizisten und Staatsanwälte eine schriftliche sowie eine praktische Prüfung absolvieren. Die deutschen Ausbilder stellten einen Tatort nach: Ein Mann liegt regungslos auf dem Boden seiner Wohnung. Sein Kopf ist blutüberströmt, neben ihm liegt eine Waffe - er ist tot. War es Mord oder Selbstmord? Die Antwort ist schnell klar: Das Opfer und die Blutlache trennt eine Distanz von einem halben Meter. Und: In den letzten Minuten vor seinem Tod war der Mann offensichtlich nicht allein. Auf dem Tisch stehen zwei leere Gläser. Die Polizeischüler machten sich sofort ans Werk, um sämtliche Spuren zu sichern.

Felix Schmidt war mit den Leistungen seiner Lehrgangsteilnehmer zufrieden. "Ich finde es richtig, dass wir unser Wissen und unsere Erfahrung an die Menschen in Afghanistan weitergeben und somit dem Land beim Wiederaufbau helfen können", sagt er. Zwar habe das Land noch kein funktionierendes kriminaltechnisches Labor, und Gerichtsmediziner seien auch rar. "Natürlich ist das noch eine Baustelle - aber irgendwo muss man ja anfangen", sagt Schmidt.

Häufig fehlt es an den einfachsten Dingen für die kriminaltechnische Grundlagenarbeit. "Deshalb haben wird den Schülern zum Beispiel gezeigt, dass sie auch mit Kamelhaaren und selbst gemachtem Ruß Fingerabdrücke sichtbar machen können." Und auch die deutschen Gäste haben Spuren hinterlassen: Die drei Ausbilder schenkten den afghanischen Polizisten zum Abschied sieben Spurensicherungskoffer mit modernen Geräten.