Stormarn
Jugendgewalt: Täter sind oft betrunken

Alkohol und Aggression - ein gefährlicher Mix

403 Taten in 2008. Und die Dunkelziffer ist hoch, so die Beamten. Besorgnis erregende Szenen in Stemwarde und brutale Übergriffe in Reinbek.

Barsbüttel/Reinbek/Trittau. Stormarn gegen den Bundestrend - die Zahl der Jugendgewalttaten ist im Kreis leicht angestiegen. Im Jahr 2007 zählte die Polizei 395 Körperverletzungen, bei denen die Täter unter 21 Jahre alt waren. 2008 waren es 403 Fälle. Damit ging jede vierte Körperverletzung im Kreis Stormarn auf das Konto jugendlicher Täter. Bei vier Prozent der Straftäter handelt es sich um sogenannte Intensivtäter. Sie haben mindestens fünf Straftaten in einem Jahr verübt, oder sind mindestens zwei Mal im selben Zeitraum gewalttätig geworden. Alarmierend ist nach Einschätzung der Polizei, dass bei den meisten Gewalttaten Alkohol eine entscheidende Rolle spielte.

Die jüngste Statistik besagt zwar, dass die Zahl der Körperverletzungen nur leicht angestiegen ist. Doch gehen viele Jugendliche skrupellos und äußerst brutal vor. Stormarns Kripochef Jürgen Köhnke (48) sagt: "Bei einigen dieser Verbrechen kann von brutaler Gewalt gesprochen werden." Seine Kollegen beobachten die Entwicklung in Stormarns Städten und Gemeinden seit Jahren mit Sorge. Es gebe eine hohe Dunkelziffer. Ferner gelte das sogenannte Abzocken unter Jugendlichen bei vielen als Kavaliersdelikt und nicht als Raub. Seit etwa vier Jahren beobachten die Beamten, dass Alkohol im Übermaß konsumiert werde. Streifenpolizisten bestätigen, dass das Kampftrinken unter Jugendlichen und Kindern ernorm zugenommen habe. Die Hemmschwelle zu brutaler Gewalt sinke dadurch. Wenngleich Messer, Schlagringe oder gar Schusswaffen im Vergleich zu Metropolen wie Hamburg oder Berlin nicht eingesetzt würden. Ein trauriger Höhepunkt war das Pfingstfest im Barsbütteler Ortsteil Stemwarde. Hauptkommissar Andre Lutz (50) beschreibt die Situation beim Zeltfest am Kronshorster Weg als besorgniserregend. Der Chef der Barsbütteler Polizeistation registrierte drei Raubüberfälle, vier Diebstähle, zwei Sachbeschädigungen, zehn Körperverletzungen. Der Respekt vor den Ordnungshütern schwindet: Zwei Beamte wurden von Randalieren angegriffen. Die zehn angezeigten Körperverletzungen seien "nur ein Ausriss aller Taten, bei denen Fäuste flogen", sagt Andre Lutz.

"Nach dem Fest, zwischen 3.30 und 5 Uhr morgens, versammelten sich Jugendliche im Stadtkern an der Kreuzung Dorfring/Bahnhofsstraße. Dort stehen dann bis zu 100 Menschen. An jeder Ecke gibt es Schlägereien." Die acht Polizeibeamten, die pro Abend im Einsatz waren, mussten immer wieder Pfefferspray einsetzen, um die Lage in den Griff zu bekommen. Lutz: "Pro Abend haben wir fünf Dosen versprüht, um Kontrahenten voneinander zu trennen. Oft sind Täter und Opfer im wilden Getümmel verschwunden."

Der brutalste Zwischenfall geschah am Sonntag. Ein Feuerwehrmann (41), der an der besagten Kreuzung wohnt, wollte die Jugendlichen von seinem Grundstück verscheuchen. Ein 21 Jahre alter Glinder schlug ihm eine Holzlatte gegen den Kopf. Darin steckte ein Nagel, der dem Opfer in die Schläfe eindrang. Der verletzte Feuerwehrmann musste zwei Tage im Krankenhaus behandelt werden.

Und die Täter, da ist sich die Polizei sicher, sind zumeist jugendlich. "Freitags und sonntags kommen dort nur Jugendliche hin. Am Sonnabend wird bei dem Pfingstfest Musik gespielt, die ein älteres Publikum anspricht", sagt Lutz. An diesem Tag zählten die Beamten keine Gewalttaten. Das Blatt wendete sich jedoch an den anderen beiden Tagen. "Die jungen Besucher an der Festmeile waren besonders aggressiv. Viele kommen nicht zum Feiern, sondern mit dem Vorsatz: Heute haue ich jemanden eine rein." Opfer werden willkürlich ausgesucht. So prügelte ein Barsbütteler (19) auf einen Fahrradfahrer ein, ein 51 Jahre alter Zeuge, der die Situation beobachtet hatte, wollte dem Opfer zu Hilfe kommen. Und bezahlte seine Zivilcourage teuer. Der Schläger prügelte auch auf den Helfer ein und verletzte ihn schwer. Als die Polizei am Einsatzort eintraf, ging der 19-Jährige auch auf die Polizeibeamten los. Auf der Wache stellten die Beamten bei dem Schläger einen Alkoholwert von 2,0 Promille fest.

Rangeleien, sagt die Polizei, habe es auch früher gegeben. "Früher kamen die, um gemeinsam ein Bier zu trinken. Da gab es auch mal Ärger", sagt Andre Lutz. Doch heute habe das Trinkverhalten vieler Jugendlichen nichts mehr mit Genuss zu tun. Vielmehr handele es sich um "pure Besäufnisse. Viele Jugendliche kommen, um ihre Aggressionen auszuleben."

Dieses Verhalten beobachtet auch Jürgen Hellwig (43), Hauptkommissar in Reinbek. Brennpunkt im Süden Stormarns sei das Jugendzentrum im Schlosspark, kurz Juz. Auch dort beobachten die Polizeibeamten eine hohe Gewaltbereitschaft. Hellwig erinnert sich an einen Fall, bei dem ein Wentorfer fast sein Augenlicht verloren hat. "Zwei Südländer sollen auf den Wentorfer eingeschlagen haben. Als dieser auf dem Boden lag, haben sie ihm gegen den Kopf und den Oberkörper getreten." Bevor die Polizei eintraf, waren die Täter verschwunden. Das Opfer musste mit schweren Augen- und Kopfverletzungen in eine Spezialklinik nach Hamburg gebracht werden. Bemerkenswert: "Das Opfer hatte kein Interesse daran, dass die Täter geschnappt werden. Der Mann sagte nur: Das regele ich auf meine Weise", erinnert sich Hellwig. Dass viele Opfer nach einer Gewalttat nicht die Hilfe der Polizei suchen, ist für den Polizisten nichts Neues. Hellwig: "Wenn Jugendliche verprügelt oder abgezogen werden, bekommen wir es häufig gar nicht mit. Das liegt vor allem daran, dass die Jugendlichen den Tätern ständig begegnen, in der Schule oder in der Freizeit. Sie sind in ein örtliches Schema gepresst."

Viele Opfer hätten große Angst vor den Tätern, einige ordneten die Taten auch völlig falsch ein, nähmen Raub oder Prügel gar nicht mehr so ernst. Und immer häufiger stellen die Polizisten bei Jugendlichen im Schlosspark Waffen sicher. "Gaswaffen, Messer und Schlagringe - da ist alles dabei", sagt der Hauptkommissar. Bei den Gewalttaten in Reinbek kamen diesen Waffen zwar noch nie zum Einsatz. "Da gibt es noch eine Hemmschwelle", sagt Hellwig, "aber mit den Waffen werden Andere bedroht." Als erschreckend bezeichnet Hellwig das Verhalten vieler Eltern: "Von 100 Vorladungen, die wir an die Eltern Minderjähriger verschicken, melden sich nur in zwei Fällen besorgte Väter und Mütter, die wissen möchten, was ihr Kind angestellt hat."

Auch den Reinbeker Beamten bereitet der ungezügelte Alkoholkonsum bei Minderjährigen Sorgen: "Wir treffen schon 13-Jährige volltrunken an. Wir haben Kinder aufgegriffen, die sich noch klar artikulieren konnten und recht nüchtern wirkten. Doch der Alkoholtest zeigte, dass die Minderjährigen zwei Promille hatten", sagt Hellwig.

Probleme gibt es auch immer wieder in Trittau. 2006 schloss die Disco "New Elephant". "Jedes Wochenende gab es Schlägereien", sagt Hauptkommissar Frank Schümann. Betrunkene Jugendliche hätten schon auf der Fahrt zur Disco Busfahrer angegriffen. Einige Diskotheken-Betreiber nehmen es obendrein mit dem Jugendschutz nicht so ganz ernst. Bei einer Großkontrolle in der alten Diskothek überprüften 41 rund 600 Disco-Gäste nach Mitternacht. 158 waren minderjährig gewesen. Seitdem 2008 ein neuer Betreiber die Disco unter dem Namen "Fun Parc" leitet und nur Personen über 18 Jahren hineinlässt, sind die Einsätze der Polizei spürbar zurück gegangen. "Zwar kommt es immer noch zu Reibereien - vor allem in Verbindung mit Alkohol - aber keine brutalen Schlägereien", sagt Schümann. Doch insgesamt habe sich die Situation nicht verbessert. Es werde kräftig getrunken und geprügelt - "das Problem hat sich nur an andere Orte verlagert."