Stormarn
Musik-Festival: Marton Illes mit dem Paul-Hindemith-Preis ausgezeichnet

Mit Mantel am Klavier fing er an

Der ungarische Komponist und Pianist überzeugte beim Festkonzert im Schloss Reinbek auch als Interpret.

Reinbek. Als fünfjähriger Knabe saß Marton Illes mit Mütze und Mäntelchen am Klavier. "Das Zimmer war nicht geheizt. Aber er war nicht davon abzukriegen", sagt sein Vater.

28 Jahre ist das her. Jetzt sitzt Papa Csaba Illes im Festsaal des Schlosses in der ersten Reihe. Neben ihm seine Frau Gabriella. Vor den beiden der wackere Pianist von einst, der mittlerweile als Professor für Musiktheorie in Karlsruhe lehrt, zum anerkannten Komponisten avanciert ist und heute den mit 20 000 Euro dotierten Paul-Hindemith-Preis erhält.

Caroline Schwarz, Kulturbeauftragte des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten, überreicht die Auszeichnung, die seit 1990 alljährlich beim Schleswig-Holstein Musik Festival verliehen wird. Für den jungen Ungarn ist es nicht der erste Preis - auch nicht der erste in diesem Jahr: im April erhielt er den Siemens Komponisten-Preis in München, im Juni den Schneider-Schott-Musikpreis in Mainz.

"In München waren wir auch dabei. Aber wir können nicht überall hinreisen", sagt der Vater, der zu Hause immer mal wieder die Geige rausholt. "Ich habe ihn nie gedrängt, so wie meine Eltern mich. Ich habe ihn nur gelassen. So hat sich das entwickelt", sagt die Mutter, die, wenn auch nur als Hobby, wie der Sohn Klavier spielt. Dass der sich an diesem Ehrentag auch noch an den Tasten beweisen muss, erhöht das Lampenfieber.

"Klar, das bringt mehr Anspannung. Aber das hält auch die Energie zusammen. Außerdem sehen die Musiker, dass auch ein Komponist arbeiten kann", sagt er und schmunzelt wie sein Vater.

Festival-Intendant Rolf Beck begrüßt die Gäste. Und dann beginnt das Festkonzert, als Hommage an den Namensgeber des Preises mit der Hindemith-Sonate in B für Klarinette und Klavier. Es spielt Kyrill Rybakov, der zurzeit wohl bedeutendste russische Klarinettist. Am Flügel: Marton Illes. Ganz emphatisch kriecht er in das Instrument fast rein und zeigt auch als Interpret seine außergewöhnliche Begabung. 1998 hatte der Ungar sein Klavierstudium in Basel mit dem Solistendiplom abgeschlossen. Erst dann folgte das Kompositionsstudium bei Detlev Müller-Siemens. "Er hat mir mit seiner klaren Ästhetik wichtige Impulse gegeben", sagt Marton Illes. Danach folgte Wolfgang Rihm als Lehrer. "Er ist mein Meister", bekennt der Ungar, der sich dem Reinbeker Publikum nun auch als Komponist zeigt.

Das Minguet-Quartett spielt seine "Scene Polidimensionali VIII". Die Nummer X der Reihe folgt, mit dem Bratschisten Chaim Steller, dem russischen Klarinettisten und erneut mit dem Komponisten am Flügel.

Es flirrt, Geistertöne erfüllen den Raum, rhythmisches Klopfen mit Bleistiften auf den Instrumenten eröffnen neue Klangmöglichkeiten. Und mit einem Mal wird klar, was der Laudator Dieter Rexroth so verklausuliert verkündet hatte: Das Wiederholen der Töne, das Insistieren, das Verzweifelte macht Illes' Musik aus. Das anfangs gehörte Stück des damals skandalumwitterten Hindemith wirkt im Nachhinein fast harmlos.

"Man muss für sich spielen, wie ein Solist, sonst ist man verloren", sagt der Cellist Matthias Diener. Und das ist sie, die vom Laudator beschworene existenzielle Aussage des Ungarn, der Musik schreibt, wie er Gesellschaft sieht: das Solidarprinzip ersetzt durch gnadenlosen Individualismus, bei dem der Einzelne Beute machen muss, um irgendwie durchzukommen.