Stormarn

Der Mann, der 14 Sprachen kann

Wissenschaft: Jan Henrik Holst untersucht, wie sich Menschen in aller Welt verständigen. In seinem neuesten Buch befaßt sich der 36jährige Uni-Dozent aus Ahrensburg als erster Forscher mit "Eskimo-Aleutisch".

Ahrensburg. Der Mann wäre der Traumkandidat für jede Touristen-Informationsstelle in Europa: Er kann auf Spanisch ein Hotel empfehlen, auf Russisch den Weg beschreiben, auf Finnisch, Niederländisch oder Estnisch Sehenswürdigkeiten empfehlen. Aber Jan Henrik Holst - ein Ahrensburger, der 14 Sprachen spricht - ist Wissenschaftler. Der 36jährige erforscht die Sprachen der Welt, ihren Aufbau und ihre Klassifizierung. Und ist seit 1996 Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg im Bereich allgemeine Sprachwissenschaften.

Sein jüngstes Buch beschäftigt sich mit einem eiskalten Thema: der eskimo-aleutischen Sprachfamilie in der Arktis. "Es ist das erste Buch, das sich mit dieser Sprachfamilie befaßt, noch dazu auf Deutsch", sagt Holst. Bestseller-Auflagen sind auf dem Spezialgebiet wohl kaum zu erwarten, aber: "Viele Menschen interessieren sich heute in ihrer Freizeit für Sprachen - je exotischer, desto besser", meint der gebürtige Hamburger. "Sie wollen nicht Grammatik und Vokabeln büffeln."

Doktorarbeit über die Grammatik des Lettischen.

Überrascht sind die Wissenschaftler von der Herkunft der eskimo-aleutischen Sprache. Bisher hatten die meisten Forscher deren Wurzeln in Asien vermutet. "Es wird immer deutlicher, daß sie in Amerika beheimatet und mit Indianersprachen an der kanadischen Westküste verwandt ist", sagt Holst. Mit dem Vorurteil, es sei politisch korrekt, von Inuit statt Eskimo zu sprechen, räumt er auf: "Es ist sachlich falsch, beide Begriffe synonym zu benutzen. Die Inuit sind lediglich eine kleine Gruppe der Eskimos. Sie lebt in Grönland und spricht Inuit, ein eigener Dialekt der Eskimosprachen." Was Eskimo bedeutet, darüber gebe es zwei Theorien. Holst: "Übersetzt heißt Eskimo Rohfleischesser oder Schneeschuhträger." Mit 15 Jahren begann Holst, der in Großhansdorf aufgewachsen ist, sich intensiv für Sprachen zu interessieren - zunächst für Finnisch. Heute ist Holst, der entschiedener Gegner der deutschen Rechtschreibreform ist, ein Weltreisender: Seine Doktorarbeit behandelt die Grammatik des Lettischen. In einem Vortrag befaßte er sich mit der Phonologie - also den Lauten und ihrer Funktion - in den Sprachen des Nil-Gebiets. Und an der Uni Hamburg dozierte er über die rund 200 Indianersprachen Nordamerikas. Den kraftvollen Indianer-Ausruf "Howgh, ich habe gesprochen", Lesern von Karl-May-Romanen vertraut, konnte der Forscher übrigens in nur einer einzigen Indianer-Sprache entdecken. Auch wenn Apachen-Häuptling Winnetou von "Manitou" (Großer Geist/Gott) spricht, fällt das unter die schriftstellerische Freiheit. Karl May irrte, denn der Begriff, so Holst, stamme in Wahrheit aus einer Sprache der Algonkin-Indianer in Nordamerika.

Howgh, ich habe gesprochen: Kaum ein Indianer sagt das.

Keineswegs kann der Forscher alle Sprachen anwenden, die er analysiert hat. "Ein Tierarzt, der Pferde untersucht, muß ja auch nicht reiten können", meint Holst. Er selbst verständigt sich in gut einem Dutzend europäischer Sprachen. "14 kann ich mich trauen zu zählen", sagt Holst. Dazu kommen Kenntnisse etwa in Koreanisch, Japanisch oder Alt-Indisch. Latein und Griechisch seien ohnehin Voraussetzung. Wo andere sich mühen, einige Redewendungen zu üben, hat Holst leichtes Spiel: "Für mich ist Sprachenlernen Entspannung." Dabei macht er sich seine eigene Forschung zunutze - etwa bei den Lautgesetzen. Ein Beispiel: Oft wird das englische "t" zu einem deutschen "z", wie bei two/zwei oder toe/Zeh. Weiterer Tip des Sprachforschers: "Drauflos reden, sich mit Muttersprachlern unterhalten." Fehler könne man später immer noch verbessern. Holst selbst läßt keine Gelegenheit aus: "An manchen Tagen verwende ich fünf oder sechs Sprachen, etwa auf Partys oder wenn ich mich in der U-Bahn mal in ein Gespräch einschalte." "Einführung in die eskimo-aleutischen Sprachen" (ISBN 3-87548-386-3) von Jan Henrik Holst hat 280 Seiten, ist im Buske Verlag erschienen und kostet 34,80 Euro. Nähere Infos im Internet unter www.janhenrikholst.de.