Stormarn

Die Hundeflüsterin aus Sprenge

Tierpsycholgin Nicole Nowak hilft verhaltensgestörten Hunden - und ihren Besitzern.

Sprenge. Täglich erreichen Nicole Nowak (37) aus Sprenge Anrufe aufgeregter Herrchen oder Frauchen, die ihr schildern, was ihr Liebling wieder angerichtet hat. Wie jene Dame, die neulich meldete: "Unser Airdale Floyd frißt gelbe Gummihandschuhe, Putzlappen und sogar Socken."

Nicole Nowak, die seit zehn Jahren als Tierpsychologin tätig ist, hörte ruhig zu und antwortete: "Das sind massive Probleme. Was dahintersteckt, kann ich erst beurteilen, wenn ich den Hund und die Familienmitglieder im vertrauten Umfeld beobachten kann."

Vor Ort stellt die gebürtige Hamburgerin immer wieder Erziehungsfehler als Ursache fest. "Oft bin ich Dolmetscherin zwischen Tier und Mensch", betont die Hundeflüsterin. Vieles, was den Menschen am Tier stört, ist hausgemacht. Beispiel: "Herrchen nimmt den niedlichen Welpen gern mit aufs Sofa. Der Hund wächst aber, da wird es dann bald eng auf dem Sofa. Der Vierbeiner knurrt den Besitzer an. Das heißt: Das ist mein Sofa. Ähnliches passiert, wenn man den Hund ständig mit ins Bett nimmt. Sofa und Bett suggerieren dem Tier, er sei mit dem Besitzer gleichrangig."

Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Situation umkippt: "Schreckt der Halter einmal zurück, weil Hasso mit Knurren seine Kissen verteidigt, will der Hund für immer die Oberhand gewinnen." Klar - nun kann er zum Alphatier, dem ranghöchsten im Rudel, aufrücken. Immer wieder wird die Sprengerin, Mutter der einjährigen Mara Jess, auch bei Unfällen mit Kindern kontaktet. Auch hier liegt oft ein Mißverständnis zugrunde. Beispiel: "Eine Mutter versorgt ein Krabbelkind, verbietet ihm immer wieder, an die Blumenvase zu gehen. Der Hund bekommt mit, daß das Kind offensichtlich auch rangniedriger als die Frau ist. Geht sie aus dem Zimmer, will er die Kleine von den Pflanzen abhalten - ein übliches Vorgehen im Rudel, wo auch andere Hunde die Welpen miterziehen." Nicht mit einem Klaps, sondern mit der Schnauze. Folge: "Das Kind erschrickt, macht vielleicht eine abwehrende Bewegung. Der Hund kann es da leicht mit der Schnauze verletzen."

Immer mehr Vierbeiner leiden allerdings wirklich unter Verhaltensauffälligkeiten. "Das nimmt rapide zu, weil die Leute ihre Hunde nirgendwo frei herumlaufen lassen können und ihnen oft die Kommunikation mit Artgenossen fehlt", meint Nicole Nowak, die nur mit Verhaltenstherapie und Bachblütenextrakten arbeitet. Bei der Sprengerin ist gerade ein schwerer Fall in Behandlung. Der dreijährige Mittelschnauzer Donna ist hyperaktiv. "Er jagt hinter allem hinterher, was sich verfolgen läßt, kläfft ständig, will raus und rein. Verlassen seine Besitzer das Haus, bellt er die ganze Straße zusammen. Ich übe jetzt mit ihnen und dem Tier das Alleinbleiben."

Wenn die Besitzer im Urlaub sind, bekommt Donna in der "Arche Nowak" (so nennt die Tierpsychologin das alte Trabergestüt Wittenburg-Kahle, das sie 2001 mit ihrem Mann Bernd erworben hat) eine stationäre Behandlung. 14 Tage in Sprenge haben jetzt auch einem Cocker-Spaniel geholfen, der die edle Wohnzimmereinrichtung seiner Besitzer immer wieder als Hundeklo mißbrauchte und systematisch den Lack von allen Türen kratzte. "Er kam in ein umgebautes Haus zurück, durfte dann weder ins Schlafzimmer noch ins Bett. So hat sich die Situation entspannt."

Auch Angstneurosen erlebt Nicole Nowak bei ihren Patienten. Ihre Mischlingshündin Kim (3) kam zu ihr als Nervenbündel. "Sie verdrückte sich so klein wie möglich in eine Ecke, weil sie ohne Menschen aufgewachsen war. Erst nach drei Wochen ließ sie sich von mir anfassen."

Heute ist Kim selbstbewußter: "Ich übe mit ihr Kunststücke, für die sie ganz viel Lob gekommt. Sie kann auf Kommando bellen, winken, sich zur Seite rollen."

Zu ihrem Beruf fand Nicole Nowak, die mit Hunden, Katzen und Pferden aufwuchs, über ihre Arbeit in einer Tierschutzinitiative. "Mit 18 Jahren gründete ich den Verein Tierschutz Norderstedt. Wir halfen kranken Tieren in Griechenland, Portugal, Italien, Spanien und in Norddeutschland. Immer wieder fiel mir auf, daß soeben vermittelte Tiere wieder in Heime gegeben werden, weil Herr und Hund sich nicht verstehen."

Über einen Zeitungsartikel entdeckte sie die Privatschule ATM (Alternative Tiermedizin, Bad Bramstedt), studierte dort von 1993 bis 1995 zunächst Tierheilpraktik, schließend Tierpsychologie. "Leider kann sich heute jeder Tierpsychologe nennen", sagt die 37jährige. "Die Bezeichnung ist nicht geschützt. Entsprechend viele Leute denken, sie können sich da eine goldene Nase verdienen."

Das stimmt aber nicht. "Würde mein Mann nicht als Kaufmann verdienen, könnte ich von der Tierpsychologie allein nicht leben." Ein Hausbesuch kostet bei ihr (inklusive Anfahrt bis Hamburg und Umgebung) 125 Euro. Tierische Patienten (oder Pensionsgäste), die stationär bei ihr untergebracht werden, zahlen 26 Euro pro Tag. Weil aber an dem über 100 Jahre alten Gestütshaus ständig etwas zu reparieren ist, bleibt unter dem Strich nicht viel übrig.