Stormarn
Ahrensburg

Die zehn wichtigsten Baustellen des Bürgermeisters

Foto: Ralph Klingel-Domdey

Zwei Jahre ist Michael Sarach nun Verwaltungschef von Ahrensburg. Mit dem Abendblatt macht er einen Rundgang durch die Stadt.

Ahrensburg. Die Bezeichnung "heimliche Hauptstadt" Stormarns gefällt ihm gar nicht, als wir über "sein" Ahrensburg sprechen. Das "heimliche" könnten wir gut weglassen, die Stadt habe viel mehr zu bieten als alle anderen im Kreis. Gut, es gebe mehrere Baustellen, an denen Verwaltung und Politik zurzeit zu knabbern hätten. Aber das sei ihm lieber als eine Großbaustelle, sagt Michael Sarach. Da könne er im Ergebnis mehr ausrichten.

Zwei Jahre ist es her, dass der SPD-Mann an die Spitze der Verwaltung gewählt wurde. Zwei Jahre, in denen er nach eigener Einschätzung viel bewegt hat. Er, Dienstherr von rund 300 Mitarbeitern, habe die Verwaltung schlanker und effektiver gemacht. Das werde in der Öffentlichkeit leider weniger wahrgenommen als all die Projekte, die mit Verzögerung oder gar nicht über die Bühne gingen. Dass dies eine Ahrensburger Spezialität ist, die anderenorts längst spöttisch belächelt wird, auch das behagt dem 58-Jährigen gar nicht. Vertane Chancen, wie die Landesgartenschau, ärgern ihn. "Ich bin Bürgermeister zum Wohle der Stadt", sagt Sarach über Sarach, der sich gerade deshalb den Respekt vieler Menschen verdient habe. Sein selbstbewusstes Resümee: "Bei der Mehrzahl der Bürger habe ich ein gutes Ansehen, für das ich auch viel tue." Für das Abendblatt nahm er sich einige Stunden Zeit zu einem Stadtrundgang.

Rathausplatz

Jeden Mittwoch isst Michael Sarach zwei Würstchen auf dem Wochenmarkt. Eine Krakauer an einem der beiden, eine Currywurst am anderen Imbissstand - der Mann achtet auch beim Essen auf Ausgewogenheit. "Wo ist der Hela Ketchup", fragt er den Imbissmitarbeiter und hebt eine gelbe Tube mit Senf in die Höhe. Der Mann hinterm Tresen greift unter den Tisch und zückt eine rote Plastikflasche. Sarach lächelt. Der Bürgermeister schätzt den Wochenmarkt. Hier wird er nicht nur satt; hier bekommt er wichtige Informationen über die Sorgen und Nöte der Bürger aus erster Hand. Die Einrichtung von Kurzzeitparkplätzen zum Beispiel sei eine gute Sache gewesen. "Die werden rege genutzt. Von meinem Bürofenster beobachte ich ein ständiges Kommen und Gehen." Eine Verlegung des Marktes an die Große Straße, wie von einigen Gewerbetreibenden und der CDU-Fraktion ins Spiel gebracht, hält Sarach für unwahrscheinlich. Da schlägt er sich lieber auf die Seite der Marktbeschicker: "Die meisten sind dagegen." Und wie steht es um die Neugestaltung des zentralen Platzes, der, außer an Markttagen, zum reinen Parkplatz verkommen ist? "Es geht langsam aber stetig voran", sagt Sarach. Sein Versprechen: "Im Spätsommer werden wir die Vorschläge der Bürger dem Bau- und Planungsausschuss präsentieren."

Rohrbogenwerk

Ahrensburg soll die Kulturhauptstadt Stormarns werden. Das ist erklärtes Ziel des Verwaltungschefs. Klar, dass er über den Marstall spricht, über Künstler wie Soner Bulut, als wir die Bogenstraße entlanggehen. Er spricht über Theater, ein Kino und Musik, bleibt vor dem grauen Tor zum ehemaligen Rohrbogenwerk stehen und blickt durch rostige Metallstreben auf das verwilderte Areal. "Hier lässt sich einiges machen. Ich wünsche mir ein Veranstaltungszentrum mit Kunst, Kultur und Gastronomie", sagt Sarach, als sein Blick auf das alte Rotklinker-Industriegebäude fällt. "So ähnlich wie die Fabrik in Hamburg-Altona, nur eine Nummer kleiner." Das Gelände sei von zentraler Bedeutung, sagt er und zeigt offen seine Begeisterung darüber, dass die seit Jahren brach liegende Fläche durch den Ahrensburger Unternehmer Christopher Kroschke schon bald eine "deutliche städtebauliche Aufwertung erfahren wird." Einen Moment lang klingt der Bürgermeister gewohnt sachlich. Dann gerät er ein wenig ins Schwärmen. Geht durch hohes Gras, über Gestrüpp und Leergut auf die Halle zu. Zeigt auf das rostiges Stahlgerüst davor und sagt: "Hier ist der ideale Platz für eine Bühne und ein Freilufttheater." Dann ergänzt er, gewohnt sachlich: "Wie eine kulturelle Nutzung im Einzelnen aussehen könnte, werden wir sehen, wenn die Planungsunterlagen vorliegen."

Parkplätze

Kaum ein anderes Thema bietet den vielen autoverliebten Ahrensburgern derart große Reibungsflächen wie die Parkplatz-Situation. 17 442 Kfz-Zulassungen sind in der rund 33 000 Einwohner zählenden Mittelstadt registriert. Viele ärgert, dass es im Zentrum fast keine Gratis-Stellflächen mehr gibt. Des Bürgermeisters klare Meinung: "Auf jeden Fall gibt es genug Parkplätze. Viele Ahrensburger sind nur nicht bereit, dafür zu bezahlen." Er blickt auf eine schier endlos lange Schlange geparkter Autos entlang der Ladestraße vor dem Bahnhof. Verspricht Entlastung durch ein neues Parkhaus hinter dem Kaufhaus Nessler. Auch unter dem Rathausplatz gebe es Möglichkeiten zum Bau neuer Parkplätze. Ob es ihn nicht stört, dass Einzelhandelskunden nach Bargteheide oder Trittau ausweichen, weil sie dort kostenlos parken können, wie ein frisches Gutachten belegt? Keine Spur, sagt Sarach selbstbewusst: "Ahrensburg hat das deutlich bessere Angebot."

Gewerbeansiedlungen

Zu Ahrensburgs Stärken zählt das Gewerbe. Mehr als 20 Millionen Euro prognostizierte Steuereinnahmen in 2012 stellen das eindrucksvoll unter Beweis. Mittlerweile pendeln täglich rund 14 000 Menschen ein, kommen zur Arbeit nach Ahrensburg. Sarach weiß um die Bedeutung des Gewerbegebietes, das zu den größten und wichtigsten in Schleswig-Holstein zählt. Und er ist stolz auf Erreichtes: "Hier geht es ständig weiter mit der Erschließung", sagt er am Rande der Straße Beimoorweg stehend, "und das ist gut für Ahrensburg." Die Betriebe müssten bei Laune gehalten werden. Weshalb ihm die nächste Station des Rundgangs besonders am Herzen liege.

Nordtangente

Es beginnt zu regnen, als Michael Sarach auf dem Gehweg an der Lübecker Straße (B 75) über ständig wachsende Verkehrsströme spricht. "Auch Bargteheide und Delingsdorf wachsen. Und die Neubürger fahren hier später auch noch alle entlang", prophezeit Sarach. Die Gegner der Nordtangente sollte sich hier einmal hinstellen", sagt er als ein grüner Lastwagen vorbeifährt. Vor einer Hecke steht ein Plakat der IG Gartenholz Nord-Ost. Darauf steht: "Nordtangente jetzt!" Sarach würde dieser Forderung lieber heute als morgen nachkommen. Er warnt: "Diese Tangente ist zwingend erforderlich, sonst bricht der Beimoor-Knoten unter dem Verkehr zusammen." Sein Unmut über die Stadtverordneten, die anders entschieden haben, ist ihm anzusehen. Unverhohlene Drohungen aus der Wirtschaft, Firmen könnten Ahrensburg den Rücken kehren, beunruhigen Sarach: "Nehmen wir die Boltze-Gruppe." Der Großhändler für Wohnzubehör hatte vor gut einem Jahr seinen Umzug nach Braak angekündigt. "Die haben eben bessere Bedingungen, sind direkt an der Autobahn", so Sarach. "Wir müssen uns dem Wettbewerb stellen."

Südtangente

Und wie steht es um die Zukunftsaussichten der leidgeprüften Ahrensfelder, die entlang der Dorfstraße täglich einen Durchgangsverkehr mit bis zu 7000 Autos verkraften müssen? Und die Anlieger am Braunen Hirsch in der Siedlung Am Hagen? Sarach: "Ich habe Verständnis für deren Ärger. Es gibt dort eine starke Beeinträchtigung. Klar ist aber, dass eine solche Trasse zu einem Großteil nicht auf Ahrensburger Stadtgebiet verliefe. Wir sind im Gespräch mit dem Bezirksamt Wandsbek. Eine Bereitschaft zum Bau einer Südtangente ist dort derzeit nicht erkennbar." Und: Eine solche Trasse kreuzte Naturschutzgebiet, wäre zudem eine erheblich größere Baumaßnahme als die umstrittene Nordtangente. Geschätzte Kosten: Mehr als 20 Millionen Euro. Wahrscheinlichkeit: Eher gering.

Wohnraumschaffung

Michael Sarach steht vor einer Großbaustelle an der Otto-Siege-Straße im Stadtteil Gartenholz. Der Verwaltungschef blickt zufrieden drein. Fünf Geschosse zieht Firma Ditting aus Rendsburg hier in die Höhe, 63 neue Mietwohnungen entstehen. "Vor Kurzem war Richtfest, ich war dabei", sagt Sarach. Eine wachsende Stadt brauche bezahlbaren Wohnraum. Und Innenverdichtung hat auch nach dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept ISEK Vorrang vor der Erschließung neuer Wohngebiete. Auf die obligatorische Frage nach dem Erlenhof, wo irgendwann einmal knapp 360 Wohneinheiten entstehen sollen, reagiert der Bürgermeister genervt. Von der Politik. Denn das geht ihm nun definitiv nicht schnell genug voran. Und wenn es 2013 nicht losgeht, dann drohten der Stadt Forderungen der Landesentwicklungsgesellschaft LEG.

Stadtentwicklung

Michael Sarach mag "sein" Ahrensburg, so scheint es. Die Stadt habe einiges zu bieten: Die Wohnqualität stimme, Gewerbeflächen oder Arbeitsplätze seien ausreichend vorhanden. Vielfalt in der Innenstadt gebe es auch. Doch die müsse weiter gestärkt werden. Zum Beispiel durch eine sinnvolle Bebauung des Lindenhofparkplatzes an der Hagener Allee/Ecke Bahnhofstraße. Sarach: "Ich bin sehr gespannt, was sich dort entwickelt. Eine vernünftige Mischung aus Gewerbe und Wohnen wird auch die Hagener Allee neu beleben." Für die politisch gewollte Innenverdichtung gebe es neben dem Reeshoop-Viertel oder der Hansdorfer Straße noch weiteren Spielraum. Michael Sarach sagt: "Wir haben zum Beispiel noch die Fläche an der Alten Reitbahn." Und wann sind in der Schlossstadt die Grenzen des Wachstums erreicht? Sarach: "Ich schätze, bei rund 35 000 Einwohnern."

Politische Prozesse

Bei seinem Amtsantritt hatte Michael Sarach verkündet, er wolle das Verhältnis, die Kommunikation zwischen Politik und Verwaltung verbessern. Versprechen gehalten? Sarach: "Ja, da ist vieles viel besser geworden." Verdruss bereite ihm, dass viele politische Entscheidungen viel zu lange Zeit in Anspruch nehmen. Und wird sehr deutlich in der Wortwahl: "Wir müssen aufpassen, dass wir uns in Stormarn nicht zum Gespött machen." Besonders störe ihn, dass es in Ahrensburg bei großen Vorhaben frühzeitige "Denkverbote" gebe, dass viele gute Ideen viel zu schnell zerredet würden. Dann aber sagt der erfahrene Verwaltungsfachmann: "Wer aufrechter Demokrat ist, der weiß, dass manche Dinge länger dauern und deshalb leider auch manchmal teurer werden."

Von manchen Politikern wünsche er sich mehr Weitblick. "Isolierte Investitionsentscheidungen engen nur ein", sagt Sarach. Und wie lebt der Bürgermeister damit, dass er als hauptamtlicher Verwaltungschef wenig Macht hat, aber am Ende des Tages in der öffentlichen Wahrnehmung immer für alles verantwortlich gemacht wird? Sarach: "Dass die Kommunalverfassung in Schleswig-Holstein mir nicht einmal eine Stimme im Hauptausschuss gewährt, halte ich für einen gravierenden Fehler." Die Bürgerinnen und Bürger erwarteten einen handlungsfähigen Bürgermeister, einen, der gestaltet. Sarach: "Da bedauere ich schon sehr, wenn ich sehe, dass Kollegen in Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen nicht nur mit abstimmen können, sondern sogar den Vorsitz im Hauptausschuss haben."

Zukunftsaussichten

"Ahrensburg ist ein Mittelzentrum in der Metropolregion Hamburg mit einer sehr guten Anbindung nach Hamburg und nach Lübeck. Das ist sicherlich das Pfund der Stadt", sagt Michael Sarach. Auch bei der Kaufkraft sei Ahrensburg bundesweit "ganz weit vorn." Viele wohlhabende Menschen leben hier, schätzen die Wohnqualität sowie die Nähe zur Weltstadt Hamburg. Doch es gebe auch eine Kehrseite: "In der Vergangenheit konnte man oft aus dem Vollen schöpfen. Davon müssen wir uns jetzt wegen der finanziellen Situation lösen." Und das sei nicht allein ein strukturelles Problem, es ist laut Sarach ein schwieriger Denkprozess.

Am Ende des Rundgangs wirft Michael Sarach auch noch einen kurzen Blick zurück. Hat er in den zurückliegenden zwei Jahren als Bürgermeister auch Erfahrungen gemacht, die ihm persönlich nahe gegangen sind? "Über negative Dinge spreche ich grundsätzlich nicht gern", sagt er. Aber: "Es ist, wie es ist. Ich habe gelernt, nicht erreichte Ziele nicht als persönliche Niederlage zu werten."

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