Kulturzentrum

Im Marstall Ahrensburg geht eine Ära zu Ende

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Elvira Nickmann
Hella Eickenscheidt und Armin Diedrichsen auf einer alten Eisenbahnbank. Ziel ihrer Reise in die Zukunft: weniger Geschwindigkeit, mehr Entspannung.

Hella Eickenscheidt und Armin Diedrichsen auf einer alten Eisenbahnbank. Ziel ihrer Reise in die Zukunft: weniger Geschwindigkeit, mehr Entspannung.

Foto: Elvira Nickmann

Hella Eickenscheidt und Armin Diedrichsen räumen ihre Posten. Ein Geschäftsführer soll die Leitung des Kulturzentrums übernehmen.

Ahrensburg. Armin Diedrichsen, Programmchef vom Kulturzentrum Marstall in Ahrensburg, plant seinen Ausstieg – und Hella Eickenscheidt, Vorsitzende des Marstall-Trägervereins, ebenfalls. Bei der nächsten Mitgliederversammlung im kommenden Frühjahr wollen beide einen endgültigen Schlussstrich ziehen und die organisatorische und planerische Verantwortung abgeben.

Abschied aus Marstall ist lange vorbereitet

In der jüngsten Sitzung des Ahrensburger Kulturausschusses machte Eickenscheidt die Entscheidung erstmals öffentlich. Ab 1. Januar solle ein hauptamtlicher Geschäftsführer die Leitung des Kulturzentrums übernehmen. Dazu gebe es keine Alternative, denn die Zahl der Veranstaltungen nehme wieder zu, und der Vorstand arbeite schon jetzt bis zu 30 Wochenstunden. Die Vorstandsmitglieder seien sich einig, dass es erforderlich sei, sich professioneller aufzustellen.

Die Ankündigung mag für viele überraschend kommen. Für die Betroffenen wird es jedoch ein Abschied, der von langer Hand vorbereitet ist. Diedrichsen ist 67, Eickenscheidt 76 Jahre alt – ein Alter, in dem andere längst ihren Ruhestand und den neu gewonnenen Freiraum genießen.

Früher erarbeiteten Beiräte das Programm

Hella Eickenscheidt sagt: „Es war ein langer Prozess. Wir sind seit Jahren in der Diskussion, wie es weitergehen soll.“ Die Entwicklung sei immer mehr in die Breite gegangen, die Anforderungen gestiegen. „Wir basteln schon lang an einer Struktur in Richtung professioneller Betrieb.“ Zum Verein sei sie durch ihren Mann Fritz Eickenscheidt gekommen, der die Ausstellungsaufsichten organisiert habe. Mit einem Schmunzeln sagt Armin Diedrichsen: „Er hat sie mitgequatscht.“

Seit 2016 arbeitet sie im Vereinsvorstand, ist im sechsten Jahr dessen Vorsitzende. „Weitere drei Jahre scheinen mir nicht angemessen.“ Diedrichsen sagt: „Ich bin 2002 Mitglied geworden, weil ich einen Chor gründen wollte:“ Zu dieser Zeit hätten die Beiräte das Programm erarbeitet. Nach seiner Wahl zum Beirat sei er für die Sparte Kleinkunst zuständig gewesen. Der Umbau der Reithalle 2005 habe neue räumliche Möglichkeiten eröffnet. Mit der Wiedereröffnung ein Jahr später seien einschneidende strukturelle Veränderungen einhergegangen.

Nächste Generation wünscht sich mehr Nähe

Der Beirat gab die Verantwortung für das Programm ab und wurde zum beratenden Instrument des Vorstands, dafür stieg Diedrichsen als Programm-Manager ein. Und behielt dabei immer noch seine eigenen Projekte im Blick. Kultur als Dreh- und Angelpunkt des beruflichen und privaten Engagements. „Wenn man mehr als 40 Jahre Kultur macht, ist der Punkt erreicht, wo es genug ist“, sagt Diedrichsen. Für einen Betrieb wie diesen halte er sich mittlerweile für „zu alt und abgenutzt“. „Ich fände es schön, wenn sich jemand findet, der sich mehr über Dinge aufregt“, sagt er – und dabei klingt so etwas wie Ermüdung mit, die von den immer gleichen und wiederkehrenden Themen, Gesprächen und Kontroversen im täglichen Kulturbetrieb herrühren mag.

„Es muss etwas geschehen“, sagt er im Hinblick auf die Herausforderung, eine neue Generation für Kultur zu begeistern. Eine Universität habe Nicht-Besucher kultureller Veranstaltungen zu ihren Gründen befragt, berichtet er. Das wichtigste Ergebnis der Umfrage sei gewesen, dass es ihnen an Nähe fehle. „Nähe herzustellen wird bedeutender“, sagt Diedrichsen. Natürlich könne ein Sinfonieorchester nicht im heimischen Wohnzimmer auftreten, aber auch inhaltlich lasse sich Nähe herstellen. „Durch mehr Beteiligungsprozesse und Interaktion.“

Gute Struktur wird den Einstieg erleichtern

Es habe im Marstall zwar eine Öffnung in die Gruppen und für die Öffentlichkeit gegeben, aber das sei nicht so sichtbar gewesen. „Hier sind Hunderte von Leuten, die sich treffen“, sagt Died­richsen. Ganz nach dem Motto: „Bereichert euch, und ihr werdet reicher weggehen, als ihr hergekommen seid“, so der Marstall-Chef. „Ich werde den Veränderungsprozess beobachten und begleiten, so lange das gewünscht ist“, kündigt er an. „Wenn es nicht gewünscht ist, ziehe ich mich zurück.“

Eickenscheidt ergänzt: „Wir werden Anfang des Jahres eine Überlappung haben.“ Sie sei optimistisch, dass der Übergang gelinge, „weil wir eine gute Struktur haben, in die man einsteigen kann“. Und ein funktionierendes Team. „Es ist so beeindruckend, wir machen unsere Abendveranstaltungen fast nur mit Ehrenamtlichen.“ 357 Mitglieder hat der Verein aktuell, etwa 25 bilden den festen Kern der Aktiven. Daher sei das wichtigste Kriterium bei der Auswahl eines neuen Geschäftsführers, dass er ins Team passe. Diedrichsen hofft, dass durch die Verjüngung des Betriebs ein neuer Weg eingeschlagen wird, „vielleicht mit neuer Stoßrichtung und neuer Energie“.

Beide bleiben als Ehrenamtliche erhalten

Außerdem verlasse er den Marstall nur in einer Funktion. „Chor und Theater wird es weiterhin geben“, sagt er. Ob er noch auf die Bühne gehe, könne er noch nicht sagen. „Irgendwann ist es mit der Eitelkeit auch genug“, sagt er selbstkritisch. Für Eickenscheidt ist wichtig, dass Diedrichsen dem Verein als Künstler erhalten bleibt. „Was wir brauchen ist Armins Inspiration und seinen künstlerischen Input“, sagt die Vorsitzende. Beide verspüren keine Wehmut angesichts der anstehenden Veränderungen. „Man muss im Leben Dinge abschließen“, sagt Diedrichsen. Er verspüre auch keine Lust, sich ständig neu zu erfinden.

Hella Eickenscheidt ist sich sicher, dass sie den richtigen Zeitpunkt für den Abschied gewählt hat. Sie sagt: „Man muss dann gehen, wenn einen die anderen bitten, noch zu bleiben.“ Sie erfülle ihre Aufgabe mit Freude. „Aber irgendwann ist auch mal gut.“ Sie wolle weiter als Ehrenamtliche im Einsatz sein. „Aber ich will aus der Verantwortung raus.“ Keinesfalls wolle sie „hier sitzen wie ein Guru und sagen, wie man es richtig macht“.

Loslassen – kein Problem. „Ich schaue auch gern von außen bei der weiteren Entwicklung des Kulturzentrums zu.“

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