Durchfahrtsverbot

Polizei fängt zu schwere Autos am Schleichweg ab

| Lesedauer: 7 Minuten
Elvira Nickmann
Das 1,5-Tonnen-Schild steht seit mehr als 30 Jahren am Theodor-Storm-Stieg. Die meisten Autos wiegen heute mehr, daher hält Thomas Schmitt die Beschilderung für überholt.

Das 1,5-Tonnen-Schild steht seit mehr als 30 Jahren am Theodor-Storm-Stieg. Die meisten Autos wiegen heute mehr, daher hält Thomas Schmitt die Beschilderung für überholt.

Foto: Elvira Nickmann

Verkehr im Theodor-Storm-Stieg in Ahrensburg wurde in den 80ern auf 1,5 Tonnen begrenzt. Doch heute wiegen viele Fahrzeuge mehr.

Ahrensburg. Als Thomas Schmitt an einem Abend Ende Juni mit dem Auto vom Ahrensburger Waldemar-Bonsels-Weg in den Theodor-Storm-Stieg einbog, erwartete ihn an dessen anderen Ende eine Überraschung. Auffällig war, dass ihm ein Pkw in Schlangenlinien im Rückwärtsgang entgegenkam, weil dessen Fahrer es sich offensichtlich anders überlegt hatte. Und dass sich am anderen Ende Richtung Theodor-Storm-Straße ein kleiner Stau gebildet hatte. Selbst als Schmitt an die Abzweigung vorgerückt war und eine Polizistin auf ihn zukam, war er sich keiner Schuld bewusst.

Autofahrer dachte zunächst an die „Versteckte Kamera“

Die Polizistin wollte seine Papiere sehen. Schmitt sagt: „Auf Nachfrage nach dem Grund der Kontrolle teilte sie mir mit, dass diese im Rahmen der allgemeinen Verkehrsüberwachung stattfinde und der Theodor-Storm-Stieg nur von Fahrzeugen mit einem Gewicht bis zu 1,5 Tonnen befahren werden dürfe.“ Die Polizistin habe auf einen alten VW Golf gezeigt, der mit 1,6 Tonnen über dem zulässigen Gewicht liege.

„Als ich ihr meinen Fahrzeugschein gezeigt habe, habe ich sie gefragt, ob ich vielleicht bei ,Versteckte Kamera‘ gelandet bin“, sagt Schmitt, den das ganze Szenario an einen Schildbürgerstreich erinnerte. Wie wohl die meisten Autofahrer hatte er das exakte Gewicht seines Pkw nicht parat. Außerdem nutzt er die kleine Verbindungsstraße schon seit etwa 30 Jahren, weil er gleich um die Ecke wohnt.

In Ahrensburg sorgen zwei Sperrungen für Umwege

Doch der Polizistin war nicht zum Spaßen zumute. Weil Schmitts Audi das zulässige Gesamtgewicht überschreitet, muss er nun ein Verwarnungsgeld bezahlen. Ihn ärgert mehr die Aktion an sich. Zumal zu einer Zeit, in der Sperrungen auf der Hamburger Straße und dem Wulfsdorfer Weg dafür sorgen, dass nicht nur er, sondern auch viele seiner Nachbarn sonst große Umwege in Kauf nehmen müssen. Schmitt: „Ich wohne in unmittelbarer Nähe und alle, die in demselben Gebiet wohnen, fahren da durch.“

Als wahren Grund hinter der Kontrolle vermutet er Beschwerden von Anliegern des Theodor-Storm-Stiegs. Aufgrund der Bauarbeiten nutzen mehr Autofahrer als sonst die Stichstraße. „Man kann sich doch in so einer Situation nicht hinstellen und sagen, da halte ich jetzt mal die Hand auf“, sagt Schmitt. „Ich fahre da ja nicht mit einem Lkw durch.“ Sondern langsam und vorsichtig, da auch Fahrradfahrer und Fußgänger den sogenannten Katzenbuckel, der etwa auf halber Strecke liegt, kreuzten.

Polizei stellte 54 Verstöße gegen Durchfahrtsverbot fest

Laut Anwohnern soll so ein Fahrverhalten eher die Ausnahme sein. Einer von ihnen, der seinen Namen nicht in der Zeitung gedruckt sehen will, schätzt, dass aktuell 400 bis 800 Autofahrer pro Tag den Schleichweg nutzen. „Bisher war das eine ziemlich ruhige Wohngegend. Doch wegen der Sperrungen wird die einzige Querstraße hier vermehrt genutzt.“ Viele Autos seien zu schnell unterwegs. „Manche heizen regelrecht hier entlang.“ Das berge erhebliche Gefahren vor allem für Kinder, ältere Menschen und Spaziergänger mit Hunden.

Der Revierleiter der Polizeiwache Ahrensburg, Jörg Marienberg, bestätigt die Kontrolle. Er sagt: „Am 28. und 29. Juni haben wir an vier Stellen in Ahrensburg die Geschwindigkeit kontrolliert, unter anderem in der Theodor-Storm-Straße.“ In Zuge dieses Vorgehens sei auch das Gewicht der Fahrzeuge überprüft worden, die den Theodor-Storm-Stieg befahren hätten. „An beiden Tagen haben wir insgesamt 54 Verstöße gegen das Durchfahrtsverbot festgestellt.“

Bürgerhinweise waren der Anlass für die Kontrolle

Zu schnell war in dem Bereich allerdings kaum jemand unterwegs, nur vier Fahrzeuge lagen über der zulässigen Geschwindigkeit. „Wir haben viele Bürgerbeschwerden“, sagt der Revierleiter. Die Polizei könne nicht auf jede Einzelne reagieren, aber wenn sich diese häuften und es mehrfache Nachfragen gebe, „dann lasse ich das auch mal überprüfen“. So sei dieser Einsatz aufgrund von Bürgerhinweisen erfolgt. Ergäben die Verkehrskontrollen, dass es zu vielen Verstößen komme, „dann überprüfen wir an diesen Stellen auch mehrfach“.

Auch bei Arno Land von der Verkehrsaufsicht der Stadt gingen Beschwerden ein. Doch die Behörde ist nicht für die Kontrolle des fließenden Verkehrs zuständig. Land: „Das ist Sache der Polizei.“ Land kennt den Schleichweg und weiß um dessen Beschilderung. Er hat nachgeforscht, wie es dazu kam.

Auf die sandige Oberfläche wurde Asphalt aufgebracht

Im Januar 1977 habe Starkregen dazu geführt, dass der Theodor-Storm-Stieg nicht mehr befahrbar gewesen sei. Dessen oberste Schicht habe aus Sand bestanden. Um ständige Ausbesserungsarbeiten zu umgehen, habe man irgendwann im Zeitabschnitt bis 1988 auf der Fläche „für kleines Geld“ eine Schicht Asphalt aufgebracht. Das gehe aus einer Notiz aus demselben Jahr hervor. „Wahrscheinlich wurde deswegen das Schild aufgestellt“, sagt Land.

Doch das Provisorium erwies sich mit weit mehr als 30 Jahren haltbarer als gedacht. Ebenso alt ist die Beschilderung. Diese hält Schmitt für überholt. „Damals gab es kaum Pkw, die dieses Gewicht erreichten. Da diente sie wohl dazu, den Schwerlastverkehr fernzuhalten.“ Doch inzwischen würden die Autos schwerer gebaut. Und bei Elektroautos sorgten Batterien für eine immense Steigerung des Gewichtes. „Worin besteht der Unterschied beim Befahren der Stichstraße mit einem Pkw mit 1,49 oder 1,7 Tonnen?“, fragt Schmitt. Sein Vorschlag: „Vielleicht sollte man mal die Beschilderung an die heutigen Fahrzeuge der Verkehrsteilnehmer anpassen.“

“Verkehr ist ja nicht weg, sondern nur woanders“

Schmitt sagt, dass er den Unmut der Anlieger durchaus verstehen kann. Andererseits handele es sich um eine zeitlich befristete Maßnahme. Was die Sperrung des Wulfsdorfer Weges angeht, wurde diese allerdings gerade um fünf weitere Wochen verlängert. Stadtsprecher Fabian Dorow sagt: „Da die erforderliche Verkehrsanordnung für die Sperrung der Straße ihre Wirkung nur bis zum 16. Juli entfaltet hat, musste ihr Geltungszeitraum vorerst bis zum 22. August formell verlängert werden.“ Die Verlängerung bedeute jedoch keine Verzögerung, die Arbeiten verliefen planmäßig. Die Stadt sei von einer Bauzeit von vier bis fünf Monaten ausgegangen. Start war am 6. April. „Damit wäre die Maßnahme bis Ende August im idealen Zeitfenster planmäßig abgeschlossen.“

„Wenn der Theodor-Storm-Stieg von den meisten Autofahrern nicht genutzt werden darf, ist der Verkehr ja damit nicht weg, sondern nur woanders“, gibt Schmitt zu bedenken. Wenn er rund zehn Minuten länger durch Ahrensburg fahre, nur um nach Hause zu gelangen, belaste er andere überproportional stärker, nur damit einige wenige Anwohner verkehrsberuhigter wohnen könnten.

Arno Land will jetzt mit den Tiefbauexperten sprechen, ob eine Erhöhung des zulässigen Gesamtgewichts denkbar wäre. Er sagt: „Im Verkehrsrecht gibt es keinen Bestandsschutz.“ Änderungen seien immer möglich. Land: „Wenn man es besser machen kann, warum nicht?“

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