ADFC-Umfrage

Stormarner Städte enttäuschen beim Fahrradklima-Test

| Lesedauer: 5 Minuten
René Soukup
Vielerorts in Stormarn wünschen sich Bürger bessere Radwege. Ein Thema sind auch Sharing-Angebote.

Vielerorts in Stormarn wünschen sich Bürger bessere Radwege. Ein Thema sind auch Sharing-Angebote.

Foto: HA

Bundesweite ADFC-Umfrage. Sechs Stormarner Städte sind gelistet. Ahrensburg und Glinde haben sich immerhin verbessert.

Ahrensburg.  Alle zwei Jahre initiiert der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) den bundesweiten Fahrradklima-Test. Bürger können dabei die Situation in ihren Kommunen mit Schulnoten bewerten. Rund 230.000 Menschen haben vom vergangenen September bis November mitgemacht – Rekord. Gelistet sind auch sechs Stormarner Städte. Das Ergebnis wurde jetzt veröffentlicht und ist enttäuschend, auch wenn es in zwei Fällen Verbesserungen gibt. Denn im Schnitt erreicht der Kreis gerade einmal eine Vier, ist damit am Sitzenbleiben vorbeigeschrammt.

Jürgen Hentschke, stellvertretender ADFC-Kreisvorsitzender, sagt zu den Ergebnissen: „Es ist erschreckend. In den Kommunen ist mehr Personal nötig für die Verwirklichung von Radstrategien. Entsprechende Konzepte liegen ja in den Schubladen.“ Die Politik habe Signale aus der Bevölkerung indes gehört. Der 66-Jährige geht mit Verwaltungen hart ins Gericht: „Das generelle Problem sind Verkehrsaufsichtsbehörden. Sie sind träge und nicht entscheidungsfreudig.“

Die Durchschnittsnote für Deutschland lag wie schon 2018 bei 3,9. Seit Beginn der Corona-Pandemie gibt es laut ADFC nur in Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern deutliche Signale zu mehr Fahrradfreundlichkeit. Eingeflossen in die Statistik sind Kommunen mit mindestens 50 Beurteilungen. Grundlage war ein Fragebogen, der in mehrere Kategorien unterteilt ist: Dabei geht es zum Beispiel um Sicherheit und Komfort beim Radfahren, den allgemeinen Stellenwert und die Infrastruktur. Aussagen wurden auch darüber getroffen, ob Verwaltungen die Belange der Radfahrer ernst nehmen und diese beim Tritt in die Pedale in ihrem Ort Spaß haben oder Stress empfinden.

Ahrensburg

Wenn es einen Sieger in Stormarn gibt, dann ist es die Schlossstadt. Sie verbesserte sich binnen zwei Jahren von der Note 4,3 auf 3,9. In der sogenannten Ortsgrößenklasse von 20.000 bis 50.000 Einwohnern bedeutet das Platz 205 von 415 aufgeführten Kommunen. 165 Menschen haben die größte Stadt im Kreis bewertet. Im positiven Bereich nennt der ADFC Medienberichte, Radfahren durch Alt und Jung sowie die Fahrradförderung in jüngster Zeit. „Es wurde viel gemacht. Ich denke da an die Radabstellanlage am Bahnhof, den Weiterbau der Veloroute zwei sowie die Erneuerung von Radwegen“, sagt Hentschke. Negativ fallen die Führung an Baustellen sowie Hindernisse auf Radwegen ins Gewicht. „Das sind Mülltonnen, abgestellte Autos und dort platzierte Bauschilder“, berichtet Stormarns ADFC-Vize. Letzteres sei Sache der beauftragten Firmen, allerdings prangert er die Bauaufsicht wegen Nachlässigkeit bei der Kontrolle an.

Glinde

Einen Schritt in die richtige Richtung hat auch Glinde vollzogen, sich von 4,1 auf 3,9 gesteigert. Macht Platz 222 von 418 in der Ortsgrößenklasse bis 20.000 Einwohner. Als Stärken sind von den 107 Teilnehmern vor allem die Erreichbarkeit des Stadtzentrums, zügiges Radfahren und Abstellanlagen erwähnt. „Der ADFC hat hier viele Dinge angeregt. So wurde ein Radwegekonzept erstellt“, erklärt Hentschke. Die Stadt tue jetzt mehr. Negativ aufgefallen ist den Glindern das Thema Fahrraddiebstahl. Und sie wünschen sich öffentliche Räder, also Sharing-Angebote. Bei diesem Punkt haben sie die Note 5,5 gegeben. Auch Breite und die mangelnde Reinigung von Radwegen sind ihnen ein Dorn im Auge.

Bargteheide

In der identischen Ortsgrößenklasse wie Glinde ist Bargteheide und erst auf Platz 344 gelistet. Die 4,2 hatte die Stadt bereits vor zwei Jahren bekommen. „Stillstand ist Rückschritt“, sagt Hentschke. Während die Bürger zumindest die Erreichbarkeit der City loben, sind bei den negativen Merkmalen das Fahren auf Radwegen und -streifen dokumentiert. Und: Bargteheider plädieren für die Installation von Leihfahrrädern.

Reinbek

Unverändert schlecht beurteilen Reinbeker den Zustand in ihrer Stadt, gaben wieder die Note 4,3, was Rang 356 bedeutet. Nur 59 Kommunen sind schlechter. „Vieles ist in der Pipeline, aber an der Umsetzung hapert es noch“, sagt Hentschke. Nicht nur dort müsse man jetzt reagieren, „ansonsten haben wir in fünf Jahren ein Chaos auf den Straßen“. Besonders kritisch sehen Reinbeker die Beschaffenheit der Radwege sowie die Wegweiser. Gut finden sie die Akzeptanz von Radfahrern als Verkehrsteilnehmer und ordnen die Mitnahme der Geräte etwa in Bussen als Stärke ein.

Bad Oldesloe

„Die Kreisstadt ist der eindeutige Verlierer. Hier wurde in jüngster Zeit nichts gemacht“, sagt Hentschke und spielt damit auf mangelnde Deckensanierung an. Auch störe ihn die Wegnahme von Fahrradboxen am Bahnhof. Binnen zwei Jahren rutschte Bad Oldesloe von 4,1 auf 4,3 ab, was Platz 358 in der Ortsgrößenklasse zwischen 20.000 und 50.000 Einwohnern bedeutet.

Reinfeld

Die Note 4,3 gaben auch 82 Reinfelder ihrer Kommune. Einen Vergleichswert gibt es nicht. Die Karpfenstadt ist zum ersten Mal beim ADFC-Fahrradklima-Test dabei. Positiv aufgefallen sind Abstellanlagen, negativ die Oberflächen von Radwegen.

+++ Mängel können online gemeldet werden +++

Der ADFC-Landesverband hat im Internet eine Beteiligungsplattform unter dem Motto „Verkehrswende selber machen“ installiert. Bürger aller Kommunen in Schleswig-Holstein können auf www.adfc-sh.de zum Beispiel Mängel an Radwegen in ihrem Ort melden, Projekte eintragen und Anregungen geben.

Auf einer Karte ist dafür ein Punkt einzutragen, zur Auswahl stehen mehrere Kategorien wie Mobilität managen, ÖPNV, Fuß- und Radverkehr, sichere Wege zur Schule sowie Mitfahren und Teilen.

Die Einträge werden nach ADFC-Angaben in diesem Jahr in Workshops in allen Regionen mit Bürgern, Kommunalpolitikern, anderen Akteuren diskutiert und auf eine Umsetzung überprüft.

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