Serie

Woher ein Ahrensburger Kindermusiker seine Inspiration nimmt

Der Ahrensburger Kindermusiker Oliver Ehmsen im Gespräch mit Abendblatt-Redakteurin Janina Dietrich. Er sitzt auf seiner Lieblingsbank in Ahrensburg. Sie befindet sich am Waldrand zwischen dem Bredenbeker Teich und Gut Wulfsdorf.

Der Ahrensburger Kindermusiker Oliver Ehmsen im Gespräch mit Abendblatt-Redakteurin Janina Dietrich. Er sitzt auf seiner Lieblingsbank in Ahrensburg. Sie befindet sich am Waldrand zwischen dem Bredenbeker Teich und Gut Wulfsdorf.

Foto: Harald Klix

Bank-Geheimnisse: In unserer Serie treffen wir Stormarner auf ihrer Lieblingsbank. Heute: der 42 Jahre alte Künstler Oliver Ehmsen.

Ahrensburg.  Neue Inspiration bekommt Oliver Ehmsen täglich: Dafür muss der Grundschullehrer nur die Augen offenhalten – im Unterricht oder auf dem Pausenhof. Der 42-Jährige komponiert Kinderlieder. In diesem Jahr hat der Ahrensburger sein erstes Album veröffentlicht, ist damit gerade auf dem zweiten Platz beim Deutschen Rock- und Pop-Preis in der Kategorie „Bestes Kinderlieder-Album“ gelandet.

Ausbildung zum Verlagskaufmann absolviert

Die Musik habe schon immer eine wichtige Rolle in seinem Leben gespielt, erzählt Ehmsen. Er sitzt auf seiner Lieblingsbank in Ahrensburg, mitten in der Natur zwischen dem Bredenbeker Teich und Gut Wulfsdorf, hat sein Keyboard dabei. Als Kind habe er zunächst Blockflötenunterricht bekommen, „das hat mir überhaupt nicht gefallen“, sagt er. Viel mehr habe ihn der Klavierschüler begeistert, der immer vor ihm an der Reihe war. „Ich bin extra früher zum Unterricht gegangen, weil ich zuschauen wollte“, sagt Ehmsen, der in Reinbek geboren und aufgewachsen ist. Er bettelte so lange, bis seine Eltern ihm ein gebrauchtes Klavier kauften und er das Instrument wechseln durfte.

Das Klavierspielen öffnete ihm schnell eine weitere Tür: Seine Mutter leitete damals eine Kindertagesstätte in Reinbek, bei Veranstaltungen wie dem Adventssingen durfte ihr Sohn fortan die Kinder musikalisch begleiten. „Damals hatte ich noch keine eigenen Lieder, sondern habe Stücke wie ,Die Weihnachtsbäckerei’ von Rolf Zuckowski gespielt“, sagt Ehmsen. Zwischendurch habe er mal eine Rockband gehabt, „aber der Faden zu den Kinderliedern ist nie ganz abgerissen“.

Trotzdem entschied sich Oliver Ehmsen nach dem Abitur zunächst für eine andere berufliche Richtung: Er absolvierte eine Ausbildung zum Verlagskaufmann. „Ich konnte mir aber nicht vorstellen, diese Arbeit mein Leben lang zu machen“, sagt er. Im Hinterkopf habe er immer die Pädagogik gehabt. Deshalb begann er, Germanistik und Religion zu studieren, dazu Musik im Nebenfach.

Ein Tag in der Woche ist für Musikprojekte frei

Über ein Praktikum kam er zur Grundschule Mühlenredder in Reinbek, leitete dort mehrere Jahre den Schulchor. Auch sein Referendariat machte er an der Einrichtung, anschließend folgte der Wechsel zur Grundschule Rahlstedter Höhe in Hamburg. Dort unterrichtet er Musik und ist mittlerweile auch stellvertretender Schulleiter.

Durch die Arbeit mit Kindern seien vor etwa 15 Jahren seine ersten eigenen Lieder entstanden, sagt Ehmsen. Damals habe er zwei CDs mit je fünf Stücken aufgenommen. Später veröffentlichte er zwei Liederbücher inklusive CDs mit insgesamt 60 Songs.

Doch dann sei er an der Schule so stark eingespannt gewesen, dass er immer weniger Zeit für seine Leidenschaft gefunden habe. „Vor drei Jahren habe ich gemerkt, dass es ohne die Kindermusik nicht geht“, sagt er. Mittlerweile arbeitet Ehmsen nur noch vier Tage pro Woche an der Grundschule, den fünften Tag hat er für seine Musikprojekte frei.

Oliver Ehmsens Lieder sind ganz unterschiedlich

Der Ahrensburger organisiert Mitmachkonzerte in Grundschulen und Kitas, hauptsächlich in der Metropolregion Hamburg. Sie dauern meist 45 Minuten, mal wird im kleinen Kreis mit 25 Kindern gesungen, mal mit 300 Schülern auf dem Pausenhof. Er sagt: „Strahlende Kinderaugen zu sehen, das macht mir Spaß, egal ob im Unterricht oder bei den Konzerten.“

Anfang des Jahres, kurz vor Beginn der Corona-Pandemie, machte er erstmals in Österreich mit Kindern einer Kita Musik. Ein besonderer Moment, denn Oliver Ehmsen ist großer Fan des Landes. Seit Jahren fährt er regelmäßig mit seiner Familie zum Urlaub nach Bad Aussee in der Steiermark. „Generell freue ich mich aber über jedes Konzert, das ich spielen kann“, sagt er. Durch Corona waren Auftritte in den vergangenen Monaten kaum möglich. Vor dem erneuten Lockdown habe er im September und Oktober einige wenige Konzerte vor kleineren Gruppen geben können.

Seine Lieder sind ganz unterschiedlich – mal zum Mitsingen, Tanzen und Bewegen, aber auch zum Zuhören und Nachdenken. In letztere Kategorie fällt zum Beispiel der Titel „Vielfalt ist das Leben“, in dem es um das gemeinschaftliche Miteinander geht, „das trotz aller Unterschiedlichkeiten für jeden so gewinnbringend ist“. Das Lied ist bei einem Schulprojekt entstanden – und hat vor einem Jahr den Wettbewerb „Klasse inklusiv – gemeinsam stark“ der Hamburger Schulbehörde gewonnen. Auch von Rolf Zuckowski gab es Lob. Im Jahr 2000 ist Oliver Ehmsen mit dem Reinbeker Pop-Chor bei der Elbtour des Kinderlieder-Pioniers in Hitzacker aufgetreten, seitdem sind die beiden in Kontakt geblieben.

Neue Lieder werden zuerst zu Hause vorgespielt

Die Rahlstedter Grundschüler sind in mehreren Liedern des Albums zu hören. Ursprünglich sollten es noch mehr sein. Doch wegen der Pandemie waren im Frühjahr keine Gesangsaufnahmen möglich, Oliver Ehmsen musste improvisieren und einige Solo-Stücke schreiben. Ideen hat er genug. Das Lied „Verkehrte Welt“ sei zum Beispiel entstanden, nachdem er Schüler beim Spielen auf dem Pausenhof beobachtet hatte. Sie tauschten die Bedeutungen von Wörtern, „Ja“ hieß bei ihnen „Nein“ und mit „vorwärts“ meinten sie „rückwärts“. Nicht selten kommen die Einfälle auch bei Ausflügen. „Meine Familie kennt das schon“, sagt er. „Sie muss dann drei Meter vorgehen, während ich einen kleinen Schnipsel mit dem Handy aufnehme.“

Neue Lieder werden zuerst zu Hause vorgespielt. Ehmsen lebt mit seiner Frau und Kind (8) in Ahrensburg, beide seien seine größten Kritiker. Danach bekommen seine Grundschüler die Titel zu hören – meist beim Pausensingen, das Oliver Ehmsen vor drei Jahren ins Leben gerufen hat. Dabei kommen jeden Tag Kinder klassenübergreifend zum Singen zusammen. Wenn alle 460 Grundschüler die Lieder können, bilden sie einen gemeinsamen Chor auf dem Schulhof oder in der Sporthalle. Es sei für ihn das schönste Kompliment, wenn die Kinder hinterher sagten: „Hat wieder viel Spaß gemacht heute“. „Die Kinder sind so begeisterungsfähig, das finde ich total toll“, sagt der Ahrensburger. „Aber sie sind auch ehrlich.“ Und so bekommt er für seine Stücke nicht nur Lob, sondern auch mal ein „Och nee, das ist langweilig“ zu hören. „Dann muss ich nachbessern“, sagt er. „Oder das Lied verschwindet erst mal ganz in der Schublade.“

Ehmsen: Musik ist für Kinder auch in Corona-Zeiten wichtig

Anders als in Schleswig-Holstein war das Singen an Hamburger Schulen zuletzt noch mit Abstand erlaubt. Musik sei wichtig – auch in Zeiten von Corona. „Sie fördert die positive Stimmung. Die Kinder können Spaß haben, ohne an Fernunterricht oder Ähnliches denken zu müssen“, sagt der Ahrensburger. „Das ist ein emotionaler Ausgleich, den viele gern annehmen.“ Und deshalb hofft er, dass bald auch wieder Mitmachkonzerte erlaubt sind.

Das Album „Fliegen“ kann für zehn Euro im Internet unter www.singen-ist-stark.de bestellt oder in Ahrensburg bei Heymann erworben werden. Die Buchhandlung im Kaufhaus Nessler bietet im Lockdown einen Abhol- und Lieferservice an. Bestellungen können unter Tel. 04102/66 62 72 und unter ahrensburg@buecher-heymann.de per Mail aufgegeben werden.