Werkzeughersteller

Ahrensburger Unternehmen will die Insolvenz überleben

1951 zog Behrens an die Bogenstraße in Ahrensburg. Seitdem wurde der Betrieb mehrfach erweitert.

1951 zog Behrens an die Bogenstraße in Ahrensburg. Seitdem wurde der Betrieb mehrfach erweitert.

Foto: Harald Klix

Traditionsunternehmen ist zahlungsunfähig. Geschäftsbetrieb läuft regulär weiter. Vorstand sieht gute Chancen für eine zügige Rettung.

Ahrensburg. Ein Ahrensburger Traditionsunternehmen kämpft um seine Zukunft. Das Management des Werkzeugherstellers Joh. Friedrich Behrens erstellt nach dem beim Amtsgericht beantragten Insolvenzverfahren in Eigenverantwortung ein Konzept für das Überleben der 110 Jahre alten Firma. Der Vorstandsvorsitzende Tobias Fischer-Zernin verbreitet Optimismus: „Wir sind zuversichtlich, dass wir auf diesem Weg die Unternehmensgruppe als Ganzes finanziell sanieren können.“

Am Standort Ahrensburg arbeiten 175 Beschäftigte

Seit 1951 hat der Hersteller von Druckluftnaglern und Befestigungstechnik seinen Hauptsitz an der Bogenstraße in Ahrensburg. Dort arbeiten rund 175 von weltweit mehr als 400 Beschäftigten. Sie bekommen für die nächsten drei Monate Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit. Nicht nur in der Schlossstadt, sondern auch in den anderen operativen Tochtergesellschaften laufe der Geschäftsbetrieb regulär und vollumfänglich weiter. „Die Behrens AG wird auch nach der Insolvenzeröffnung in der Lage sein, die Löhne zu zahlen“, versichert der Vorstand.

Dank guter Auslastung gebe es bei der Behrens AG aktuell auch keine Kurzarbeit mehr. Im ersten Halbjahr hatte die Gruppe wegen der Folgen der Corona-Krise noch darauf zurückgreifen müssen. Ob es auch in Ahrensburg Umstrukturierungen oder gar Entlassungen gebe, könne aktuell noch nicht gesagt werden. „Wir sind erst am Anfang unserer Überlegungen“, so die Führungsetage. Der Betriebsrat des Unternehmens, das in Deutschland als Erfinder der Mitarbeiterbeteiligung gilt (siehe rechts), sei von Anfang an in alle Schritte voll eingebunden worden.

Rückzahlung einer Anleihe konnte nicht finanziert werden

Der Vorstand betont, dass sowohl die Corona-Krise als auch das Insolvenzverfahren wirtschaftliche Auswirkungen auf das laufende und das Folgejahr haben werden. „Diese können zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch nicht abgeschätzt oder eine neue Ergebnisprognose abgegeben werden“, heißt es.

Behrens zur Seite stehen der vom Gericht bestellte vorläufige Sachwalter Rechtsanwalt Christoph Morgen (Kanzlei Brinkmann & Partner in Hamburg) und der Restrukturierungs- und Sanierungsexperte Tjark Thies (Insolvenz- und Wirtschaftsrechtskanzlei Reimer in Hamburg). „Wir analysieren noch die wirtschaftliche Gesamtsituation und Sanierungsoptionen der Behrens-Gruppe, sind aber schon jetzt zuversichtlich, dass Fortführung und Sanierung des Unternehmens gelingen werden“, sagt Thies. Und Christoph Morgen ergänzt: „Wir werden in den nächsten Wochen Gespräche führen und die verschiedenen Möglichkeiten ausloten, um dieses Traditionsunternehmen zu erhalten.“

Die Behrens AG war durch die gescheiterte Rückzahlung der Anleihe 2015/2020 in die Zahlungsunfähigkeit gestürzt. Bis kurz vor der Fälligkeit Mitte November hatte das Unternehmen noch mit dem sogenannten Debt-Fonds Patrimonium verhandelt, sich aber über wesentliche Vertragsinhalte nicht einigen können.

Produkte werden in mehr als 40 Ländern verkauft

„Wir haben bis zuletzt gekämpft, vor dem Hintergrund eines aktuell gut laufenden Geschäftes“, sagt Tobias Fischer-Zernin, der 1993 im Alter von 32 Jahren Vorstand wurde. „Am Ende ist die Finanzierung leider gescheitert.“ Das Insolvenzverfahren betreffe ausschließlich die Behrens AG in ihrer Funktion als Muttergesellschaft, nicht aber die Tochtergesellschaften. Durch die Eigenverwaltung könne der Vorstand die finanzielle Restrukturierung in einem rechtlich gesicherten Rahmen umsetzen. Das solle „zügig und nachhaltig“ geschehen.

Johann Friedrich Behrens gründete seine Im- und Exportfirma, die auch Heftklammern herstellte, 1910 in Hamburg. Nach dem Verkauf an seine Schachfreunde Carl Backhaus und Hans Rodmann bauten diese die Fertigung von Befestigungsmitteln und druckluftbetriebenen Werkzeugen aus. Heute ist die Behrens AG einer der europaweit führenden Hersteller von Befestigungstechnik für Holz und ähnliche Werkstoffe. Ihre Produkte verkauft sie unter den Marken „BeA“ und „KMR“ in mehr als 40 Ländern. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei 118,8 Millionen Euro. Das waren 1,5 Prozent weniger als 2018.

Aktienkurs ist mittlerweile auf 40 Cent gesunken

Während sich die Zahlen im Kernmarkt Europa positiv entwickelten (plus 1,0 Prozent), gab es außerhalb ein Minus von 5,1 Prozent. Das operative Ergebnis (EBIT) sank deshalb von 3,5 auf 3,4 Millionen Euro. Der Aktienkurs, der Anfang 2020 noch bei mehr als zwei Euro gelegen hatte, hat sich jetzt bei 40 Cent eingependelt. Anfang 1995 waren es mehr als zwölf Euro.

In Ahrensburg hat Behrens zuletzt stark in die Lagerkapazität investiert. Auf rund 6000 Quadratmeter Fläche gibt es jetzt fast 9000 Palettenstellplätze. Täglich werden etwa 140 Tonnen Ware versendet.

Bundesweit Vorbild

Das Ahrensburger Modell der Firma Joh. Friedrich Behrens wurde deutschlandweit zum Synonym für Mitarbeiterbeteiligung. „Wer mitbestimmen will, der muss auch alle Konsequenzen zu tragen bereit sein. Daher kann es nicht nur bei einer Mitbestimmung bleiben, sondern es muss auch durch eine Gewinnbeteiligung zum Miteigentum am Betrieb führen“, sagte der Chef Carl Backhaus.

Er hatte den im Krieg weitgehend zerstörten Hamburger Betrieb 1945 mit Hans Rodmann (starb bereits 1953) für 20.000 Reichsmark gekauft.1951 zog die Firma ins neue Gewerbegebiet West nach Ahrensburg. 1958 wurde sie in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. 1959 schenkte Backhaus Mitarbeitern sogar Einfamilienhäuser.

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten ließen sich ab 1973 sehr viele Beschäftigte ihre Anteile am Unternehmen – aus rechtlichen Gründen mittlerweile eine Offene Handelsgesellschaft (OHG) – auszahlen. Das führte fast zum Ruin. Ende 1975 hörte Carl Backhaus auf.1977 folgte die Umwandlung zur AG. Die Aktien sind seit 1980 an der Börse handelbar. Carl Backhaus starb 1992 im Alter von 90 Jahren. Im Gewerbegebiet Beimoor-Süd ist eine Straße nach ihm benannt.