Extremsport: Jörg Koenig in heimischen Gefilden

Kurzer Stopp auf der Elbbrücke

Der Ultralangläufer aus Stade hat schon 2100 Kilometer hinter sich, bis zum Nordkap sollen weitere 2500 folgen.

Hohnstorf/Stade

Ich hatte es Jörg Koenig vor seiner Abreise zum Start des Transeuropa-Laufs im italienischen Bari versprochen: "Wenn Sie die ersten 2000 Kilometer durch Italien, über die Alpen und durch Deutschland geschafft haben und in den Norden kommen, werde ich ein paar Kilometer mitlaufen." Es war die Kreisstraße 28 von Scharnebeck nach Hohnstorf, gestern morgen gegen zehn Uhr, da habe ich den Laufabenteurer aus Stade auf dem Radweg entdeckt. Und fast nicht erkannt. Er hatte eine Kappe mit einem langen Sonnenschutz bis auf die Schultern auf dem Kopf. Europäer in der Wüste pflegen so etwas zu tragen. Unter der Kappe das Gesicht, bereits von der Sonne verbrannt. Dann das bekannte Lachen. "Da sind Sie ja tatsächlich."

"Sie überraschen mich, Herr Koenig. Ich hatte mich darauf eingestellt, einen schon ausgezehrten, müden Mann zu begleiten. Sie und die anderen Teilnehmer haben in 30 Tagen schon mehr als 2100 Kilometer laufend überwunden. Aber Sie sehen ja aus, als wenn der Transeuropa-Lauf reiner Urlaub für sie wäre."

Jörg Koenig lächelt: "Dabei habe ich mich heute morgen um sechs Uhr beim Start der 31 Etappe in Bienenbüttel wirklich nicht gut gefühlt."

"Schlecht geschlafen? Wenn Sie jeden Tag neun bis zehn Stunden 70 oder 80 Kilometer zurücklegen, dann schlafen Sie auch auf einem Nagelbrett ein", sagte er. Die Sonne brennt. Wir haben inzwischen den gleichen Laufrhythmus gefunden. Ein Tempo, bei dem man locker reden kann. "Wenn man jeden Tag so unfassbar viel seinem Körper abverlangt, kann man sich da überhaupt noch auf die Landschaft, auf Städte und auf Menschen konzentrieren?"

Die Antwort kommt prompt. "Eigentlich bekomme ich alles mit. Wenn es gut läuft, vergisst du ja die Beine und die Straße. Als ich eben durch Scharnebeck gelaufen bin, habe ich an die 24-Stunden-Läufe gedacht, die ich bereits viermal geschafft habe."

Wir werden von einem kleineren, auch nicht mehr so jungen Läufer überholt. "Das ist Henry", sagte Jörg Koenig. "Der hat es besonders eilig, der will nach Hause. Henry wohnt ganz oben in Schweden. Und da wollen wir ja noch alle hin."

"Lernt man bei einer solchen Extrembelastung auf jedes kleinste Zerren und Ziehen im Körper zu achten?" will ich wissen. "Natürlich, ganz extrem. Da muss ich ja auch Egoist sein. Das Geheimnis, so lange so weit laufen zu können, heißt: Tue nie etwas gegen deinen Körper. Wenn der mich wissen lässt, dass er sich müde und kaputt fühlt, dann marschiere ich, bis er sich erholt hat. Und wenn es irgendwo sticht und zieht, versuche ich, andere Schritte zu machen." In Hohnstorf an der Verpflegungs-Station nimmt Jörg Koenig eine Stulle mit Wurst und Käse und drei Riegel Puffreis mit Schokolade. "Essen müssen wir den ganzen Tag", sagte er, "schließlich verbrauchen wir bis zu 7000 Kalorien." Dann schaut er auf seine GPS—Satelliten-Uhr, die ihm genau anzeigt, wie viel Kilometer er schon wieder hinter sich gelassen hat. "Nur noch 40 Kilometer bis Trittau", sagte Jörg Koenig, winkt kurz mit der Stulle in der Hand und tappelt davon, Richtung Lauenburg, über die Elbbrücke. 2500 Kilometer liegen noch vor den 53 Extremläufern, das Ziel ist der Nordkap.