Das Geheimnis des anonymen Briefes

Foto: Kerstin Lorenz

Neue Zeugen könnte dem Stader Gericht Erkenntnisse im Mordfall Swantje bringen

Stade. Immer neue Enthüllungen im Mordfall Swanhild S., genannt Swantje, kommen häppchenweise bei jedem Verhandlungstag zutage. Sie bringen Licht in das ominöse Dunkel einer grausamen Tat, die vor 29 Jahren begangen wurde. Ein anonymer Brief, der beim Landgericht am zweiten Verhandlungstag, am 5. August, einging, macht es nun notwendig, dass Staatsanwalt Arne Wieben einen neuen Beweisantrag in dem aufwendigen Indizienprozess stellen muss.

Sollte der Inhalt des Briefes zutreffen, dann könnte der Angeklagte dem Opfer kurz vor der Tat nachgestellt haben. Um zu klären, ob der Angeklagte Swanhild S. unter anderem mit Anrufen belästigt hat, beantragt der Staatsanwalt, weitere Zeugen zu laden.

Seit dem 22. Juli dieses Jahres beschäftigt sich die 2. Große Strafkammer des Landgerichts Stade unter Vorsitz von Richter Behrend Appelkamp mit dem Verbrechen, das bereits in der Nacht zum 24. August 1981 begangen wurde. Angeklagt ist Ferdinand H., auf dessen Spur die Polizei zunächst nach einem anonymen, telefonischen Hinweis im Jahr 2008 und später nach einem Gentest kam.

Der Angeklagte sagt, er habe Swantje S. nie gesprochen

Der heute 50-jährige Mann, der aus dem gleichen Ort stammt wie das Opfer soll die damals 21-jährige Swantje laut Anklageschrift mit 64 Messerstichen getötet haben. Swantjes unbekleidete Leiche wurde unweit ihres Heimatortes Neuenkirchen im Landkreis Cuxhaven, zwischen Scholien und Brüninghemm, am Rande eines Kohlfeldes gefunden.

Diesen Ort wollte der Angeklagte, der im Prozess beharrlich schweigt, zunächst nicht gekannt und nie betreten haben. Auch die gleichaltrige Swantje habe er nur vom Sehen gekannt, nie mit ihr gesprochen, gab Ferdinand H. bei seinen ersten Vernehmungen bei der Polizei zu Protokoll.

Nach einer freiwillig abgegebenen Speichelprobe konnten Experten des Landeskriminalamtes Hannover jedoch nachweisen, dass die DNA-Spuren am T-Shirt der getöteten Swantje von H. stammen, und zwar mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:88 Milliarden. Die derzeitige Zahl der Weltbevölkerung liegt bei etwa 6,9 Milliarden Menschen. Mit diesen Fakten konfrontiert, räumte Ferdinand H. ein, letztlich doch an der Stelle gewesen zu sein, wo die tote Swantje gefunden wurde. Möglicherweise habe er in Panik die Leiche berührt oder ihre Kleidung angefasst.

Polizist berichtet von der Vernehmung des nunmehr angeklagten Ferdinand H.

Er sei mit dem Auto auf der Straße nahe des Fundortes gefahren, habe dabei einen Mantel an einem Straßenpfosten hängen sehen, sei dann ausgestiegen und den Feldweg bis zu der versteckt liegenden Stelle gegangen, wo Swantje lag. Sein Fehler sei es damals gewesen, dass er nicht die Polizei informiert habe, gab Ferdinand H. 2008 zu Protokoll.

Der Polizeibeamte Rainer Brenner hat ihn als Hauptsachbearbeiter der Sonderkommission "Alte Mordfälle" mehrfach vernommen und wurde nun als Zeuge gehört. "Sonderbar empfand ich, dass Ferdinand H., nachdem ich ihm ein ganz normales Foto von Swanhild S. zeigte, stark würgte und erbrach", berichtete Brenner vor Gericht und sagte zudem wie auch alle anderen bislang gehörten Zeugen, dass H. stets behauptet hatte, Swantje nur vom Sehen gekannt zu haben.

Sowohl die beste Freundin des Opfers, Elke A., als auch Freunde aus dem Kirchenkreis, in dem sich Swantje engagierte, und ihre Mutter erinnerten sich, dass Swantje nie einen Ferdinand H. erwähnt habe. Ob es doch Kontakte zwischen den beiden gab, muss nun vom Gericht geprüft werden.