Vorwurf des versuchten Betruges

Ein Todesfall und viele offene Fragen

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Andreas Schmidt

Jörg P. starb bei Baumfällarbeiten. Seine Witwe hoffte auf Geld und steht nun wegen versuchten Betruges und Urkunden-fälschung vor Gericht.

Winsen. Sonja P. blickt den Richter an und antwortet mit schwacher Stimme in kurzen Sätzen. "Das, was ich eben gehört habe, ist nicht wahr. Ich war dabei, als mein Mann unterschrieben hat. Ich wünsche mir meinen Mann auch zurück. Ich habe diese Versicherung nicht betrogen. Ich würde meinen Mann gerne als Zeugen hören." Sie weint.

Sonja P.s Mann Jörg ist tot. Er starb am 1. April 2010 bei Baumfällarbeiten, im Alter von 45 Jahren. An diesem Nachmittag sitzt die 33 Jahre alte Witwe aus Artlenburg (Landkreis Lüneburg) im Sitzungssaal 226 des Amtsgerichts Winsen, mit ihr der freie Finanzmakler Marcus R., 42, aus Salzhausen (Landkreis Harburg). Die Staatsanwältin aus Lüneburg wirft beiden versuchten Betrug und Urkundenfälschung vor. Sonja P. und Marcus R., sagt die Staatsanwältin, hätten die Münchner WWK Lebensversicherung versucht zu täuschen: Jörg P. habe zwei Wochen vor seinem Tod, am 15. März 2010, daheim in Artlenburg bei Marcus R. eine Risiko-Lebensversicherung über eine viertel Million Euro abgeschlossen. Hat er aber nicht, so die Anklage. Die WWK sagt, das Original des Antrags sei nie in München oder Berlin eingetroffen.

"Der Termin zwischen Herrn R. und meinem Mann ist telefonisch vereinbart worden", sagt Sonja P. Marcus R. habe eine Analyse gemacht. Demnach brauchte ihr Mann eine Risikolebensversicherung. Sie selbst hatte bereits ein Jahr zuvor eine Risikolebensversicherung über 250 000 Euro für ihren Mann abgeschlossen. "Warum jeweils über 250 000 Euro?", will Richter Dr. Michael Herrmann wissen. "Die Summe sollte im Ernstfall die Schulden von Hof und Privatgrundstück ablösen", sagt Sonja P.

40-Jähriger stirbt bei Baumfällarbeiten

Allerdings habe der Finanzmakler Marcus R. am 15. März 2010 gegen 18 Uhr kein Beratungsprotokoll dabei gehabt. Das habe er nach seinem Besuch in Artlenburg per E-Mail zugesandt und sich dann zwei Tage später "herausgeholt". "Und das ist die Unterschrift ihres Mannes?", will der Richter von Sonja P. wissen. "Mal gewesen", antwortet die Programmiererin und blickt auf die Kopie eines Beratungsprotokolls.

"Was war in der Woche nach dem Tod ihres Mannes?", fragt der Richter. "Ich hatte die Beerdigung zu organisieren für einen 45 Jahre alten Mann. Mein Kind, sieben Jahre alt, war außer sich und hat nach Papa geschrien. Es war sehr chaotisch." Am Todestag habe sie gleich den Finanzmakler Marcus R. informiert. "Herr R. war auf dem Friedhof in Echem. Wir haben nicht miteinander gesprochen."

Marcus R. sagt, er habe den Versicherungsantrag ausgefüllt, Jörg P. habe ihn unterschrieben, er habe ihn zu Hause am Computer eingescannt und zur Postagentur des Edeka Aktiv Marktes Düver in Salzhausen gebracht. Die Agentur hat wochentags von 8 bis 20 Uhr geöffnet, danach können Briefe eingeworfen werden. "Ich scanne den Antrag ein, und schicke das Original zur Gesellschaft. Wenn es eingescannt ist, kommt das restliche Papier in den Schredder, dann habe ich dünnere Akten", sagt Marcus R. und lächelt kurz. "Heute weiß ich, dass es ein Fehler war."

Marcus R.s Rechtsanwalt meldet sich zu Wort: "Frau P. hat gesagt, sie war dabei als ihr Mann unterschrieben hat, und sie selbst waren auch dabei, stimmt das?" "Definitiv ja", sagt Marcus R.

Der Finanzmakler habe der WWK das Beratungsprotokoll in Kopieform zugesandt - um so die Antragstellung vom 15. März 2010 vorzutäuschen und die Auszahlung der vorläufigen Deckungssumme über 150 000 Euro an Sonja P. zu erreichen, sagt die Staatsanwältin. Aber die WWK spielte nicht mit. Der WWK-Jurist Jürgen L., 63, ist an diesem Tag von München nach Winsen gereist. "Den Originalantrag möchte ich sehen", sagt der WWK-Mann. Er hat die Unterschriften des verstorbenen Jörg P. mit den Kopien des Versicherungsantrags und des Beratungsprotokolls verglichen. Sein erster Befund: "Die Unterschriften stimmen nicht überein."

Und noch etwas kommt dem Versicherungsmann komisch vor: Auf der Kopie des Versicherungsantrages hat Marcus R. die Bereichsnummer 802. Das sei sein alter WWK-Bereich gewesen, der seit 2007 nicht mehr betreut werde. Auf dem Beratungsprotokoll vom 15. März 2010 hingegen stand die neue Bereichsnummer 963, die erst ab April 2010 vergeben worden sei. "Ich bin im Moment im Stadium des Wunderns", sagt der Richter.

Der Berliner WWK-Maklerbetreuer Alexander S. sagt, er habe Anfang Februar 2010 mit Marcus R. telefoniert. "Es kann sein, dass ich Herrn R. die neue Bereichsnummer 963 genannt habe", sagt der Maklerbetreuer. Aber er ist sich nicht sicher. Zudem hat er bei der Berliner Polizei laut Polizeibericht eine andere Aussage gemacht: Marcus R. habe die neue Nummer nicht gekannt.

"Was blüht ihnen, wenn sie verurteilt werden", will der Anwalt von Marcus R. wissen. "Ein Desaster, sagt der Salzhausener. "Wenn ich verurteilt werde, kann ich meinen Laden zumachen."

Der Prozess gegen Marcus R. und Sonja P. wird am Donnerstag, 1. Dezember, um 11 Uhr am Amtsgericht Winsen fortgeführt. Richter Dr. Michael Herrmann will klären, ob der verstorbene Jörg P. den Antrag und das Beratungsprotokoll selbst unterschrieben hat. Vor Prozessbeginn im Winsener Schloss saßen Sonja P. und Marcus R. im Wartezimmer nebeneinander. Gesprochen haben sie nicht, nur stumm ins Zimmer gestarrt. Einmal, ganz kurz, wendeten sie sich einander zu und ein Lächeln huschte über ihre Gesichter. Der Richter wird herausfinden müssen, was dieses Lächeln zu bedeuten hat.

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